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08.03.18
Banking & Berater

Automatisierung: Die lange Wunschliste der Restrukturierer

Gerade bei Sanierungsfällen ist Zeit ein entscheidender Faktor. Automatisierte Lösungen könnten die Verfahren beschleunigen. Doch an vielen Stellen scheitern die Restrukturierer noch an regulatorischen Vorgaben.

In Krisenfällen ist Tempo gefragt: Binnen kürzester Zeit müssen Restrukturierer entscheiden, ob sie beispielsweise ein Unternehmen überhaupt noch fortführen können, ob den Mitarbeitern Insolvenzgeld zusteht und vieles mehr. In diesen Fällen bieten automatisierte Analysemöglichkeiten, wie sie Legal-Tech-Lösungen bieten, einen Vorteil: „Sie sind eine große Unterstützung, wenn es darum geht, schnell valide Entscheidungen zu treffen“, sagt Peter Jark, Partner der auf Restrukturierungen und Sanierungen spezialisierten Kanzlei BBL.

Der erste Blick der Sanierer in einem Krisenunternehmen gilt meist den Buchhaltungssystemen: „Dateien für das Finanzamt und den Steuerberater sind meist relativ ordentlich geführt. Diese kann man gut automatisiert auslesen lassen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen“, berichtet Tom Braegelmann, Rechtsanwalt bei BBL. Der Restrukturierungsanwalt arbeitete im vergangenen Jahr auch mehrere Monate für den Legal-Tech-Anbieter Leverton . Dieser ist international tätig und wurde vor fünf Jahren in Berlin gegründet. „Die Restrukturierer treiben viele Innovationen in diesem Bereich, weil die Aufbereitung einer guten Dokumentation und Datenlage für sie so wichtig ist“, sagt Braegelmann. 

Restrukturierer stoßen bei Digitalisierung an Grenzen

Derzeit stoßen die Restrukturierer in Digitalisierungsfragen allerdings oft noch an regulatorische Grenzen. Vieles, was in anderen Ländern bereits automatisiert abläuft, muss hierzulande manuell erledigt werden. „Bis jetzt kann man beispielsweise Insolvenzakten in Deutschland nicht online einsehen, sondern muss dafür zu dem zuständigen Gericht fahren oder Papierkopien anfordern. Das ist Gläubigern und anderen Stakeholdern aus dem Ausland kaum zu vermitteln“, berichtet Braegelmann.

Erst 2017 hat der Gesetzgeber die flächendeckende Einführung der elektronischen Gerichtsakte beschlossen. Dies soll nun sukzessive bis zum Jahr 2026 umgesetzt werden. Braegelman setzt größere Hoffnungen in die geplanten Neuerungen zum vorinsolvenzlichen Sanierungsverfahren auf EU-Ebene, das voraussichtlich in diesem Jahr von der EU verabschiedet wird. In der Diskussion ist beispielsweise ein vernetztes, onlinegeführtes EU-weites Insolvenzregister.

Zudem sollen Schuldner und Unternehmer Zugang zu Frühwarnsystemen erhalten, die ihnen zeitig signalisieren, wenn die Geschäftslage sich zu verschlechtern droht. „Ein solches System müsste digitalisiert sein, um wirkungsvoll zu sein“, fordert Braegelmann. Ein Frühwarnsystem würde er aber auf jeden Fall begrüßen: „Je früher eine drohende Krise erkannt wird, umso wirkungsvoller sind die Hilfsangebote.“

Manuelle Prozesse kosten Restrukturierer Zeit

Noch aber verlieren Restrukturierer in einigen Fällen wertvolle Zeit. Die Wunschliste der Restrukturierer mit Prozessen, die aus ihrer Sicht automatisiert werden sollten, ist lang. Erste Schritte erhoffen sich die Anwälte von laufenden Konsultationen auf EU-Ebene zur Digitalisierung des Gesellschaftsrechts. „Derzeit muss man zu einem Notar, um Anteilsverpfändungen oder Gesellschafterwechsel wirksam durchzuführen. Bis der neue Gesellschafter handeln darf, können Tage vergehen. Diese Zeit haben wir in Krisenfällen oft nicht“, gibt Jark zu bedenken.

Könnten die Restrukturierer solche Wechsel sofort und online, womöglich auch mit Hilfe eines Notars, erledigen, wäre der neue Gesellschafter sofort handlungsfähig. Auch die Annahmequoten für Gläubigerversammlungen könnten deutlich einfacher erreicht werden, wenn man die Versammlungen online oder wenigstens elektronisch unterstützt abhalten könnte. „Solche Themen würden es uns ermöglichen, Unternehmen in Krisensituationen besser zu helfen. Aber wir sind dabei auf die Unterstützung der Politik angewiesen, die den regulatorischen Rahmen schaffen muss“, sagt Jark.

Viele Sanierer fremdeln noch mit Legal Tech

Es eignen sich aber nicht alle Tätigkeitsfelder der Sanierungsspezialisten für eine Automatisierung. „Der Bereich Non-Performing Loans ist sehr schwierig, weil die Vereinbarungen zu Sicherheiten oder Garantien in den Verträgen zu stark individualisiert sind“, sagt Jark.

Automatisierte Analysen funktionieren am besten bei standardisierten Verträgen. Braegelmann kann sich vorstellen, dass zum Beispiel Arbeitsverträge gut automatisiert analysiert werden können. Restrukturierern könnte dies helfen, wenn im Insolvenzfall etwa die Arbeitsverträge von Softwareentwicklern auf IP-Klauseln überprüft oder die gesetzlich vorgeschriebenen Sozialauswahlen für Kündigungen getroffen werden müssen.

Dass die Automatisierung im Restrukturierungsbereich noch einen weiten Weg vor sich hat, liegt Jark zufolge zum Teil auch an der Branche selbst: „Es gibt leider viele Anwälte, die wenig technikaffin sind“, sagt er. Sie tun sich schwer damit, beispielsweise im Umgang mit Legal-Tech-Software wie Kira oder Leverton die Algorithmen, die die Verträge automatisiert auswerten sollen, richtig zu nutzen.

Auch kleine Kanzleien müssen in Legal Tech investieren

Auch wenn die Investitionen für Legal-Tech-Software insbesondere kleinere Kanzleien finanziell belasten, führt aus Jarks Sicht daran kein Weg vorbei. „Der Innovationsdruck kommt auch von außen. Viele Mandanten haben ihre eigenen Prozesse automatisiert und erwarten dies auch von ihrem Anwalt“, sagt er. Hinzu kommt, dass die automatisierten Lösungen nicht nur schneller, sondern aus Mandantensicht auch günstiger arbeiten können – gerade im insolvenznahen Umfeld ein oft wichtiger Faktor.

Nicht zuletzt führt auch der Nachwuchsmangel in der Branche dazu, dass Legal-Tech-Lösungen für immer mehr Anwendungsfälle gefragt sind: „Es gibt im Restrukturierungsbereich zu wenige qualifizierte Anwälte. Das erhöht den Druck, automatisierte Lösungen für Routineaufgaben zu finden, damit die Kollegen sich wertschaffenden Themen widmen können“, sagt Jark.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Wie intelligente Algorithmen beispielsweise die Due Diligence beschleunigen können lesen Sie auf unserer Themenseite Robotics und Künstliche Intelligenz.