Oliver Wyman

29.03.18
Banking & Berater

„Investmentbanken werden in Kernkompetenzen angegriffen“

Das vergangene Jahr war für die deutschen Banken im Investmentbanking kein Gutes. Oliver-Wyman-Partner Alexander Peitsch erklärt, warum Deutsche Bank & Co. abgehängt wurden – und warum das so bleiben wird.

Die Geschäftsberichte der deutschen Banken für das Jahr 2017 haben ein flächendeckendes Problem im Investmentbanking offenbart. Die Erträge im Corporate & Investmentbanking (CIB) der Deutschen Bank sind um 15 Prozent auf 14,2 Milliarden Euro eingebrochen, die der Commerzbank um 6,5 Prozent auf rund 4 Milliarden. Auch die Landesbanken traten in Summe bestenfalls auf der Stelle und adjustieren deshalb ihr Kapitalmarktgeschäft nach.

Wo rührt der Ertragsschwund her? Ist er temporär oder strukturell? Und wie könnten die deutschen Geldhäuser das Steuer noch herum reißen? Darüber hat FINANCE mit dem Investmentbanking-Experten Alexander Peitsch von der Unternehmensberatung Oliver Wyman gesprochen.

 

Herr Peitsch, das Investmentbanking war über Jahre der Ertragsmotor der großen deutschen Banken. Warum stottert er jetzt?

Die Regulierung infolge der Finanzkrise hat die Erträge im Investmentbanking insgesamt auf ein niedrigeres Niveau gedrückt. Das hat den Wettbewerb um den verbleibenden Ertragspool angeheizt. Und im vergangenen Jahr tat dann die geringere Volatilität der Märkte ihr Übriges.

Die Teilbereiche des Investmentbankings

 

Wo war der Aderlass am größten?

Das ECM- und M&A-Geschäft dominieren global schon länger die US-amerikanischen Banken. Trotzdem haben deutsche Geldhäuser auch hierzulande nochmals Marktanteile verloren, vor allem weil andere Wettbewerber erstarkt sind. Das Momentum im Aktienderivate-Geschäft etwa liegt derzeit klar bei den französischen Großbanken. 

„Das Momentum im Aktienderivate-Geschäft liegt klar bei den französischen Großbanken."

Alexander Peitsch, Partner bei Oliver Wyman

Das Investmentbanking der deutschen Häuser war auch durch ihren starken Fokus auf das Risikomanagement für Firmenkunden zuletzt sehr FICC-lastig mit starken Interdependenzen zum Anleiheemissionsgeschäft. Doch im europäischen FICC-Geschäft sind die Erträge im vergangenen Jahr gegenüber 2016 um 13 Prozent eingebrochen.

 

Ist die FICC-Krise temporär oder strukturell?

Beides. Temporär, weil das vierte Quartal 2017 ertrags- wie volumenseitig einfach schwach war. Strukturell, weil die höhere Preistransparenz durch die Regulierung und neue elektronische Marktplätze zugenommen hat. Dadurch gehen Margen und Marktanteile für die Platzhirsche verloren.

 

Wird sich die Krise auch in diesem Jahr fortsetzen?

Ich gehe davon aus, dass der Markt dieses Jahr wieder etwas Boden gut machen und global um rund 8 Prozent wachsen wird – weniger im Handel mit Unternehmensanleihen, sondern eher im Zins- und Rohstoffhandel. Mittelfristig eröffnet der Brexit den europäischen Banken im deutschen FICC-Markt ein zusätzliches Ertragspotenzial von bis zu 2 Milliarden Euro. Dieses ergibt sich vor allem aus einer Verlagerung des Geschäftes mit kontinentaleuropäischen Kunden, die bislang aus London heraus bedient wurden. Diesen Pool wollen aber auch neue Wettbewerber abgreifen, zum Teil aus dem Lager der Fintechs. 

Banken werden in ihrer Kernkompetenz angegriffen

 

Was für Wettbewerber sind das, und wo greifen sie die Banken an?

Die Banken werden in zwei ihrer drei Kernkompetenzen unter Druck gesetzt – dem Kapitalmarktzugang und der Beratungskompetenz. Zugang zum Markt gewähren neue Tradingfirmen und Technologieanbieter, und das zum Teil deutlich günstiger als die Banken. Ein Beispiel dafür ist 360T im Devisenhandel. In der Beratung und Strukturierung werden die Investmentbank-Boutiquen und spezialisierte Research-Häuser immer stärker. Das Bereitstellen von Bilanzkapazität bleibt aber ein wichtiger Wettbewerbsvorteil der Banken.

 

Bricht das nicht die Wertschöpfungskette der Banken auf?

Eben genau das tut es. Die Wertschöpfungskette der Banken war bisher meist vollständig internalisiert. Das heißt, die Bank hatte ein eigenes Research-Team, das Handelsempfehlungen aussprach, eine eigene Salesforce, den Wertpapierhandel, für den sie ihre Bilanz zur Verfügung stellte, und sie bot ihren Kunden gleichzeitig die Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren an. Jetzt müssen die Banken eine offene Plattform bauen, die die Kundenschnittstelle verteidigt und entscheiden, welche Produkte und Dienstleistungen sie qualitativ hochwertig und kostengünstig selbst anbieten können und wo sie Angebote von Dritten über die Plattform in ihre Wertschöpfungskette aufnehmen. Das können beispielsweise andere Banken oder Fintechs sein.

 

Das heißt, die Banken müssen sich stärker spezialisieren?

Genau. Wir sehen in Deutschland zum Beispiel, dass sich die Banken im Investmentbanking stärker auf Firmenkunden konzentrieren und das Geschäft mit institutionellen Kunden zurückfahren. Wir schätzen, dass die Erträge mit Institutionellen in Europa mittelfristig jährlich um 2 Prozent wachsen werden, die mit Firmenkunden bis 2020 dagegen doppelt so stark. 

Zusätzlich können Banken im angrenzenden Transaction Banking rund 5 Prozent wachsen, und im eher auf institutionelle Kunden ausgerichteten Wertpapierdienstleistungsgeschäft ebenfalls um 4 Prozent. Das größte Potenzial liegt in automatisierten und integrierten Lösungen, um Firmenkunden-Treasuries zu bedienen.

„Banken konzentrieren sich stärker auf Firmenkunden und fahren das Geschäft mit Insitutionellen zurück."

Alexander Peitsch, Partner bei Oliver Wyman

Banken müssen im Investmentbanking kooperieren

 

Werden Banken Teile ihres Investmentbankings einstellen oder verkaufen?

Ich glaube nicht, dass Banken ganze Produktgruppen abschneiden oder verkaufen werden. Ich denke aber, dass es mehr Kooperationen geben wird: zum Beispiel im Sales mit Fintechs für die Datenanalyse und im Research mit spezialisierten Boutiquen. Im FICC kann sich eine Bank auf bestimmte Währungspaare fokussieren und die anderen über White-Labeling-Lösungen zukaufen. Im Middle- und Back-Office könnten einzelne Prozesse im Wertpapier-Settlement oder die Depotbankfunktion ausgelagert werden.

 

Wie die Commerzbank, die ihre komplette Wertpapierabwicklung ab 2020 an die HSBC auslagert?

Zum Beispiel. Solche Kooperationen werden wir noch mehr sehen. Denkbar wäre aber auch, dass Banken eigene Kredithandelsplattformen oder auch Kreditfonds aufsetzen, die Firmenkunden das typische unrentable Ankerprodukt, den Kredit, gewähren. Die Bank entlastet so ihre Bilanz, kann aber trotzdem noch Cross-Selling betreiben. Durch die Vermittlung erzielt die Bank Provisionserträge und verteidigt gleichzeitig die Kundenschnittstelle.

 

Gibt es in Deutschland dann überhaupt noch eine starke Investmentbank, die alle Produkte aus einer Hand anbieten kann?

Können schon, aber das Wollen ist die Frage. Aktuell ist das für deutsche Banken meist ökonomisch nicht attraktiv – die gesamte Palette an Produktvarianten und Kundengruppen wollen eigentlich nur noch die großen US-Investmentbanken mit ihren Skalenvorteilen anbieten. Sie haben in den vergangenen fünf Jahren in Europa 8 Prozent Marktanteil gewonnen, und jetzt hilft ihnen auch noch zusätzlich die Steuerreform in den USA. Die Bankenlandschaft in Europa könnte sich in den nächsten Jahren daher deutlich verändern.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de