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Berthold Fürst: „Diskussionen haben Spuren hinterlassen“

Berthold Fürst leitet den Bereich Corporate Finance der Deutschen Bank in der DACH-Region.
Deutsche Bank

Herr Fürst, die Deutsche Bank hat ein bewegtes Jahr hinter sich: Zuerst hat Ihr Haus die Fusion mit der Commerzbank verworfen, dann die neue Corporate Bank/Unternehmensbank etabliert und das Investmentbanking kräftig gestutzt. Von Ihrem Anspruch, die Nummer 1 im deutschen Markt für Eigen- und Fremdkapitalbeschaffung sowie M&A-Beratung zu sein, kann keine Rede mehr sein, oder?
Als größte deutsche Bank haben wir immer den Anspruch, führend im deutschen Corporate-Finance-Markt zu sein. Das gilt auch weiterhin. Aber natürlich haben die ganzen Diskussionen im vergangenen Jahr Spuren im Geschäft hinterlassen. Das kann man nicht wegdiskutieren, auch wenn sich im Kern bei unserem Corporate-Finance-Geschäft gar nicht viel verändert hat.

Für die Führungsspitze gilt das aber nicht. Ihr einstiger Co-Head Patrick Frowein leitet seit Herbst 2019 das Investmentbanking in Deutschland. Wäre das nicht auch eine Position für Sie gewesen?
Patrick Frowein und ich arbeiten weiterhin sehr eng zusammen. Auch hier hat sich im Grunde genommen wenig verändert. Für ihn kommen zusätzliche regulatorische und organisatorische Themen hinzu, während ich mich überwiegend um unser Kundengeschäft kümmern kann.

Den Kürzungen im Investmentbanking der Deutschen Bank ist der Aktienhandel zum Opfer gefallen. Beeinträchtigt das Ihr Geschäft bei der Beratung von Eigenkapitalmaßnahmen und Börsengängen?
Nein, das tut es nicht. Da klar war, dass wir im Aktienhandel auf Sicht keine nachhaltig profitable Marktposition erreichen können, war der Rückzug nur konsequent. Ich erwarte, dass auch andere Banken Schritte in diese Richtung machen werden. Für unsere Kunden ist wichtig, dass wir im Aktienvertrieb und im -Research weiterhin handlungsfähig und für sie da sind. Das ist es, was zum Beispiel bei der Begleitung von Börsengängen zählt. 

Deutsche Bank: 2019 mehr als 50 ECM-Deals

Lässt sich das auch beziffern?
Seit der Ankündigung der Umstrukturierung unseres Aktienhandels haben wir 2019 weltweit mehr als 50 Eigenkapitaltransaktionen begleitet. Sie sehen also, unser Modell funktioniert und wird von unseren Kunden honoriert, zum Teil auch öffentlich. Leider waren die Märkte verhalten: Der Gebührentopf im Aktienemissionsgeschäft hat sich beispielsweise in Deutschland mehr als halbiert, und die Zahl der Börsengänge lag deutlich unter Vorjahr. Das hat uns nicht gerade in die Karten gespielt.

„Der Gebührentopf im Aktienemissionsgeschäft hat sich in Deutschland mehr als halbiert.“

Kommen 2020 wieder mehr Börsengänge?
Ja, davon gehe ich aus. Helfen dürfte, dass die Weltwirtschaft sich zum Jahresanfang robuster präsentiert als vergangenes Jahr erwartet. Der Handelskrieg zwischen den USA und China verliert an Schärfe, und in Sachen Brexit gibt es vorerst Klarheit. Wir glauben deshalb, dass dieses Jahr mehr möglich ist. Siemens Energy und die Antriebssparte von Continental sind zum Beispiel zwei große Kandidaten für den Weg an den Kapitalmarkt. Wir sehen aber auch den gegenteiligen Trend.

„Wir beobachten, dass die Börse in Zeiten einer Transformation nicht mehr für jeden so attraktiv ist.“

Also der Gang weg von der Börse?
Ja, das kann für Unternehmen durchaus interessant sein, zum Beispiel wenn sie sich in Ruhe – also fernab der Quartalsberichterstattung – strategisch neu ausrichten wollen. Wir beobachten, dass die Börse in Zeiten einer Transformation nicht mehr für jeden so attraktiv ist. Ein anderer Faktor ist der massive Anlagedruck bei Private-Equity-Häusern. Diese suchen in jüngerer Zeit wieder gezielt gelistete Unternehmen, die sie von der Börse nehmen und in privater Eigentümerschaft weiter entwickeln können.

Was nicht ganz leicht ist, wenn man sich die gescheiterte Übernahme von Scout24 und den längeren Prozess bei Stada anschaut.
Ja, das liegt in der Natur der Sache – öffentliche Übernahmen sind alles andere als trivial. Und das deutsche Übernahmerecht macht es in gewissen Aspekten zusätzlich nicht einfach.

ESG: Unternehmen passen M&A-Strategie an

Ein anderes Thema, das die Märkte bewegt, ist Nachhaltigkeit. Werden wir jetzt eine Verkaufswelle der schwarzen Industrien sehen?
Natürlich werden Unternehmen auch mit Hilfe von M&A-Transaktionen ihr Geschäftsportfolio stärker auf Nachhaltigkeit ausrichten. Aber eine regelrechte Verkaufswelle bestimmter Geschäftsbereiche, die zwischenzeitlich in der Öffentlichkeit unter Nachhaltigkeits- und Umweltgesichtspunkten kritisch gesehen werden, sehe ich aktuell nicht. Schließlich werden ja auch die Käufer solcher Assets nicht zahlreicher.

Mit welchen Konsequenzen rechnen Sie dann?
Es wird ein gradueller Prozess werden. Ich erwarte aber auch, dass Manager ebenso bei Unternehmenskäufen zukünftig sehr viel mehr darauf achten werden, wie eine Akquisition ihren ESG-Footprint verändert. Vor dem Hintergrund der CO2-Debatte muss sich jeder Manager fragen: Wie beeinflusst diese die Kapitalkosten meiner Geschäfte? Wo investiere ich? Und wie finanziere ich richtig?

„Manager werden zukünftig sehr viel mehr darauf achten, wie eine Akquisition ihren ESG-Footprint verändert.“

Finanzierung: Grüne Instrumente halten Einzug

Wir beobachten auch viele neuartige Finanzierungsinstrumente, die ja schön und gut sind. Aber sind Green Bonds und ESG-Linked-Loans nicht nur eine Art Kosmetik, weil momentan noch der preisliche Anreiz weitgehend fehlt?
Das sehe ich anders. Einerseits etablieren sich derzeit ganz neue Instrumente wie ESG-Linked-Bonds und -Loans, die im Gegensatz zu Green Bonds nicht nur für eine Projektfinanzierung genutzt werden können.  So haben wir jüngst den ersten ESG-Linked-Bond für den italienischen Energiekonzern Enel erfolgreich arrangiert. Andererseits sehen wir, dass die Finanzierungskosten sich zu spreizen beginnen: Nachhaltiges Wirtschaften und das Erreichen nachprüfbarer ESG-Ziele führt zu niedrigeren Finanzierungs- und Kapitalkosten.

markus.dentz[at]finance-magazin.de

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Markus Dentz ist Chefredakteur von FINANCE und der Fachzeitschrift DerTreasurer. Seine journalistischen Schwerpunktthemen sind Unternehmensfinanzierung, Restrukturierung und Treasury. Nach dem Studium und dem Volontariat beim F.A.Z.-Institut stieß Dentz zur FRANKFURT BUSINESS MEDIA GmbH, einer Tochter der F.A.Z.-Verlagsgruppe und Herausgeberin von DerTreasurer und FINANCE. Mehrfach wurden seine Artikel aus den Bereichen Private Equity und M&A mit Journalistenpreisen ausgezeichnet.

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