Newsletter

Abonnements

CFOs in der Regulierungsfalle

Knapp daneben: Die Bankenregulierung trifft auch die Realwirtschaft.
Björn Gergen, Düsseldorf

Basel III, EMIR, Mifid, Solvency II und Finanztransaktionssteuer sind nur die herausragenden Eckpfeiler einer allumfassenden Finanzmarktregulierung. So sehr viele das Ansinnen begrüßen, dass ein stabileres Finanzsystem konstruiert wird, die Nebenwirkungen für die Unternehmen der Realwirtschaft werden dabei häufig übersehen, mitunter auch bewusst ausgeblendet. Etliche Regulierungsentwürfe schießen weit über das Ziel hinaus, denn sie behandeln Unternehmen ähnlich wie Banken. Und so dämmert vielen CFOs und Treasurern allmählich, dass am Ende sie einen Teil der Zeche zahlen werden. „Es entstehen deutliche Mehrkosten für die Banken, die am Ende ihren Weg zu den Unternehmen finden werden“, meint etwa Ralf Brunkow, der das Treasury von Nordzucker leitet. Entweder direkt, indem Unternehmen in den Anwendungsbereich einzelner Gesetzeswerke fallen, oder indirekt, indem höhere Kosten der Banken bis zum Ende der Handelskette durchgereicht werden.

In der öffentlichen Debatte besteht inzwischen Common Sense darüber, dass die Finanzierungskosten für Unternehmen aufgrund der Finanzmarktregulierung steigen werden. Umfragen der FINANCE-Redaktion bei CFOs und Treasurern bestätigen das. Vor allem für den deutschen Mittelstand, mit einem Durchschnittsrating im BB-Bereich und traditionell hochgradig von Bankenkrediten abhängig, dürfte es künftig teurer werden. Gründungs-, Wachstums-und Innovationsfinanzierungen bleiben schwierig, da Banken bei der Kreditvergabe noch risikoaverser agieren werden. Das gleiche gilt für längere Laufzeiten. Kennzahlen wie Kernkapitalquote, Liquidity und Leverage Ratio werden die Geschäftsbeziehung der Banken mit ihren Firmenkunden künftig sehr viel stärker bestimmen, als das in der Vergangenheit der Fall war.

Inkonsistente Regulierung

Problematisch sind vor allem die Wechselwirkungen der verschiedenen Regulierungsvorhaben, die nicht einmal die Urheber in Brüssel annähernd abschätzen können. „Die einzelnen Arbeitsgruppen arbeiten weitgehend isoliert. Das führt dazu, dass die Auswirkungen der verschiedenen Regulierungsvorhaben auf die Unternehmensfinanzierung kaum abzusehen sind“, sagt Sebastian Schütz, Finanzierungsexperte beim DIHK in Berlin. Die Inkonsistenzen wachsen. Beispiele dafür sind etwa die Behandlung von Auto-ABS, die künftig nicht mehr auf den Bestand an hochliquiden Assets bei Versicherungen angerechnet werden dürfen, die gleichzeitig von der EZB aber als Sicherheiten akzeptiert werden. Die Assekuranz – einer der größten Käufer solcher Verbriefungen – würde Investitionen in diese Assetklasse wohl kräftig herunterfahren. „Für uns würde eine wichtige Refinanzierungsquelle wegbrechen. Der gesamte Vertriebsmotor der europäischen Automobilindustrie könnte ins Stottern geraten“, befürchtet Frank Fiedler, CFO von VW Financial Services.

Ähnliche Inkonsistenzen fallen bei der Regulierung außerbörslich gehandelter Derivate auf. Herzstück der Derivateregulierung ist die im August dieses Jahres in Kraft getretene European Market Infrastructure Regulation, kurz EMIR. Für Unternehmen der Realwirtschaft gibt es zwar großzügige Ausnahmeregelungen. Doch werden diese durch andere Regulierungspakete unterlaufen. So verlangt etwa die EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid, OTC-Derivate künftig auf regulierten Plattformen zu handeln, und schränkt Ausnahmereglungen deutlich ein. Unternehmen, die einen ausgeprägten Eigenhandel mit Warenderivaten unterhalten, laufen Gefahr, als Wertpapierfirmen eingestuft zu werden und schärferen Regulierungsanforderungen zu unterliegen.

Der Aufwand steigt

Der Verband Deutscher Treasurer (VDT) warnt eindringlich vor den Risiken einer überstrengen Regulierung außerbörslich gehandelter Derivate. „Es ist widersinnig, dass Banken nach Basel III zusätzlich zu den Risiken eines Komplettausfalls einer industriellen Gegenpartei jetzt auch noch das Risiko einer schwankenden Kreditwürdigkeit mit Eigenkapital unterlegen müssen“, sagt Hans-Jörg Mast, Mitglied des Verwaltungsrats des VDT und Head of Treasury des Erntemaschinenherstellers Claas. In der jetzigen Form entwerte Basel III und CRD IV die EMIR-Ausnahmen, denn die Banken würden die Mehrkosten an ihre Kunden weitergeben, so die Befürchtung Masts. Studie zeigen, dass Absicherungsgeschäfte schon jetzt teurer werden und das Angebot tendenziell schrumpft.

Die Masse der CFOs und Treasurer unterschätzen die Auswirkungen der Regulierung auf die Finanzabteilung. „Meiner Meinung nach reduziert sich EMIR in vielen Unternehmen aus dem Nichtbankensektor auf die möglichen Clearingverpflichtungen und die damit verbundenen Schwellenwerte“, beobachtet Thomas Schräder, Partner von PwC im Bereich Corporate Treasury Solutions. „Diese Sichtweise greift aber zu kurz. Denn alle Unternehmen müssen neue Verfahren im Treasury einführen, um Meldepflichten zu erfüllen. Hinzu kommen noch die geforderten Verfahren, um operationelle Risiken und Adressenausfallrisiken im Zusammenhang mit Derivategeschäften besser zu steuern.“ In vielen Unternehmen ist die dafür nötige Infrastruktur noch gar nicht vorhanden. Die Nordzucker beispielsweise erwartet daraus eine Ergebnisbelastung. „Die Struktur der Regulierung legt nahe, dass die neuen Reportingpflichten bei Unternehmen administrative Kosten und Kapazitätserfordernisse auslösen werden“, sagt Brunkow. Erschwerend kommt hinzu, dass die praktische Umsetzung noch vollkommen offen ist. „Auch wenn vereinzelt Übergangsfristen geregelt sind, muss EMIR in den Unternehmen deshalb so schnell wie möglich auf die Agenda. CFOs und Corporate Treasurer sollten überprüfen, ob und inwieweit die Verordnung für ihr Unternehmen relevant ist“, rät Schräder.

Restrisiken bleiben

Unter dem Strich zeigt sich: Die Regulatoren wollen viel, am besten alles gleichzeitig. Querbezüge zwischen den einzelnen Schritten werden selten bis zum Ende durchdacht. Deswegen tut die Realwirtschaft gut daran, immer und immer wieder auf die wichtigen Punkte hinzuweisen. Die Hoffnung bleibt, dass die negativen Wirkungen der Finanzmarktregulierung auf die Realwirtschaft das gleiche Schicksal erleiden wie viele angekündigte Katastrophen auch: Sie treten schließlich nicht – oder nur abgeschwächt – ein. Basel II ist ein prominentes Beispiel. Die gefürchtete Kreditklemme trat nie ein. Stattdessen ist das Bewusstsein bei Unternehmen und Banken für Risiken gewachsen, und dass diese ihren Preis haben.

Das Problem für die Stabilität des Finanzsystems werden weiterhin die unangekündigten Katastrophen bleiben, die „Lehman-Pleiten“ dieser Welt. Dagegen werden auch die aktuellen Reformvorhaben nicht viel ändern, zumal es weniger an den Regeln, sondern viel mehr an einer effektiven Durchsetzung dieser mangelt.

Die ausführliche Version dieses Textes mit noch mehr Hintergründen zur Finanzmarktregulierung und ihren Auswirkungen auf die Finanzabteilung von Unternehmen finden Sie als Titelstory in der aktuellen Ausgabe von FINANCE.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

Augenöffner für Finanzentscheider
Inside Corporate Banking: Die Serie zum Banken-Survey 2022
Jetzt Insights sichern »
Jetzt lesen »
Inside Corporate Banking: Die Serie zum Banken-Survey 2022