Die Kanzleien in Deutschland mussten in diesem Jahr besonders viele ihrer Equity Partner ziehen lassen. Viele davon waren M&A-Anwälte.

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15.12.16
Banking & Berater

M&A-Anwälte sind besonders wechselwillig

2016 haben in Deutschland mehr Top-Anwälte die Kanzlei gewechselt als in jedem der fünf Jahre zuvor. Die geringste Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben offenbar M&A-Anwälte.

Geht ein Top-Anwalt von Bord, hat das für Kanzleien meist weitreichende Folgen: Nicht selten nehmen die hochrangigen Partner nicht nur gleich ein ganzes Team an Kollegen, sondern auch wertvolle Mandantenkontakte mit. Doch wirklich sicher sein können sich die Kanzleien der Loyalität ihrer Spitzenkräfte nicht mehr: 2016 hatten bereits nach drei Quartalen mehr als 55 Equity Partner in Deutschland die Kanzlei gewechselt, also Anwälte, die als Mitgesellschafter über Anteile an der Kanzlei verfügen.

Das hat eine Auswertung des Beratungshauses TGO Consulting ergeben. Das sind bereits zu diesem Zeitpunkt mehr als im Gesamtjahr 2015, als weniger als 50 Partner wechselten. Schon jetzt ist damit klar, dass es 2016 mehr Personalwechsel auf Top-Level geben wird als in jedem der vorangegangenen fünf Jahre.

Für die Analyse hat TGO Consulting die 25 bestplatzierten Kanzleien des Juve-Rankings 2015/2016 untersucht, davon sind 16 international tätige Kanzleien, neun sind nationale Sozietäten. In die Statistik eingeflossen sind alle öffentlich kommunizierten Wechsel von Equity Partnern seit 2011 und bis zum Ende des dritten Quartals 2016. Berücksichtigt wurden dabei nur Rechtsanwälte, die sowohl bei ihrem alten als auch bei ihrem neuen Arbeitgeber die Position des Equity Partners innehatten.

M&A-Anwälte stellen großen Teil der Wechsel

Als besonders wechselwillig haben sich zuletzt die Anwälte aus dem Bereich Corporate/M&A gezeigt. 37 Prozent der Wechsel in diesem Jahr entfielen auf diese Praxisgruppe, im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre waren es 35 Prozent. In diesem Jahr mussten unter anderem Allen & Overy sowie Freshfields den Abgang von M&A-Partnern verkraften.

Dass Corporate- und M&A-Anwälte einen großen Teil der Wechsel stellen, ist grundsätzlich keine Überraschung, da diese Praxisgruppe in den meisten Kanzleien die größte ist. Dennoch zeigen sich die Unternehmens- und M&A-Spezialisten dem Report zufolge deutlich mobiler als Kollegen aus anderen großen Praxisgruppen, wie beispielsweise dem Wettbewerbsbereich. Auf diesen entfielen seit 2011 weniger als 5 Prozent der Wechsel. 

Internationale Kanzleien bauen Partnerstellen ab

Insgesamt hat sich die Anzahl der Equity Partner in den deutschen Top-Kanzleien in den vergangenen fünf Jahren deutlich verringert: Seit 2011 haben 232 Partner ihre Position verlassen, nur 170 wurden neu eingestellt. Dabei hatten die international tätigen Kanzleien besonders hohe Abgänge zu verzeichnen: der Analyse zufolge haben sie zwischen 2011 und 2016 insgesamt 196 Equity Partner verloren und nur 111 eingestellt. Bei den neun nationalen Sozietäten im Ranking sieht es dagegen anders aus, sie haben Equity Partner hinzugewonnen: 36 Abgängen im betrachteten Zeitraum stehen 59 Neuzugänge gegenüber.

Die sinkende Partnerzahl hat dem Report zufolge mehrere Gründe: Einige internationale Kanzleien haben TGO Consulting zufolge die Zahl ihrer Equity Partner deutlich reduziert. Drei Viertel der ausgeschiedenen Equity Partner wechselten zu einer Kanzlei außerhalb der Top-25-Firmen und wurden damit in der Statistik nicht als Neuzugänge erfasst. Andere nahmen Stellen in Inhouse-Teams großer Unternehmen an.

Wachsender Wettbewerb durch Boutiquen

Auch neue Wettbewerber entstehen durch Abgänge von Equity Partnern: In den ersten drei Quartalen 2016 haben acht vormalige Mitgesellschafter von Großkanzleien eigene Boutiquen gegründet. Seit 2011 sind dem Report zufolge insgesamt 33 neue Boutiquen entstanden, 14 davon mit Schwerpunkt auf dem Bereich Corporate/M&A.

Für die etablierten Kanzleien sollte dies ein Alarmzeichen sein: TGO Consulting sieht die Boutiquen als ernsthafte Konkurrenz. Den Boutiquen gelinge es, signifikante Marktanteile zu gewinnen – nicht zuletzt, weil sie aufgrund ihrer geringeren Kostenbasis mit kompetitiven Preisen in den Markt drängen.

Der Wettbewerb um die Top-Anwälte wird immer härter, und er könnte sich in den kommenden Jahren sogar noch weiter verschärfen. Mit dem Brexit, so die These der Autoren, dürfte es für Kanzleien noch wichtiger werden, sich am Markt zu positionieren. Erfolgreiche Equity Partner haben in jedem Fall eine gute Verhandlungsposition.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de