Fintechs machen den Banken beim Kreditgeschäft Konkurrenz.

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15.10.15
Banking & Berater

Investor warnt: Fintechs attackieren Existenzgrundlage vieler Banken

Den Banken droht durch das Vordringen der Fintechs die Verdrängung aus weiten Teilen ihrer bisherigen Kerngeschäftsfelder, warnt der Venture-Capital-Investor Christian Nagel. Nur das Investmentbanking könnte ungeschoren davon kommen.

Der Fintech-Boom wird zu einer existentiellen Bedrohung für die Kerngeschäftsfelder vieler Banken. Diese These formulierte der Venture-Capital-Investor Christian Nagel gegenüber FINANCE-TV: „Die Fintechs greifen eigentlich alle Geschäftsbereiche der Banken an“, erklärte Nagel. Außen vor blieben allein das Investmentbanking und die Verwaltung sehr großer privater Vermögen.

Die größte Bedrohung für die Banken sieht Nagel mittelfristig ausgerechnet im Kreditgeschäft, der tragenden Säule der allermeisten Finanzinstitute. „Kredite werden zukünftig über Plattformen abgewickelt“, ist sich der Partner des Venture-Capital-Investors Earlybird sicher. Vorteile für die online organisierten Fintech-Unternehmen ergeben sich durch eine schnellere Abwicklung, eine höhere Transparenz und ein auf Grund ihrer Anbieterunabhängigkeit vielfältigeres Produktangebot. Auch im Kontenbereich sieht Nagel gute Chancen für ein Vordringen der Fintech-Unternehmen, die einen besseren Kundenservice böten als die meisten Banken – und das zu deutlich geringeren Kosten.

Zu den heißesten deutschen Fintech-Start-ups gehören nach Nagels Einschätzung derzeit vor allem der Kreditvermittler Kreditech und das Finanzportal Number26. Sie beweisen, dass es möglich ist, „in Deutschland Unternehmen zu kreieren, die Kapital anziehen“, so Nagel. Kreditech hat erst unlängst in einer Finanzierungsrunde mehr als 80 Millionen Euro erhalten, unter anderem von den weltbekannten Finanzinvestoren Peter Thiel und JC Flowers.

Die implizite Unternehmensbewertung des Hamburger Start-ups soll dadurch Marktkreisen zufolge auf rund eine halbe Milliarde Euro gestiegen sein. Kreditech will diese Bewertung nicht bestätigen, hat aber bekanntgegeben, dass sich die Bewertung gegenüber jener der vorherigen Finanzierungsrunde im Juni 2014 verdoppelt hat.  

Auch B2B-Geschäfte der Banken sind im Visier der Fintechs

Dass ohne Weiteres auch sicher geglaubte Bastionen der Banken fallen können, macht Nagel am Beispiel PayPal deutlich. Das US-Fintech habe den Banken „eine echte Grundfunktion ihrer Servicepalette weggenommen, den gesicherten Zahlungsverkehr im Internet“.

Die Fintechs dringen aber nicht nur in den Privatkundenbereich, sondern auch ins B2B-Geschäft der Banken vor, zum Beispiel in Geschäftsbereiche  wie Zahlungsverkehr und Working-Capital-Management. Experten erwarten, dass Fintech-Start-ups sich in Zukunft noch weiter auffächern werden und bald auch mit alternativen Lösungen für Back- und Middle-Office-Funktionen der Finanzabteilungen großer Konzerne auf den Markt drängen werden.

Der Fintech-Boom konzentriert sich auch längst nicht mehr nur auf die USA. Mit bislang rund 400 Millionen US-Dollar hat der deutsche Fintech-Markt aktuell bereits das doppelte Finanzierungsvolumen des gesamten Vorjahres erreicht, Tendenz steigend.

Vor wenigen Wochen erst erhielt der Hamburger Online-Kreditanbieter Kreditech in einer Finanzierungsrunde über 80 Millionen Euro. „Die Unternehmen, die in dieser Größenordnung finanziert werden, haben eine klare Break-Even-Perspektive und ein funktionierendes Geschäftsmodell“, unterstreicht Nagel. Er hält es für möglich, dass auch ein deutsches Fintech bald in die Liga der Einhörner vorstoßen wird. Dies sind Start-ups mit einem Unternehmenswert von 1 Milliarde Dollar und mehr. Für Kreditech zumindest ist der Weg dorthin deutlich kürzer geworden.

 

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de