Die Commerzbank muss die erst im Februar entlassene Wirecard-Analystin Heike Pauls wieder einstellen.

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07.07.21
Banking & Berater

Commerzbank muss Heike Pauls wieder einstellen

Immer wieder hatte Heike Pauls die Wirecard-Aktie zum Kauf empfohlen, auch als die Kritik gegen den Konzern immer handfester wurde. Nach der Pleite kündigte die Bank der Analystin – nun muss sie diesen Schritt rückgängig machen.

Ein Erfolg für Heike Pauls, aber bitter für die Commerzbank: Das Frankfurter Geldinstitut muss die umstrittene Wirecard-Analystin, die immer wieder Kaufempfehlungen für die Wirecard-Aktie gegeben hatte, wieder einstellen. Das hat das Arbeitsgericht Frankfurt beschlossen. Die Commerzbank bestätigte dies auf FINANCE-Anfrage. Zuerst hatte die „Wirtschaftswoche“ darüber berichtet.

Pauls habe „ganz überwiegend obsiegt“, sagte eine Gerichtssprecherin der „Wirtschaftswoche“. „Insbesondere wurde ihren Kündigungsschutzanträgen und dem allgemeinen Weiterbeschäftigungsantrag stattgegeben“, so die Sprecherin weiter. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Heike Pauls empfahl Kursziel von 230 Euro für Wirecard

Die Commerzbank hatte sich Anfang Februar dieses Jahres von der Wirecard-Analystin getrennt. Pauls hatte trotz der kritischen Berichterstattung über den Zahlungsdienstleister die Aktie immer wieder zum Kauf empfohlen. Die Berichte der „Financial Times“ hatte die Analystin sogar als „Fake News“ abgetan und der Zeitung Marktmanipulation vorgeworfen.

So zeigte sich Pauls beispielsweise noch im April 2020 – knapp zwei Monate vor dem Kollaps des Unternehmens – zu der damals laufenden Sonderprüfung von KPMG zuversichtlich: „Ich bin sehr positiv eingestellt, dass sie gut endet“, zitiert sie „Focus Money“. Sie verwies demnach darauf, dass ein Unternehmen wie Wirecard, welches öffentlich so diskutiert werde, die damals im Raum stehenden Anschuldigungen „bereits zuvor überprüft“ hätte. Anhand von Audits könne man dies auch sehen.

„Es ist offensichtlich, dass viele der Vorwürfe eindeutig konstruiert wurden“, betonte sie damals – und rief ein Kursziel von 230 Euro je Aktie aus, unter anderem, weil sich Wirecard in einer „sehr, sehr attraktiven Branche“ befinde. Im vergangenen April stand der Kurs bei gerade einmal rund 120 Euro. Auch nachdem das Big-Four-Haus KPMG seinen kritischen Bericht vorgelegt hatte, hielt Pauls an ihrer Einschätzung fest. „Wir sehen eine günstige Kaufgelegenheit“, schrieb sie in ihrer letzten Studie vom 18. Mai 2020.

„Es ist offensichtlich, dass viele der Vorwürfe eindeutig konstruiert wurden. [...] Ich bin sehr positiv eingestellt, dass sie gut endet.“

Heike Pauls über die Kritik gegen Wirecard und den KPMG-Sonderbericht

Heike Pauls sah die Schuld nicht bei sich

Darüber hinaus hatte die Analystin das Wirecard-Management über vertrauliche Einschätzungen des Hedgefonds Greenvale Capital in Kenntnis gesetzt. Dadurch hatte Wirecard Zeit, eine Kommunikationsstrategie vorzubereiten.

Im Untersuchungsausschuss zu Wirecard, vor den die Analystin in diesem Jahr ebenfalls geladen wurde, zeigte sie sich uneinsichtig: „Ich sehe keine Verantwortung bei mir. Ich weiß, dass es eine schlechte Empfehlung war. Ich bin einem Betrug aufgesessen“, zitiert das „Handelsblatt“ die Analystin im März dieses Jahres. Außerdem sei es Aufgabe von Analysten, für Aktien zu trommeln. Dem Reporter der FT, der den Betrug aufdeckte, zollte sie im Nachhinein aber „allergrößten Respekt“.

Commerzbank musste 175 Millionen Euro abschreiben

Die Commerzbank trennte sich nicht nur von Pauls, sie stellte außerdem auch Analystenstudien über zehn Unternehmen aus dem Bereich Medien und Telekommunikation bis auf Weiteres ein – für diese Unternehmen war Pauls zuständig. Seitdem hat die Commerzbank ihren gesamten Aktien-Research-Bereich noch deutlich weitergehend eingedampft. Offen ist daher nun, wo Pauls bei der Commerzbank künftig angesiedelt werden könnte.

Insgesamt ist das Gerichtsurteil für die Commerzbank doppelt bitter: Die gelbe Bank hatte nämlich im Zuge der Pleite des Zahlungsdienstleisters bereits 175 Millionen Euro auf einen geplatzten Kredit abschreiben müssen – und das, obwohl das Geldinstitut die Kreditvergabe an Wirecard eigentlich bereits Ende 2019 beenden wollte. Die Causa Pauls brachte der Bank einen zusätzlichen Imageverlust.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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