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Banken müssen sich Technologie öffnen

Banken sollten sich mit den Neuankömmlingen am Markt austauschen und sich den neuen Technologien öffnen.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Neben der globalen Finanzkrise und dem damit einhergehenden Vertrauensverlust in Banken schreitet die Digitalisierung der Gesellschaft unaufhörlich voran. Binnen kürzester Zeit sind in den vergangenen Jahren neue Unternehmen und neue Geschäftsmodelle entstanden, die nun in Konkurrenz zu den Dienstleistungen und Produkten stehen, die bis dahin den Banken vorbehalten waren. Doch welche Auswirkungen haben welche neuen Marktteilnehmer auf die Bankenlandschaft? Und besitzen sie tatsächlich das gewisse Etwas, um sich langfristig zu etablieren?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen zunächst zwei allgemeine Trends genauer betrachtet werden. Zum einen das Konsumverhalten: Viele Kunden und damit auch die Finanzvorstände haben das Vertrauen zu traditionellen Bankhäusern verloren. Damit einhergehend positionieren sich neue, oftmals stark auf den Kanal Online fokussierende Anbieter mit Angeboten, die entweder bereits Finanzdienstleistungen sind oder diese gezielt vermitteln (Peer-to-Peer-Kreditvergabeplattform) oder extrem viele Kundendaten sammeln und so jederzeit bankähnliche Geschäfte aufnehmen könnten (Facebook, Amazon etc.).

Zum anderen gilt es, die technologische Entwicklungen der vergangenen Jahre kritisch zu würdigen: Das Web 2.0 und mobile Technologien führen zu einem Rückgang der Nachfrage an persönlichem Service und Beratung. Alle Angebote werden mit wenigen Klicks vergleichbar. Zum Dritten jedoch stehen viele Banken, insbesondere die Großbanken nicht nur unter einem hohen regulatorischen Druck, sondern werden mitunter gezwungen, sich zu verkleinern. Was einem Aufholen von möglichen Innovationsdefiziten nicht wirklich förderlich ist.

Start-ups und Einzelhandel treiben Entwicklung voran

Alle drei Punkte kommen den neuen Marktteilnehmern entgegen. Die neuen Wettbewerber der Banken kommen ihrerseits entweder aus dem Technologieumfeld und wissen die Möglichkeiten des Internets für sich zu nutzen, oder aber aus der Handelsbranche. Doch der Reihe nach.

Eine Reihe von Start-ups machen mit innovativen Technologien auf sich aufmerksam. Beispielsweise sind hier PayPal, Payleven und Square im Bereich Zahlungsverkehr oder Wonga.com mit der Vergabe von Online-Krediten zu nennen. Auch Facebook experimentiert seit geraumer Zeit an ersten Banking-ähnlichen Angeboten, unter anderem im Micro Payment Bereich. Noch wickelt das weltgrößte Social Network dies mit Back-Office-Partnern und damit über klassische Bankhäuser ab. Doch muss die Frage gestellt werden: Wie lange noch? Oder anders formuliert: Was wäre, wenn Facebook eine Banklizenz erhält?

Ebenfalls in Wettbewerb zu den klassischen Banken treten große Einzelhandelsketten. So bieten große europäische Ketten wie Tesco oder M&S bereits eigene Finanzdienstleistungsprodukte für den Einzelhandel an – bislang meist in Kooperation mit Bankhäusern, jedoch laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, eigenständige Produkte bewilligt zu bekommen.

Die Produktpalette reicht von Kreditkarten und Einsparungen über Kredite bis hin zu Versicherungen. Diese Bereiche stehen im Fokus, weil sie einfach sind. Die Produkte sind unkompliziert und massetauglich und der Markteintritt somit leicht. Kunden sind bereit, Produkte von nicht-traditionellen Finanzdienstleistern zu erwerben, weil die Kaufentscheidung vom Preis und der Markenwahrnehmung abhängt. Da die Produktstruktur einfach ist, ist auch der Vertrieb über Kanäle wie Internet oder Telefon unkompliziert möglich. Klassische Beratung in eigenen Geschäftsräumen ist nicht nötig.

Mut zur Modernität ist gefragt

Unabhängig von der aktuell zweifelsfrei enttäuschenden Entwicklung des Aktienkurses hat der IPO von Facebook doch zumindest eins überdeutlich gemacht: Neue, international skalierbare Geschäftsmodelle aus dem Web-Umfeld sind dann sehr erfolgreich, wenn sie die Infrastruktur des Webs für sich zu nutzen wissen. Konkret heißt das: Sie denken und handeln innovativ, nutzen die Effizienz des Webs und begreifen die durch das Geschäftsmodell gewonnenen Daten der Kunden als echten Schatz – um den Vertrieb und die Produktentwicklung gezielt zu optimieren.

Viele Banken hingegen haben zumindest im Hinblick auf die Daten hier eine offene Flanke, wie eine aktuelle Capco-Studie zeigt: Zwar entstehen auch bei den klassischen Bankhäusern enorme Mengen an Daten, die jedoch in vielen Fällen nicht strukturiert erhoben werden und somit nur begrenzt für Cross-Selling-Angebote genutzt werden. Vor allem jedoch schaffen es die meisten Banken bislang nicht, das vergleichsweise negative Image zu verändern.
Und dies wird zur zweiten offenen Flanke: Um erfolgreich zu sein, fokussieren sich neue Unternehmen gezielt auf Kunden, die die traditionelle Banken nicht oder nicht mehr erreichen. Das Erfolgsrezept sind Produkte mit Mehrwerten oder Services, die Banken nicht leisten können.

New Entrants vs. Old Economy: Was Banken jetzt tun müssen

Welches Potenzial haben die neuen Unternehmen wirklich? Ist es realistisch, dass sie die klassischen Banken komplett verdrängen? Die aktuellen Entwicklungen im Online- und Mobile-Bereich, gepaart mit einer anspruchsvollen und technisch versierten Kundengeneration eröffnen durchaus Chancen für neue Unternehmen, um sich signifikante Marktanteile im Bereich Finanzdienstleistungen zu sichern.

Klassische Banken sind daher gut beraten, wenn sie sich dem Wettbewerb, der durch die neuen Unternehmen entstanden ist, stellen, bevor es zu spät ist. Das Credo für Banken muss daher lauten: Offen denken. Technologie nicht nur bekämpfen, sondern verstehen und nutzen und die eigenen Daten in den Griff bekommen, besser nutzbar machen und am Image arbeiten.

redaktion[at]finance-magazin.de

Info

Bernd Richter, Partner bei der Unternehmensberatung Capco, ist Experte für die Transformation von Bankinggeschäftsprozessen internationaler wie nationaler Banken und berät Banken zudem in Zahlungsverkehrsfragen.

Michael Fröhlich, Partner bei der Unternehmensberatung Capco, ist Beratungs-Experte für Banken und Versicherungen, insbesondere für IT-Transformationsdienstleistungen und Post-Merger-Integrationen. Zudem ist er Teil des europäischen Management-Boards von Capco.
 

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