Seit sich mit der Wirtschaftsprüfung kaum noch etwas verdienen lässt, drängen die Wirtschaftsprüfer immer stärker in das Rechtsberatungsgeschäft.

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26.01.18
Banking & Berater

Big Four drängen in die Rechtsberatung

Die großen Wirtschaftsprüfer machen den Anwaltskanzleien ihre Mandate streitig. Die Big Four & Co. drängen immer stärker in die Rechtsberatung – und wachsen sogar schon kräftiger als die spezialisierten Wirtschaftskanzleien.

Deutschlands große Wirtschaftsprüfer drängen immer stärker in den Markt der Wirtschaftskanzleien hinein  und weisen dort bereits erhebliche Wachstumsraten auf. Das zeigt eine Studie des Marktforschers Lünendonk & Hossenfelder, der erstmals den Markt für Wirtschaftskanzleien in Deutschland untersucht hat.

Befragt wurden dazu zum einen Rechtseinheiten der vier größten WP-Häuser KPMG, PwC, EY (Ernst & Young) und Deloitte (die sogenannten „Big Four“) und deren Verfolgerfeld, zu denen unter anderem  Ebner Stolz, Rödl & Partner, Roever Broenner Susat Mazars sowie Baker Tilly gehören (die sogenannten „Next Ten“). Zum anderen wurden spezialisierte Anwaltskanzleien befragt, zu denen die Top-Ten Deutschlands gehören, darunter Freshfields Bruckhaus Deringer, CMS Hasche Sigle, Hengeler Mueller, Linklaters, Gleiss Lutz, Noerr, Hogan Lovells, Clifford Chance, Allen & Overy sowie White & Case. Insgesamt haben 32 Kanzleien und Rechtseinheiten von WP-Gesellschaften an der Befragung teilgenommen.

WPs wachsen mit Legal stärker als Kanzleien

Interessant ist dabei vor allem, wie unterschiedlich sich die Umsätze entwickelt haben: Während die teilnehmenden Wirtschaftskanzleien 2016 im Schnitt um 5,8 Prozent gewachsen sind, konnten die Wirtschaftsprüfer mit ihren Rechtsabteilungen um 13,6 Prozent mehr als doppelt so stark zulegen. Das liegt allerdings auch daran, dass das Wachstum der Wirtschaftsprüfer von einem wesentlich niedrigeren Niveau ausgeht.

So hat beispielsweise die Nummer eins der Wirtschaftskanzleien in Deutschland, Freshfields Bruckhaus Deringer, 2016 rund 370 Millionen Euro umgesetzt, die Nummer zehn, White & Case, immerhin noch knapp 140 Millionen Euro, wie das jährliche Kanzleien-Ranking des Verlags Juve zeigt. Die Rechtseinheiten der Wirtschaftsprüfer haben 2016 dagegen wesentlich niedrigere Umsätze ausgewiesen.

Bei PricewaterhouseCoopers Legal waren es rund 81 Millionen Euro (Platz 21 im Kanzleienranking), bei der KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft waren knapp 70 Millionen Euro (Platz 25). EY Law hat rund 40 Millionen Euro umgesetzt (Platz 44) und Deloitte Legal 36 Millionen Euro (Platz 49). Die jeweiligen Wachstumsraten waren aber teils beeindruckend: Mit Ausnahme von KPMG lagen sie im zweistelligen Bereich, bei Deloitte sogar bei rund 40 Prozent.

Kanzleien mit wesentlich höheren Pro-Kopf-Umsätzen

Betrachtet man die Pro-Kopf-Umsätze, so fällt auf, dass diese bei den Wirtschaftskanzleien um einiges höher sind als bei den Dienstleistern, die auch Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung im Angebot haben. Während die Wirtschaftsprüfer in ihren Rechtseinheiten im Schnitt 315.000 Euro pro Berufsträger umgesetzt haben, war der Pro-Kopf-Umsatz bei den reinen Kanzleien mit 600.000 etwa doppelt so hoch.

Ein möglicher Grund für diese starke Diskrepanz ist, dass die Big Four und Next Ten im Gegensatz zu den reinen Kanzleien einem Mandanten viele verschiedene Dienstleistungen anbieten, eben auch Wirtschaftsprüfung oder Steuerberatung. „Wie hoch das Honorar für die Rechtsberatung ist, hängt davon ab, welche Leistungen man beim Mandanten bereits erbracht hat“, erklärte José Campos Nave, Geschäftsführender Partner bei Rödl & Partner bei der Vorstellung der Studie. Die Unternehmen versuchen, dem Kunden gegenüber als Einheit aufzutreten – die unterschiedlichen Gehaltsstufen von Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern und Anwälten gleichen sich daher aneinander an.

Da die Stundensätze in der Prüfung oft niedriger sind, fallen die Stundensätze für die Rechtsberatung mitunter ebenfalls niedriger aus, wenn man beim Unternehmen als erstes eine Prüfungsleistung erbracht hat. Auch Mathias Oberndörfer, Geschäftsführender Partner bei KPMG Law, beobachtet diese Dynamik im Markt. Er geht allerdings davon aus, dass die bislang übliche Praxis, Rechtsberatung nach geleisteten Arbeitsstunden abzurechnen, bald abgelöst wird. Vielmehr würden Kunden am Ende eines abgearbeiteten Projekts einen Gesamtpreis zahlen: „Ich glaube, dass da bereits ein Wandel eingesetzt hat.“

Honorare in der Wirtschaftsprüfung sinken

Dass die Wirtschaftsprüfer so stark in den Markt für Rechtsberatung drängen, verwundert nicht. Da die Honorare in der Prüfung niedrig sind und im Zuge der Automatisierung der klassischen Prüfungsarbeiten weiter sinken, lässt sich mit dem traditionellen Geschäft kaum noch Geld verdienen.

Deshalb versuchen sowohl die Big Four als auch die Next Ten in andere Bereiche vorzustoßen, darunter die Beratung in den Bereichen Corporate Finance, Strategie, Steuern und Recht. Gerade in den Bereichen Steuern und Recht erwarten die Top 25 der WP-Häuser in den kommenden Jahren besonders hohe Wachstumschancen, sagen die Marktforscher von Lünendonk.

Um diese Ziele zu erreichen, kaufen die Wirtschaftsprüfer Beratungshäuser oder spezialisierte Beratungsteams hinzu. Daneben setzen sie auch auf neue technologische Möglichkeiten, im Bereich Recht unter „Legal Tech“ subsummiert. Diese Technologien können beispielsweise helfen, einzelne Phasen der Due Diligence zu automatisieren.

„Wie hoch das Honorar für die Rechtsberatung ist, hängt davon ab, welche Leistungen man beim Mandanten bereits erbracht hat.“

José Campos Nave, Rödl & Partner

Rechtsberater investieren in Digitalisierung

Auch die in der Studie befragten Unternehmen beschäftigen sich zunehmend mit der Digitalisierung, dabei stehen Themen wie Cloud Services, Business Analytics oder Big Data ganz oben. Wie weit die jeweiligen Rechtsberater mit Digitalisierung aber vorangekommen sind, unterscheidet sich zum Teil erheblich: Manche sehen bereits das papierlose Arbeiten als Beitrag zur Digitalisierung an. Konkrete Projekte scheinen nach wie vor rar gesät.

Um die Digitalisierung voranzutreiben, wollen die Rechtsberater zwar durchaus Geld in die Hand nehmen, im Schnitt allerdings nur knapp 4 Prozent ihres Umsatzes. Gemessen an einem von Lünendonk ermittelten durchschnittlichen Jahresumsatz einer Kanzlei von 113 Millionen Euro wären dies gerade einmal gut 4 Millionen Euro im Jahr. „Dieser Wert erscheint angesichts der künftigen Herausforderungen im Vergleich zu den Investitionsbudgets von IT- oder Strategieberatern recht niedrig“, kommentiert Jörg Hossenfelder, Geschäftsführender Gesellschafter von Lünendonk. „Das ist ein Zeichen, dass viele Kanzleien noch sondieren und abwarten.“

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Noch nie war der Wettbewerb der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungshäuser so hart wie derzeit. Wer schnappt sich die lukrativsten Mandate, wer wächst am stärksten und wer hat die beste Strategie? Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unseren Themenseiten zu den Big Four und den Next Ten.