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Bankensystem: Wächst auseinander, was zusammengehört?

City of London: Eine Aufspaltung der Banken würde auch ihre Firmenkunden massiv treffen, meint unser Kolumnist Volker Anhäuser.
Thinkstock / Getty Images

Das Trennbankensystem ist der Begriff der Stunde, weltweit greift die Idee um sich, das Privatkundengeschäft stärker vom Investmentbanking zu trennen. Doch die Trennung der einzelnen Geschäftsbereiche ist komplexer, als der bloße Sachverhalt es vermuten lässt. Ein Trennbankensystem würde die Bankenlandschaft auch für Industrieunternehmen gravierend verändern.

Zuerst eine Bestandsaufnahme: In den USA sieht die nach dem früheren Notenbankpräsidenten Paul Volcker benannte „Volcker-Rule“ vor, dass Banken, die Zugang zur staatlichen Einlagensicherung haben und Spareinlagen von Privatkunden annehmen, den Eigenhandel sowie Teile des Derivategeschäfts auf separate juristische Einheiten auslagern. Diese müssen eigenständig kapitalisiert und mit Liquidität ausgestattet sein.

HSBC und Standard Chartered könnten Regulierung entkommen

In Großbritannien hat die sogenannte Vickers-Kommission Vorschläge unterbreitet, bis 2019 das Privatkundengeschäft vom Investmentbanking zu trennen. Ziel ist ein „Ringfencing“ – eventuelle Verluste der Investmentbank sollen sich nicht auf die Privatkundeneinheit auswirken. Die beiden Einheiten können zwar in begrenztem Umfang miteinander Geschäfte machen, aber nur zu Marktkonditionen und unter Beachtung der Großkreditlinie: Kredite der Retaileinheit an die Investmentbank sind auf 25 Prozent des Eigenkapitals der Retail-Einheit begrenzt. Eine mit 20 Milliarden Pfund ausgestattete Privatkundenbank kann der Investmentbank der gleichen Gruppe also höchstens 5 Milliarden Pfund Liquidität zur Verfügung stellen.

Im Gegensatz zu den Vickers-Vorschlägen soll die Volcker-Rule länderübergreifend wirken: Alle Banken, die in den USA ihre Dienste anbieten, müssen sie einhalten. Damit wird die Regel auch für europäische Banken relevant, die in den USA aktiv sind. Die britischen Vickers-Pläne sind dagegen nur auf Banken anzuwenden, die im Vereinigten Königreich ihren juristischen Sitz haben. Sollten also zum Beispiel HSBC und Standard Chartered ihren Hauptsitz nach Asien verlegen, entzögen sie sich der in England geplanten Bankenseparierung.

In der Europäischen Union hat vor einigen Wochen eine Arbeitsgruppe unter Vorsitz des finnischen Notenbankpräsidenten Erkki Liikanen Vorschläge für eine europäische Version der Bankentrennung vorgelegt. Es scheint so, als wäre die politische Unterstützung für ein Universalbankensystem auf dem Kontinent größer als beispielsweise in England.

Drei wichtige Fragen für den CFO

Für Industrieunternehmen werden im Hinblick auf die Trennungsdiskussion drei Fragen interessant: Wie sehr erhöht sich die Komplexität? Steigt das Kreditrisiko gegenüber den Handelspartnern? Steigen die Transaktionskosten?

Es ist durchaus denkbar, dass ein Industrieunternehmen sowohl mit der Retail- als auch mit der Investmentbank seiner Partnerinstitute Geschäfte macht. Das wirft viele Fragen auf. Können Exposures zu beiden Einheiten miteinander verrechnet werden („Netting“)? Vermutlich nicht, weil dies das Ringfencing unterlaufen würde. Muss das Unternehmen mehr Sicherheiten vorhalten, falls Geschäfte separat besichert werden müssen? Ja, aber vermutlich nur in geringem Umfang. Steigen die Transaktionskosten? Ja, in dem Umfang, wie die Eigenkapital- und Liquiditätskosten der Investmentbank steigen.

Steigen die Finanzierungskosten?

Spannend ist, wo genau die Trennlinie gezogen wird: Der Liikanen-Bericht lässt die Möglichkeit zu, dass Absicherungsgeschäfte mit einem Industrieunternehmen der „guten Retailbank“ zugeschlagen werden. Aber in praktisch allen Fällen werden solche Transaktionen von den Banken durch Gegengeschäfte auf dem Interbankenmarkt abgesichert. Können diese Gegengeschäfte auch in der Retailbank verbleiben? Aber welchen Sinn hätte dann noch die Separierung, wenn Geschäfte mit anderen Banken in der Retaileinheit verbleiben? Und wenn diese Absicherungsgeschäfte mit anderen Banken nicht in der Retaileinheit verbleiben können, wie schließt die Retaileinheit dann ihre offenen Positionen aus den Absicherungsgeschäften mit ihren Kunden?

Wie immer die Details der Gesetzesinitiativen zum Trennbankensystem am Ende aussehen werden, für Industrieunternehmen steigt in jedem Fall die Komplexität: Welche Geschäftseinheit der Bank stellt in Zukunft die Kreditlinien zur Verfügung, Investment- oder Retailbank? Falls sich die Fundingkosten der Investmentbank im Zuge der Separierung verteuern, in welchem Umfang verteuert sich dann auch die Kreditversorgung der Realwirtschaft?

Und noch eine Frage ist offen: Durch Geldanlagen und Absicherungsgeschäfte entsteht bei Unternehmen oft ein beträchtliches Kreditrisiko gegenüber einzelnen Banken. Kann ein Unternehmen Schulden bei der Retaileinheit mit Forderungen gegenüber der Investmentbank „verrechnen“?

Faule Kredite sind das größere Risiko

Hinter der aktuellen Diskussion steht die von einem breiten Konsens getragene Idee, Ertrag und Haftung im Finanzsystem zusammenzuführen und spekulative Geschäfte nicht mit der sicheren Anlage des Spargroschens des Kleinsparers zu vermischen. Es steht außer Frage, dass für die Finanzwelt ein Zeitenwandel angebrochen ist. Aber die starke Fokussierung der politischen Diskussion auf Handelsgeschäfte überrascht. Schließlich stehen im Zentrum der Finanzkrise in vielen Fällen eher falsche Kreditentscheidungen als vermeintlich riskante Handelspositionen. Und waren es nicht zu wenig Eigenkapital, der fehlende Zugang zu langfristig stabilem Funding und die Verflechtungen der Banken untereinander, die als Brandbeschleuniger wirkten und aus Marktwertverlusten einzelner Banken eine Krise des ganzen Bankensystems gemacht haben?

Es ist gut, dass diese Aspekte in Regelwerken wie CRD4 und EMIR angegangen werden. Aber die Dinge müssen auch differenziert betrachtet werden. Nur wer auch die konkreten Auswirkungen potentieller Regulierungsschritte auf die Kunden der Bank mit einbezieht, kann die Finanzwelt umfassend reformieren.

Dr. Volker Anhäuser leitet bei BNP Paribas den Verkauf von Derivaten und Wechselkursprodukten an Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.