Unternehmen verspüren mehr Gegenwind, Restrukturierungsfälle nehmen zu.

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26.11.18
Banking & Berater

Immer mehr neue Restrukturierungsfälle

In den Workout-Abteilungen der Banken spielt Digitalisierung noch keine große Rolle. Doch das dürfte sich ändern. Gleichzeitig zieht die Zahl neuer Restrukturierungsfälle an – auch bei den Erwartungen bestätigt sich die Trendwende.

Die Digitalisierung ist aktuell eine der größten Herausforderungen im Finanzsektor. Während sich im Privatkundengeschäft bereits eine Vielzahl neuer Technologien und Produkte beim Kunden bewährt, tun sich andere Bereiche im Bankwesen – etwa das Firmenkundengeschäft – mit derlei Veränderungen traditionell schwerer: Nicht nur die Kundenanzahl ist dort deutlich kleiner, was die Skalierung von Geschäftsmodellen erschwert. Auch die Anforderungen sind ungleich komplexer, als das bei Retail-Kunden der Fall ist.

Wie der Stand der Digitalisierung in den Restrukturierungsabteilungen der Banken und Sparkassen ist, war Gegenstand des 13. Restrukturierungsbarometers, das FINANCE in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Struktur Management Partner (SMP) im September und Oktober dieses Jahres durchgeführt hat.

Wenige schätzen ihren Bereich als digitalisiert ein

Die Antworten der insgesamt 83 Restrukturierungsexperten stützen den eingangs gestellten Befund: Demnach schätzen lediglich 16 Prozent der befragten Teilnehmer ihre Arbeit heute schon als stark oder sehr stark digitalisiert ein. 65 Prozent sehen hingegen noch deutliches Potential und beschreiben ihre Arbeit im Restrukturierungsbereich als schwach oder sogar sehr schwach digitalisiert.

Dass dies nicht so bleiben dürfte, darin ist sich die Mehrheit der Restrukturierungsexperten einig. Fast zwei Drittel (65 Prozent) rechnen mit einer weiteren Digitalisierung im Workout-Bereich. Lediglich 6 Prozent glauben, dass dies nicht der Fall sein wird.

Erneut mehr neue Restrukturierungsfälle

Was das allgemeine Restrukturierungsumfeld angeht, bestätigt die Herbstumfrage 2018 die seit einigen Quartalen diagnostizierte Marktlage: Im Workout-Bereich gibt es wieder mehr zu tun. Demnach haben 30 Prozent der befragten Restrukturierungsexperten angegeben, im vergangenen Halbjahr mehr neue Krisenfälle zur Bearbeitung auf den Tisch bekommen zu haben (Frühjahr 2018: 29 Prozent). Parallel dazu ging der Anteil derjenigen, die sinkende Zahlen gemeldet haben, auf 20 Prozent zurück (Frühjahr 2018: 34 Prozent). Das ist der niedrigste Wert seit Beginn dieser Erhebung im Herbst 2012.

Zugleich bestätigt sich die im vergangenen Jahr eingeleitete Trendwende bei den Erwartungen neuer Restrukturierungsfälle. Inzwischen gehen 42 Prozent der befragten Banker von zunehmenden oder deutlich zunehmenden Zahlen aus (Frühjahr 2018: 32 Prozent). Das Lager derer, die von unveränderten Fallzahlen ausgehen, liegt mit 34 Prozent nochmals deutlich unter dem Wert vom Frühjahr (40 Prozent). Nur noch 7 Prozent der Befragten gehen von abnehmenden oder deutlich abnehmenden Restrukturierungsfällen aus (Frühjahr 2018: 13 Prozent). 

„Vor allem im Bereich Automotive registrieren wir seit etlichen Quartalen eine kontinuierliche Zunahme der Restrukturierungsfälle.“

Georgiy Michailov, Struktur Management Partner

Auf Branchen heruntergebrochen, hat der Sektor „Textil und Bekleidung“ den Bereich „Handel und E-Commerce“ wieder von der Spitze der aktuellen Restrukturierungshitliste verdrängt. Auf Platz drei notiert die Branche „Fahrzeugbau und -zubehör“. „Vor allem im Bereich Automotive registrieren wir seit etlichen Quartalen eine kontinuierliche Zunahme der Restrukturierungsfälle“, konstatiert Georgiy Michailov von Struktur Management Partner.

Furcht vor Protektionismus

Bei der Frage, welche exogenen Faktoren die Restrukturierungsexperten als besonders problematisch für die von ihnen betreuten Unternehmen einschätzen, rangieren an erster Stelle die Gefahren für den globalen Handel durch protektionistische Tendenzen. Für 59 Prozent der Befragten ist dieses Thema wichtig oder sehr wichtig. Der Befund überrascht nicht, fällt in den Zeitraum zwischen der vorangegangenen und der aktuellen Befragung doch die Eskalation des von den USA angezettelten Handelskonflikts insbesondere mit China.

Auf Platz zwei wurde die Digitalisierung genannt. Für 55 Prozent der Restrukturierungsexperten ist dieses Thema wichtig bzw. sehr wichtig, gefolgt von den Risiken einer Wachstumsschwäche in der Eurozone (47 Prozent) und einer abrupten Zinswende (37 Prozent).
 
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Das 13. Restrukturierungsbarometer

Im Rahmen des Restrukturierungsbarometers befragt FINANCE in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Struktur Management Partner regelmäßig die Professionals aus dem Intensive-Care-Bereich von Banken. An der 13. Auflage mit dem Schwerpunkt Kreditvergabe haben sich 83 Befragte beteiligt. Zum Archiv geht es hier.