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Trügerische Entspannung am D&O-Markt

Trügerische Entspannung am D&O-Markt
Größere Prämiensprünge blieben aus. Doch die Haftungsrisiken für Manager nehmen zu. Foto: Nastudio - stock.adobe.com

Jahrelang nutzten Industrieversicherer die D&O-Versicherung (Directors- and Officers-Versicherung), um einen Fuß in die Vorstandsetagen deutscher Unternehmen zu bekommen. Dafür nahmen sie auch Verluste hin und verkauften ihr Produkt unter Wert. Im Jahr 2020 kam es dann zur 180 Grad-Drehung. Der Markt verhärtete sich zusehends und fortan kannte die Prämienentwicklung in der Manager-Haftpflichtversicherung nur noch eine Richtung: nach oben.

Dieser Trend scheint sich nun vorerst abgeschwächt zu haben. Extreme Prämiensprünge wie in den Vorjahren waren eine Seltenheit bei den diesjährigen Renewals, wie die alljährlichen Vertragsverhandlungen zwischen Unternehmen und Industrieversicherern genannt werden.

Größere Einschränkungen bei Deckungssummen oder im Deckungsumfang habe es nicht gegeben, sagt Alexandra Braun von der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), einer der Branchengrößen, gegenüber FINANCE. Kunden hätten laut der Regional Head of Financial Lines Central & Eastern Europe zum Teil ihre Versicherungsprogramme mit zusätzlichen Kapazitäten aufgestockt.

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Moderate Prämienerhöhungen zum Jahreswechsel

Braun blickt zufrieden auf die Erneuerungsrunde zurück: „Angesichts der wachsenden Risiken aufgrund der schlechteren wirtschaftlichen Indikatoren infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine waren wir in der Lage, die Prämien bei der zurückliegenden Erneuerungsrunde nochmals zu erhöhen. Die Beiträge sind allerdings nicht mehr mit dem Schwung der zwei Jahre zuvor gestiegen.“

Die Preissteigerungen der vergangenen Jahre haben immerhin dazu geführt, dass das Prämienniveau wieder auskömmlich ist und einige Versicherer in den deutschen D&O-Markt zurückgekehrt oder neueingetreten sind. Das scheint für ausreichend Kapazitäten gesorgt zu haben. „Auch wir bei AGCS haben Appetit auf weiteres Wachstum, jedoch nicht um jeden Preis“, sagt Braun. „Wir prüfen Risiken individuell und genau.“

Das dürfte notwendig sein, denn Risiken sind auch 2023 genügend vorhanden, wie eine Studie der AGCS zu den aktuellen Risikotrends in der Manager-Haftpflichtversicherung zeigt. „Mehrere Krisen überlagern sich derzeit, eine vergleichbare Konzentration von Risikofaktoren haben wir im D&O-Bereich zuletzt während der Finanzkrise gesehen“, sagt Braun.

Risikokonzentration erinnert an die Finanzkrise

Zu den Risikofaktoren zählen die steigende Gefahr vor Insolvenzen, die weiterhin angespannte Lage im Energiesektor und eine mögliche Rezession. Das sorgt für ein schwieriges Umfeld für Unternehmen und erhöht damit das Haftungsrisiko für Manager.

Alexandra Braun ist Regional Head of Financial Lines Central & Eastern Europe der Allianz Global Corporate & Specialty. Foto: Allianz

Denn: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein börsennotiertes Unternehmen im Rahmen einer Aktionärsklage belangt wird, steigt, wenn die finanzielle Leistung schlecht ist, der Aktienkurs des Unternehmens fällt oder sogar die Gefahr eines Konkurses besteht, erklärt Braun. „Dies kann die Grundlage von Klagen gegen das Management sein und damit zu Schadenfällen in der D&O Versicherung führen.“ Eine Studie des Industrieversicherungsmaklers Marsh zeigt, dass zwischen 2005 und 2007 in Großbritannien 200 bis 300 D&O-Ansprüche gemeldet wurden. Nach Ausbruch der Finanzkrise kletterte die Zahl der Schadensfälle rasant in die Höhe und erreicht im Jahr 2012 mit mehr als 1.600 D&O-Fällen einen Höchststand.

Doch die AGCS-Managerin sieht nicht nur konjunkturelle Haftungsrisiken auf die Vorstände zukommen. In den Themenbereichen Cybersecurity und ESG drohen weitere Gefahren für deutsche Unternehmenslenker, besonders wenn sie in den USA tätig sind. Aktionärsklagen werden in den Vereinigten Staaten weitaus häufiger angestrengt als in Deutschland.

Cyber- und ESG-Risiken drohen

Vermeintliche oder reelle Versäumnisse im Schutz vor Cybercrime können als Pflichtverletzung angesehen werden. „Investoren erwarten von Vorständen, dass sie im Rahmen ihrer treuhänderischen Rolle vor, während und nach einem Cybervorfall für ein angemessenes IT-Sicherheitsniveau sorgen“, so Braun.

Vorstände sollten daher ein ganzheitliches Cyber-Risikomanagement etablieren, das das gesamte Unternehmen abdeckt. „Wir sehen weltweit Klagen gegen Vorstände wegen angeblicher Versäumnisse im Bereich Cybersicherheit“, so Braun weiter.

Es drohen hohe Verteidigungskosten vor Gericht

AGCS begleitet zurzeit einige in den USA tätige und zum Teil an dortigen Börsen gelistete deutsche Unternehmen in Verfahren gegen das Management aufgrund behaupteter Pflichtverletzungen im Aufbau und Unterhalt der IT-Sicherheitsstruktur. „Der Ausgang dieser Verfahren ist größtenteils noch offen. Die Verteidigungskosten sind nicht unerheblich“, betont Braun.

Im Bereich ESG drohen aufgrund zunehmender Berichts- und Offenlegungspflichten, Compliance-Anforderungen, Umweltverschmutzung und „Greenwashing“ weitere Haftungsrisiken. Gleichzeitig würden Klagen von Umweltgruppen wie etwa der Deutschen Umwelthilfe oder aktivistischen Investoren zunehmen, sagt Braun. „Die Zahl der Fälle hat von 2021 auf 2022 deutlich zugenommen.“ Die Lage am D&O-Markt mag sich etwas entspannt haben, ob sie von Dauer ist, scheint fraglich.

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.