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Basel III zwingt Banken zu deutlicher Erhöhung der RWA

Basel III wird deutsche Banken belasten.
SeanPavonePhoto/iStock/Thinkstock/Getty Images

Lange haben sich US-Regulierer und europäische Behörden um die Ausgestaltung der strengeren Kapitalauflagen für Banken gestritten. Am späten Donnerstag Abend hat der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht schließlich das langerwarteten Rahmenwerk Basel III veröffentlicht, dass aufgrund des hohen Ausmaßes der Änderungen in der Branche als „Basel IV“ bezeichnet wird. Der Ausschuss verfolgt mit den Regeln das Ziel, ein stabileres Bankensystem zu schaffen. Sie waren eine Reaktion auf die Finanzkrise 2008/2009.

Gestritten wurde vor allem über die Frage, in welchem Ausmaß Banken eigene Modelle nutzen dürfen, um ihren Eigenkapitalbedarf zu bestimmen. Während in den USA interne Berechnungsmethoden untersagt sind, sind sie in Europa erlaubt, was allerdings dazu führt, dass Banken gleiche Kreditrisiken unterschiedlich bewerten.

Capital Floor von 72,5 Prozent belastet Banken

Damit ist nun Schluss, denn Banken dürfen zwar weiterhin interne Berechnungsmodelle verwenden, das Ergebnis muss aber zu 72,5 Prozent dem Standardansatz entsprechen. Anders herum: Der Gestaltungsspielraum der Geldhäuser liegt bei maximal 27,5 Prozent.

Von systemrelevanten Banken verlangen die Aufseher zusätzliche Kapitalpuffer: Solche Institute bekommen einen 50-prozentigen Aufschlag auf den risikobasierten Teil ihrer Puffer auferlegt. Die Regeln betreffen alle Banken in Deutschland, unabhängig von Größe oder Geschäftsmodell.

Der sogenannte Capital Floor von 72,5 Prozent dürfte die Banken nicht mehr überraschen, denn bereits seit Monaten war klar, dass der Wert sich in diesem Rahmen bewegen würde. Außerdem sind die finalen Regelungen verglichen mit den ursprünglichen Entwürfen stark entschärft worden.

Basel III: Erhöhungen der RWA um bis zu 15 Prozent

Bei den meisten deutschen Banken wird diese neue Regel dennoch für Unmut sorgen, da sie ihr Eigenkapital deutlich aufpolstern müssen. Bisher nutzen viele deutsche Geldhäuser interne Modelle, um die Risiken in ihren Krediten und anderen Assets zu berechnen. Häufig lagen die errechneten Risikopositionen deutlich unter dem, was die Standardrisikomodelle erwarten ließen.

Einige deutsche Institute werden daher mit deutlichen Erhöhungen ihrer risikogewichteten Aktiva (RWA) und niedrigeren Kapitalquoten rechnen müssen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC schätzt die Erhöhungen der RWA auf 10 bis 15 Prozent ein. Manche deutsche Banken hatten in den Vergangenheit erklärt, dass es ab einem Capital Floor 70 Prozent für sie schwierig werden könnte, die dann entstehenden Kapitallöcher zu schließen.

„Versicherungen, Hedgefonds oder Fintechs könnten einige Bankengeschäfte übernehmen.“

Martin Neisen, PwC

Regelung wirkt sich auf Banken-Geschäftsmodelle aus

„Die geplanten Änderungen werden dazu führen, dass die Banken die Eigenkapitalanforderungen in ihren Geschäftsbereichen überprüfen und gegebenenfalls ihre Produkt- und Preisgestaltung anpassen müssen“, sagt Martin Neisen, Global Basel IV Leader und Partner bei PwC Deutschland. Das überarbeitete Rahmenwerk werde sich daher auf die Unternehmensstrategie und die Geschäftsmodelle der Banken auswirken.

Die deutsche Kreditwirtschaft äußerte sich kritisch zu den neuen Regelungen: „Mit der nun erfolgten Festsetzung einer quantitativen Untergrenze für die auf internen Verfahren beruhenden Ansätze zur Berechnung der Kapitalanforderungen von 72,5 Prozent verfehlt der Baseler Ausschuss für Europa sein selbst gesetztes Ziel, die Eigenmittelanforderungen nicht signifikant ansteigen zu lassen.“

Banken bekommen längere Umsetzungsfristen

Zwar hätten deutsche Institute eine gute Kapitalausstattung und würden die höheren Kapitalanforderungen verkraften. „Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass negative Konsequenzen auf das Kreditangebot für Unternehmen und Privatkunden in Europa auftreten“, so der Dachverband. Profitieren von den neuen Regeln dürften Konkurrenten der Banken wie Versicherungen, Hedgefonds oder Fintechs, die einige Geschäfte übernehmen könnten, prognostiziert Martin Neisen von PwC.

Eine Erleichterung gibt es immerhin: Die Banken bekommen mehr Zeit, um die Regeln einzuhalten. Das Reformpaket wird ab 2020 stufenweise bis 2027 eingeführt, auch der bereits 2016 verabschiedete neue Standard für Marktpreisrisiken wird auf 2020 verschoben. Auch wenn der Zeitpunkt für die Umsetzung damit noch in vergleichsweise weiter Ferne liegt, können sich die Banken jetzt nicht zurücklehnen, warnt Neisen: „Es ist offensichtlich, dass die Banken viel Zeit, Aufwand und beträchtliche Ressourcen benötigen werden, um die Auswirkungen der Reformen zu verstehen, umzusetzen und zu bewältigen.“

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

julia.schmitt@finance-magazin.de | + posts

Julia Schmitt ist Redaktionsleiterin von FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz stieg sie 2014 bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA ein. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung und Bilanzierung und ist Trägerin des Karl Theodor Vogel Preises der Deutschen Fachpresse.

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