In der Finanzkrise sind Banken bestimmte illiquide Assets nicht mehr losgeworden. Wie steht es heute um diese Assetklasse?

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21.04.20
Banking & Berater

Schlummernde Risiken in den Bankbilanzen

Die Coronakrise lässt die Kreditrisiken der Banken explodieren. Schlägt sich das auch in den undurchsichtigen, schon in der Finanzkrise unter die Räder gekommenen „Level 3 Assets“ nieder? Hierauf ist jetzt zu achten.

Der Wirtschaftseinbruch durch das Coronavirus ist noch keine Bankenkrise, und dennoch schürt Corona die Sorgen um die Geldhäuser. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Schlittert die Wirtschaft durch das Coronavirus in eine Rezession, werden Banken zwangsläufig mehr Probleme mit faulen Krediten bekommen. Die Risikovorsorge wird steigen, die Gewinne und die Bilanzen der Banken dadurch schwächer.

In den Bankbilanzen schwelen aber noch ganz andere Gefahrenherde, deren Ausmaß von außen betrachtet schwer abzusehen ist. Die Rede ist von den sogenannten Level 2- und vor allem Level 3 Assets, die der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge zu hunderten Milliarden in den Bankbilanzen schlummern. Schon im Nachgang der Finanzkrise vor gut zehn Jahren haben diese Bilanzposten den Argwohn der Märkte geweckt. 

Was sind Level 2 und Level 3 Assets?

Das Problem: Diese Assets sind schwer zu bewerten, da sie im Gegensatz zu Level 1 Assets (beispielsweise Aktien und Anleihen) über keinen aktiven und liquiden Markt verfügen, der Hinweise für ihren fairen Wert liefert. Die Bewertung von Level 2 Assets erfolgt anhand von Referenzwerten ähnlicher Finanzinstrumente, die an einem aktiven Markt gehandelt werden. Level 2 Assets sind zum Beispiel viele außerbörsliche Derivate und illiquide Eigenkapitalinstrumente.

Bei Level 3 Assets gibt es überhaupt keine Verbindung zu öffentlich zugänglichen aktiven Märkten mehr. Deren Fair-Value-Bestimmung basiert auf bankinternen Modellen und Techniken, die von Wirtschaftsprüfern freigegeben werden. Beispiele für Level 3 Assets sind bestimmte Zins-Swaps oder etwa ein Kreditrahmen für ein Infrastrukturprojekt in einem Schwellenland, das von der dortigen Regierung beauftragt, aber nicht über den öffentlichen Kapitalmarkt finanziert wurde. 

1 Level 1 Assets

aktiver Markt, direkte Preisfindung

2 Level 2 Assets

aktiver Markt für vergleichbares Asset, indirekte Preisbildung

3 Level 3 Assets

kein aktiver Markt, kein vergleichbares Asset, modellbasierte Preisfindung

„Ob ein Asset Level 1, 2 oder 3 ist, sagt erst einmal nichts über die Bonität des Assets aus", meint Lars Meyer von der Unternehmensberatung Zeb. Die Level würden lediglich veranschaulichen, ob ein Asset mit seinem Marktwert, einem vergleichbar einfachen Modellwert oder nur mit komplexen, nicht unmittelbar nachvollziehbaren Bewertungsansätzen in der Bilanz gezeigt würden.

Für Level 3 Assets gibt es keinen Marktpreis, da sie kaum fungibel sind und oftmals komplexe Strukturen aufweisen, die eine Bewertung erschweren. „Level 3 Assets werden insbesondere dann ein Problem, wenn aufgrund von Liquiditätsengpässen ein Verkauf von Assets notwendig wird“, so Meyer. In der Finanzkrise wurden den Banken genau dies zum Verhängnis. 

Banken hatten Probleme mit Level 3 Assets

Während der Finanzkrise wurden die Level 2 und Level 3 Assets vom Mark daher sehr skeptisch gesehen. Bloomberg zitiert aus einer 2015 vom Journal of Accounting and Public Policy veröffentlichten Studie, laut derer Investoren im Jahr 2008 Level 2 Assets zu 85 Cent auf den Dollar und Level 3 Assets sogar nur noch zu 79 Cent je Dollar bewerteten. 

Die liquiditätsbedürftigen Banken mussten während der Finanzkrise auf ihre Level 3 Assets daher hohe Abschreibungen vornehmen und haben ihr Exposure seitdem deutlich reduziert, wie ein White Paper von Berenberg zeigt. Seit 2015 hätten die von Berenberg analysierten Banken ihre Level 3 Assets um 27 Prozent reduziert – die US-Banken mit im Schnitt 36 Prozent deutlich stärker als ihre Pendants aus Europa mit 20 Prozent.

„Ob ein Asset Level 1, 2 oder 3 ist, sagt erst einmal nichts über die Bonität des Assets aus.“

Lars Meyer, Senior Partner, Zeb

Die Citigroup schrumpfte ihr Portfolio Berenberg zufolge besonders strikt, und zwar um drei Viertel. Ohnehin gebe es nur zwei Häuser, die heute mehr Level 3 Assets hätten als vor fünf Jahren: Crédit Agricole und Société Générale, deren Exposure um 50 Prozent auf 15,1 Milliardenbeziehungsweise um 14 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro gestiegen sei. 

Deutsche Bank hat Level 3 Assets mehr als gedrittelt

Auch die Deutsche Bank hat ihre illiquiden Assets seit der Finanzkrise drastisch zurückgefahren. Standen 2008 Level 3 Assets noch mit 88 Milliarden Euro in den Büchern (4,3 Prozent der damaligen Bilanzsumme) waren es Ende 2019 nur noch 24 Milliarden Euro, wie aus der Investor-Relation-Präsentation für das vierte Quartal 2019 hervorgeht. Diese machen damit nur noch rund 1 Prozent der Bilanz aus

9 Milliarden entfallen dabei auf derivative Assets, weitere 8 Milliarden auf Kredite. Die übrigen Level 3 Assets sind der Bank zufolge Debt- und Equity-Wertpapiere. Von den 24 Milliarden Euro sei zudem ein Großteil abgesichert, behauptet die Bank in der Präsentation. Zudem entfielen rund 6 Milliarden Euro davon auf die „Capital Release Unit“. Dort bündelt die Deutsche Bank all jene Geschäfte, die nicht mehr Teil der neuen Strategie sind und abgebaut werden sollen. Damit dürften auch die Level 3 Assets weiter abnehmen.

Wie schnell werden Banken Level 3 Assets los?

Wie riskant die verbliebenen Level 3 Assets in den Bankbilanzen tatsächlich sind, ist von außen betrachtet schwer zu bestimmen. Auch Berenberg urteilt in dem White Paper nicht über die Qualität dieser Assets. Die Analysten raten Investoren lediglich dazu, darauf zu achten, wie schnell die Banken ihre illiquiden Assets zur Not wieder loswerden.

Berenberg hat darum die Umschlaghäufigkeit (Turnover) der Level 3 Assets analysiert. Die Analysten setzten dabei die über das Jahr verkauften und glattgestellten Level 3 Assets in Relation zu den Eröffnungsbilanzen der Banken. Je höher diese Quote, desto besser. Je niedriger die Umschlaghäufigkeit ist, desto „stickier“ und schwerer zu verkaufen sind die Assets, vermutet Berenberg. 

Am schlechtesten schneiden Berenberg zufolge hierbei die französischen Banken ab. Deren jährliche Umschlaghäufigkeit liegt im Schnitt bei dem Faktor 0,2. Am besten bewerten die Analysten die Schweizer Banken, allen voran die Credit Suisse. Deren Level-3-Turnover lag 2019 bei 1,4x. Die US-Banken kommen auf eine Quote von weniger als 0,5x. 

Die Deutsche Bank sortiert sich dazwischen ein. Ihre Umschlaghäufigkeit liegt bei unter 0,5x pro Jahr – im Vergleich mit den Wettbewerbern ein solider Wert. Die Analysten von Berenberg merken jedoch an, dass die Level 3 Assets mehr als die Hälfte des harten Kernkapital (CET1) der Deutschen Bank ausmachen. Dies sei die höchste Quote im Peer-Group-Vergleich und begründe sich aus der noch immer großen Investmentbank der Deutschen Bank. 

Deutsche Bank hat wenig Raum für Neubewertungen

Der beständige Abbau der Level 3 Exposure in den Jahren bis 2019 schmälert den Druck, der jetzt auf den Banken liegt, denn die Nachfrage nach illiquiden Assets dürfte nun ein weiteres Mal nachlassen. Das hat sich schon angedeutet, denn bereits 2019 haben nur drei Banken ihre Umschlaghäufigkeit gegenüber dem Vorjahr erhöht: Citigroup, BNP Paribas und Société Générale.

Bei vier Banken sei der prozentuale Anteil der Level 3 Assets am harten Kernkapital sogar gestiegen: bei Crédit Agricole, der Deutschen Bank, Goldman Sachs und der Société Générale. Während dies bei den französischen Banken und bei Goldman auf einen Anstieg der Level 3 Assets zurückzuführen ist, liegt es bei der Deutschen Bank am restrukturierungsbedingt abschmelzenden Kernkapital. 

Berenberg sieht dort eine ungute Korrelation. Für 2020 erwarten die Analysten für die Deutsche eine harte Kernkapitalquote von 12,7 Prozent, was nur 20 Basispunkte über der internen Zielmarke der Bank läge. Zusammen mit den bilanziellen Folgen des Konjunktureinbruchs gebe dies der Deutschen Bank wenig Raum für Neubewertungen ihrer illiquiden Bilanzposten. Zum Jahresende lag die CET1-Quote bei 13,6 Prozent.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Das White Paper von Berenberg analysiert die folgenden zwölf internationalen Banken: Barclays, BNP Paribas, Crédit Agricole, Credit Suisse, Deutsche Bank, Société Générale, UBS, Bank of America, Citigroup, Goldman Sachs, JP Morgan, Morgan Stanley. Als Quellen nennt Berenberg Unternehmensberichte und eigenes Research.