Die Zeit der großen Sanierungsfälle ist vorerst vorbei. Wenn sie im Geschäft bleiben wollen, müssen sich die CROs umstellen, meint Roland Berger.

SergeyIT_Thinkstock_Getty Images

04.05.17
Banking & Berater

CROs müssen sich umstellen

Den Restrukturierern gehen die Jobs aus. Um im Geschäft zu bleiben, müssen sie sich anpassen, warnt Roland Berger. Aber das wird nicht leicht.

Die robuste Lage der deutschen Wirtschaft macht den Restrukturierungsspezialisten merklich zu schaffen: Die harten Sanierungsfälle werden weniger, auch die Zahl der Unternehmen mit akuten Geldproblemen ist dank der reichlich verfügbaren Liquidität am Finanzierungsmarkt rückläufig. Im Februar hat auch noch der Bundesfinanzhof die bisherige Restrukturierungspraxis durch ein überraschendes Urteil massiv erschwert – ohne Rückendeckung aus Brüssel kann die deutsche Politik nicht mit einem neuen Gesetz darauf reagieren. Die Restrukturierer in den Banken rechnen bereits mit umfangreichen Stellenstreichungen in ihrem Teams, auch bei den Insolvenzprofis wird gezittert.

Die Lage ist so ernst, dass sich Chief Restructuring Officer (CROs) umstellen müssen, warnt die Unternehmensberatung Roland Berger in einem Thesenpapier, das FINANCE vorliegt. Von harten Sanierern, die in einer Liquiditätskrise antreten, um ein Unternehmen zu retten, müssen sie zu Chief Transformation Officers (CTO) werden. In dieser Funktion sollen sie Ertragssteigerungsprogramme umsetzen, wenn ein Unternehmen gegenüber der Konkurrenz ins Hintertreffen geraten ist.

„Digitalisierung, geopolitische Krisen, Instabilität von Märkten sowie die Einführung von Sanktionen und Zöllen“, nennt Roland-Berger-Partner Sascha Haghani als Beispiele für aktuelle Bedrohungen. „All diese Ereignisse können Geschäftsmodelle etablierter Unternehmen ins Wanken bringen“, meint der Leiter der Restrukturierungspraxis der Münchener Strategieberatung. „Dann richtet lineare Planung kaum noch etwas aus, vielmehr ist Beweglichkeit gefragt.“

Das Thema Restrukturierung wird Ihnen präsentiert von Struktur Management Partner:

Anzeige

Restrukturierer hoffen auf Corporate Performance Management

Die CROs selbst stellen sich aber nur langsam um, wie eine aktuelle Umfrage von Roland Berger unter 135 deutschen, österreichischen und Schweizer Spezialisten für Restrukturierung zeigt: Satte 68 Prozent der befragten CROs halten die Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen nach wie vor für eine wesentliche Funktion des CRO. Vor einem Jahr waren es sogar noch 78 Prozent gewesen. Rückläufig ist auch der Anteil derer, die an eine Erholung des Sanierungsgeschäfts glauben: Nach 65 Prozent im vergangenen Jahr glauben jetzt nur noch 58 Prozent daran, dass es im laufenden Jahr mehr Einsätze von CROs als im Vorjahr geben wird.

Der neue Hoffnungsträger der Sanierungsbranche ist das so genannte „Corporate Performance Management“, bei dem die Anforderungen nach Ansicht von Roland Berger ähnliche wie bei einer harten Sanierung sind: „Auch in Corporate-Performance-Programmen werden Kosten gesenkt, Portfolios bereinigt und Erträge gesteigert“, meint Berger – nur nicht so nah am Abgrund wie bei einer drohenden Insolvenz.

CROs: „Vom Notarzt zum Fitnesstrainer“

Roland Berger rät Unternehmen, in einer solchen Situation besser auf erfahrene CROs denn auf Interim-Manager zu setzen. Allerdings warnt die Unternehmensberatung die Sanierer davor, mit dem gleichen Handwerkszeug wie einer harten Restrukturierung zu Werke zu gehen: „Unternehmen in einer Ertragskrise wollen in der Regel nicht, dass ihre Gegenmaßnahmen publik werden.“ Auch sei das berühmte „Durchregieren“ der Sanierer in solchen Unternehmen nicht gefragt, sondern stattdessen eine zurückhaltende Kommunikation. „Diese Unternehmen brauchen eher einen Fitnesstrainer als einen Notarzt“, beschreibt Roland Berger plakativ die ungewohnte Ausgangslage.

Die von Roland Berger propagierte Umstellung dürfte vielen CROs jedoch schwerfallen. So antworteten in der aktuellen Umfrage 82 Prozent von ihnen, dass die Sicherstellung der Unternehmensfinanzierung Schwerpunkt ihrer Arbeit sei. Bei Projekten zur Ertragssteigerung ist die Liquiditätslage aber in aller Regel kein Thema.

Auch die Unternehmen scheinen bei ihren Optimierungsprogrammen noch nicht nennenswert auf CROs zu setzen. Nur 42 Prozent der befragten Sanierer gaben an, dass sie bereits ins Spiel kämen, wenn Unternehmen dabei sind, einen Rettungsplan aufzustellen, oder sogar noch früher. Im Vorjahr lag dieser Anteil mit 36 Prozent nur unwesentlich niedriger. Das verwundert nicht, schließlich hat es sich in derartigen Situationen bei vielen Unternehmen bewährt, sich strategische Beratung von außen zu holen, die identifizierten Maßnahmen dann aber mit der eigenen Mannschaft umzusetzen.
    
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Aktuelle Unternehmenskrisen, Umfragen, Tipps und Tricks: Viel Wissenswertes rund um Krisenfälle gibt es auf unserer FINANCE-Themenseite Restrukturierung.