Die meisten deutschen Banken haben den Stresstest locker bestanden. Ein Anreiz für Fusionen in den Bankenbranche dürfte damit erstmal entfallen.

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27.10.14
Banking & Berater

Stresstest: Abpfiff für die Bankenkonsolidierung?

CFOs können erst einmal durchatmen: Die wichtigen europäischen Großbanken haben den Stresstest der EZB allesamt bestanden. Mit der zu zahmen Bewertung hat die EZB sich und dem Finanzsektor keinen Gefallen getan, glauben einige Ökonomen. Die überfällige Branchenkonsolidierung dürfte schon mal ausgebremst sein.

Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse des Stresstests für CFOs ein Grund zur Freude: Alle 25 deutsche Banken haben die Prüfung bestanden. Zwar fiel die Münchener Hypothekenbank zum Stichtag 31. Dezember durch, sie hat ihre Kapitallücke von 229 Millionen Euro allerdings inzwischen mit einer Kapitalerhöhung über 408 Millionen Euro geschlossen. Entsprechend positiv fielen heute Vormittag auch die ersten Reaktionen an den Märkten aus: Die Aktienkurse der Deutsche Bank und der Commerzbank legten zu.

Auch mit Blick auf die gesamte Eurozone sind wie erwartet alle Großbanken durchgekommen. Lediglich 13 kleinere Häuser, vor allem aus Italien, weisen nach aktuellem Stand noch einen Kapitalbedarf von knapp 10 Milliarden Euro aus – ein Loch, das sich in den kommenden sechs bis neun Monaten am Markt stopfen lassen sollte, zeigte sich die oberste Bankenaufseherin der EZB, Danièle Nouy überzeugt.

Dass die Kapitallücke am Ende so gering ausfiel, ist auf zwei Gründe zurückzuführen.Der erste dürfte deutsche CFOs freuen: Seit der Ankündigung einer umfassenden Prüfung durch die EZB im Juli 2013 haben die Banken in der Eurozone ihr risikogewichtetes Eigenkapital gestärkt. Laut der Zentralbank haben die 30 größten Banken frisches Kapital in Höhe von 60 Milliarden Euro aufgenommen. Auch die Risiken haben sie heruntergefahren, sodass sie die Bilanzen um insgesamt 200 Milliarden Euro aufgepolstert haben-

Ökonomen kritisieren zu zahmes Stresstest-Szenario

Der andere Grund sollte die Finanzchefs dagegen beunruhigen: Einige Ökonomen stellen die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse in Frage. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn kritisierte, dass Prüfszenario der EZB sei „zu zahm“ gewesen: „Die EZB hat es vermieden, ein Szenario der Deflation für Südeuropa durchzuspielen. Daher hat sie nur eine geringe Kapitallücke bei vielen Banken ausgemacht.“ Auch dass die EZB Staatsanleihen südeuropäischer Länder als risikolos gewertet hat, stieß auf Kritik.

Auch Nathalie Janson, Finanzmarktökonomin an der französischen  Neoma Business School, hätte sich ein strengeres Prüfszenario gewünscht: „Die EZB hat ihre Chance, dass Bankensystem auf stabilere Füße zu stellen, nicht genutzt.“ Mit Blick auf die Zombiebanken in Südeuropa,die nur dank der derzeitigen Niedrigzinspolitik am Leben gehalten werden,wäre eine härtere Beurteilung durch die EZB makroökomisch sinnvoll gewesen, glaubt die Ökonomin: „Eine Abwicklung dieser Banken oder die Übernahme durch andere Institute wie in den USA geschehen, würde zur Stärkung der Finanzmarktstabilität beitragen.“

Overbanking in Deutschland belastet Finanzmarktstabilität

Auch in Deutschland hat die EZB mit dem Stresstest und dem Asset Quality Review eine wichtige Gelegenheit verpasst: Sie hätte den Finger in die Wunde des Overbanking legen und eine Konsolidierungswelle anstoßen können, denn auf lange Sicht gehört auch die chronische Ertragsschwäche der deutschen Banken zu den Bedrohung der Finanzmarktstabilität. „Um das Bankensystem stabil aufzustellen, braucht es Banken mit unterschiedlichen Profilen und klaren Geschäftsmodellen“, sagt Janson.

Nicht nur im deutschen Retail-, sondern auch im deutschen Firmenkundengeschäft wird die Konkurrenz jedoch immer größer, immer mehr Banken haben es auf dieselbe Zielgruppe abgesehen, wie die Titelgeschichte der aktuellen FINANCE-Printausgabe zeigt. Folge: Die Erträge und die Profitabilität der Banken sind eingebrochen, die Businesspartner der CFOs verdienen für ihre Häuser kaum noch Geld – eine gefährliche Situation.

In Deutschland und in Italien sei deshalb eine Konsolidierung des Bankensektors wünschenswert für die Finanzmarktstabilität, so Neoma-Ökonomin Janson. Dass Banken dadurch zu groß und noch systemrelevanter  würden, sei in diesen beiden Märkten unwahrscheinlich.

Zwar wies auch Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret in seinem Kommentar zum Stresstest darauf hin, dass Bankfusionen in Deutschland vorteilhaft seien. Dass sich die deutschen Landesbanken ohne Druck von außen zusammenschließen werden, halten viele Beobachter inzwischen jedoch für unwahrscheinlich. Die EZB hat die Chance verpasst, eine heilsame Konsolidierungswelle im europäischen Bankensektor anzustoßen.

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