Unter Deutschlandchef Martin Plendl hat sich Deloitte gut entwickelt.

Deloitte

22.08.19
Banking & Berater

Deloitte-Chef Plendl: „EY-Zugewinne machen mir keine Angst“

Kein WP- und Beratungshaus wächst so rasant wie Deloitte, doch im Dax fassen die Münchener im Gegensatz zum Wettbewerb nicht richtig Fuß. Warum sich das Big-Four-Haus dennoch nicht um jedes Prüfmandat bewirbt, sagt Deloitte-Chef Martin Plendl im FINANCE-Interview.

Herr Plendl, Deloitte hat in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum hingelegt, das vor allem durch zweistellige Wachstumsraten im Beratungsgeschäft getrieben wurde. Doch die Konjunktur trübt sich ein. Fürchten Sie, dass Unternehmen ihre Budgets für Beratungsprojekte zurückfahren werden?

Nein, ein Großteil der Themen, zu denen wir unterstützen, wird auch in einer sich abkühlenden Wirtschaftslage angefragt. Das sind zum einen Compliance- und regulatorische Projekte, die Unternehmen umsetzen müssen. Aber auch die Digitalisierungsprojekte werden weiter vorangetrieben. Im Vergleich zu den Strategieberatungen gehen wir mit einer breiteren Produktpalette an den Markt und begleiten auch die technologische Umsetzung, was uns in der Regel größere Auftragsvolumina  ermöglicht.

Doch irgendwann ist die Software implementiert, das Geschäftsmodell digitalisiert und das Projekt abgeschlossen. Wie nachhaltig ist das Wachstum mit der Digitalisierungsberatung wirklich?

Es ist nachhaltig, denn zum einen führen neue technologische Möglichkeiten zu immer neuen Themen und Geschäftsmodellen. Zum anderen stehen viele Unternehmen bei der Digitalisierung immer noch ganz am Anfang. Das sieht man beispielsweise an den Cloud-Lösungen, die bei vielen jetzt erst implementiert werden. Ich sehe hier noch mindestens zehn Jahre lang enorme Geschäftschancen.

Audit soll Kerngeschäft bei Deloitte bleiben

Nach dem starken Wachstum wiesen Sie zuletzt 827 Millionen Euro Umsatz im Advisory aus. Das ist inzwischen mehr als das Doppelte von dem, was Sie mit dem traditionellen Geschäft der Wirtschaftsprüfung umsetzen. Gleichzeitig beharren Sie darauf, dass Audit Ihr Kerngeschäft bleibt. Wie passt das zusammen?

Wir verfolgen in allen Geschäftsbereichen eine Wachstumsstrategie und haben 2018 auch im Bereich Wirtschaftsprüfung den Umsatz erneut zweistellig gesteigert. Kerngeschäft bedeutet nicht, dass es zwangsläufig der umsatzstärkste Bereich ist. Uns ist wichtig, dass wir ein ausbalanciertes Portfolio aus Prüfung und Beratung haben. Doch während Advisory ein Wachstumsmarkt ist, ist Audit ein Umverteilungsmarkt – das spiegelt sich letztlich auch in der Wachstumsdynamik wider.

Der Audit-Markt bietet derzeit große Wachstumschancen: Wegen der gesetzlich verpflichtenden Abschlussprüferrotation müssen die WP-Platzhirsche PwC und KPMG etliche Mandate im Dax abgeben. Deloitte wollte mehrere Mandate in dem Segment gewinnen – mit Bayer haben Sie bisher aber nur ein einziges erobert.

Natürlich wollen wir, wenn wir an den Ausschreibungen um ein Mandat teilnehmen, auch gewinnen. Doch es glückt eben nicht immer. Wir erhalten sehr gutes Feedback von den Unternehmen, bei denen wir bereits tätig sind. Ich bin zuversichtlich, dass wir unser Ziel von mehreren neuen Mandanten im Dax erreichen. Die Rotation ist ja auch noch im Gange. Unser Fokus liegt aber genauso auf nicht gelisteten Großunternehmen.

Mehr als die Hälfte der Dax-Unternehmen hat den Prüferwechsel allerdings schon hinter sich. Ihr Wettbewerber EY hat die Chance genutzt und hat schon sieben Dax-Mandate. Macht Ihnen das keine Angst?

Nein, die Zugewinne von EY machen mir keine Angst. Wir verfolgen weiterhin unser Ziel und wollen drei bis fünf Mandate im Dax und den Fortune Global 500 gewinnen.

Wichtig ist für uns, dass wir in jedem unserer Prio-1-Sektoren je ein namhaftes Mandat haben – und das ist der Fall. Vor Kurzem haben wir die die Landesbank Baden-Württemberg als Prüfungskunden gewonnen. Weitere werden folgen. Wir bewerben uns außerdem nicht um jedes frei werdende Mandat, sondern gehen sehr selektiv vor.

Deloitte will sich vor Rufschädigung schützen

Was sind Ihre Kriterien?

Branchen- und mandatspezifische Aspekte spielen eine Rolle genauso wie strategische Überlegungen. Sollten wir bei einem Kunden ein Prüfmandat erhalten, dürften wir Beratungsleistungen nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt anbieten. Daneben spielen Risikogesichtspunkte im Einzelfall als auch mit Blick auf das Gesamtportfolio eine Rolle…

...wie bei Steinhoff, die von einem Bilanzskandal erschüttert werden. Dort war Deloitte der Prüfer.

Deloitte Deutschland hat mit dem Fall nichts zu tun, dennoch kann so ein Fall auf die Marke abfärben.

„Ein Fall wie Steinhoff kann auf die Marke Deloitte abfärben.“

Martin Plendl, Deutschlandchef, Deloitte

Sie sagen, dass auch strategische Überlegungen eine Rolle dabei spielen, ob Sie als Prüfer oder Berater tätig sind. Aber liegt die Wahl wirklich bei Ihnen? Hinter vorgehaltener Hand geben manche Konzerne zu, dass sie WP-Gesellschaften aktiv dazu auffordern, sich um das Prüfmandat zu bewerben, um mehr Auswahl zu haben. Manchmal verleihen sie dieser Aufforderung mehr Nachdruck, indem sie damit drohen, ansonsten das Beratungsmandat zu streichen.

Wir sprechen mit dem Kunden natürlich darüber, wo der größte Mehrwert für ihn liegt und welche Auswirkungen es hätte, wenn wir Prüfer werden würden. Denn eine hochqualitative und effiziente Abschlussprüfung hat einen hohen Wert für ein Unternehmen, ebenso wie eine Top-Beratungsleistung. Letztlich entscheiden die Gremien der Unternehmen, mit welcher Art von Leistung sie uns beauftragen.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Wer wächst am stärksten, wer ergattert die besten Mandate? Lesen Sie mehr zu KPMG, PwC, Deloitte und EY auf unserer Themenseite zu den Big Four.