Viele Wirtschaftsprüfungshäuser verbreitern ihr Angebot. Dennoch bleibt der Nachwuchs aus. Die Branche will nun stärker an ihrem Image arbeiten.

IDW

30.10.17
Banking & Berater

„Dienstleistungsspektrum der Wirtschaftsprüfer wird breiter“

Die Digitalisierung verlangt von Wirtschaftsprüfern neue Konzepte für das eigene Geschäft. IDW-Vorstand Klaus-Peter Feld skizziert, was sich alles ändern könnte.

Immer mehr Routineaufgaben lassen sich automatisieren. Wo früher ein Mensch Zahlenkolonnen abgleichen musste, schafft das heute ein Algorithmus. Was bedeutet das für die Wirtschaftsprüfung?
Die Verbindung von Technologie und Expertenwissen wird wichtiger. Ich denke nicht, dass wir in naher Zukunft vollautomatische Dienstleistungen in der Wirtschaftsprüfung haben werden. Daten brauchen einen Kontext, und den kann man nur mit Expertenwissen und angewandtem Sachverstand herstellen. Prüfer müssen allerdings neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen sein.

Welche Entwicklungen werden für die Wirtschaftsprüfer besonders wichtig?
Die Veränderungen in der Datenanalyse sind groß, Technologien wie Big-Data-Analysen eröffnen uns neue Möglichkeiten. Allerdings müssen wir auch schauen, auf welchem Stand sich unser Mandant befindet: Wenn ein Unternehmen beispielsweise in seiner IT noch viele Insellösungen im Einsatz hat, kann es sein, dass seine Datenlandschaft für Big-Data-Anwendungen noch keine sinnvolle Basis darstellt.

„Die alten Preismodelle passen nicht mehr und müssen erweitert werden.“

Klaus-Peter Feld

Dabei dürften insbesondere kleinere WP-Häuser unter Druck geraten. Rechnen Sie mit einer Konsolidierung?
Wir werden in einigen Bereichen eine Konsolidierung sehen, insbesondere in der Abschlussprüfung. Die Veränderungen durch neue Technologien, aber auch durch regulatorische Anforderungen sind in diesem Bereich enorm. Dadurch lässt sich die Abschlussprüfung nur noch dann wirtschaftlich darstellen, wenn man eine kritische Anzahl an Mandanten hat. Das begünstigt große Einheiten. Das bedeutet aber nicht, dass nur noch große, breit aufgestellte Häuser eine Zukunft haben. Wir brauchen zunehmend auch spezialisierte Häuser. Diese werden sich auf Nischen konzentrieren und dort erfolgreich sein. Auch Kooperationen der Generalisten mit spezialisierten Anbietern in einzelnen Projekten sind dann denkbar.

Wirtschaftsprüfer suchen neue Preismodelle

Wenn Technologien und automatisierte Vorgänge eine größere Rolle spielen und Prozesse dadurch schneller werden, wird ein Mandant auf Einsparungen hoffen. Das wird bei den Wirtschaftsprüfern für Preisdruck sorgen.
Die Honorarfindung ist eine Herausforderung. Bislang schaute man vor allem darauf, mit welchem Stundensatz das eingesetzte Teammitglied abgerechnet wird und wer wie lange für seine Aufgabe benötigt. Das wird künftig schwieriger, wenn viele Aufgaben automatisiert werden und der Wirtschaftsprüfer sich stärker auf analytische Tätigkeiten fokussiert. Die Wirtschaftsprüfungsunternehmen tätigen hohe Investitionen, um den Mandanten neue technologische Lösungen anbieten zu können. Diese Mittel sollen sich natürlich amortisieren. Das passende Preismodell gibt es derzeit noch nicht. Klar ist aber: Die alten Modelle passen nicht mehr und müssen erweitert werden.

Wirtschaftsprüfer contra Strategieberater

Derzeit dringen immer mehr Wirtschaftsprüfer in andere Bereiche wie die Strategieberatung vor und zeigen dort rasantes Wachstum. Verliert die klassische Prüfung an Bedeutung?
Das Prüfgeschäft wird der Anker der Wirtschaftsprüfer bleiben. Viele Beratungsaufträge werden an WP-Gesellschaften vergeben, weil diese die Unternehmen gut kennen und sich einen Ruf als vertrauensvoller Ansprechpartner erarbeitet haben.

Die Konkurrenz ist in diesem Bereich groß, die etablierten Strategieberatungen werden das Geschäft nicht kampflos aufgeben.
Ich gehe davon aus, dass sich die Welten zwischen Wirtschaftsprüfung und Strategieberatungen künftig stärker vermischen werden. Klassische Strategieberater werden stärker in das operative Geschäft gehen, und Wirtschaftsprüfungshäuser werden ihre Expertise in der Konzeption und Umsetzung von strategischen Projekten ausbauen. Das Dienstleistungsspektrum der Wirtschaftsprüfer wird breiter: Beratung zu Cyber Security, Tax Compliance oder der Datenschutzgrundverordnung sind mögliche Betätigungsfelder.

Wirtschaftsprüferexamen soll moderner werden

Das klingt so, als sollte sich analog zu den Tätigkeitsfeldern auch die Ausbildung verbreitern. Müssten Wirtschaftsprüfer nicht künftig deutlich mehr IT-Kenntnisse mitbringen?
Es ist unerlässlich, künftig sowohl in der Ausbildung als auch berufsbegleitend mehr IT-Kenntnisse zu vermitteln. Allerdings ist das Wirtschaftsprüferexamen schon jetzt sehr anspruchsvoll. Wenn dort künftig IT-Inhalte aufgenommen werden, müssten andere Prüfungsgebiete dafür reduziert werden.

Was könnte das sein?
Derzeit könnte beispielsweise das Thema Saldenbestätigung Gegenstand des Examens sein. Ich kann mir vorstellen, dass sich dieser Bereich mittelfristig über automatisierte Datenanalysen so weit abdecken lässt, dass die manuelle Saldenbestätigung durch den Prüfer nicht mehr zwingend sein wird. Dann könnte man das Thema auch im Examen ersetzen. Dies nur als einfaches Beispiel, das zeigen soll, dass man sich den Examensstoff Schritt für Schritt anschauen und auf seine Dies nur als einfaches Beispiel, das zeigen soll, dass man sich den Examensstoff Schritt für Schritt anschauen und auf seine fortwährende Relevanz überprüfen muss. Das Wirtschaftsprüferexamen sollte modernisiert werden, das ist der klare Wunsch der Branche. Allerdings hat bei der Wirtschaftsprüferordnung auch der Gesetzgeber ein Wörtchen mitzureden.

„Das Wirtschaftsprüferexamen sollte modernisiert werden.“

Klaus-Peter Feld

Eine modernisierungsbedürftige Ausbildung dürfte die Entscheidung für den Wirtschaftsprüferberuf nicht gerade beflügeln.
Wir haben ein Nachwuchsproblem, die Anmeldungen für das Wirtschaftsprüferexamen sinken. Es gilt als sehr kompliziert, zudem haben viele ein falsches Bild von dem Beruf. Der Wirtschaftsprüfer ist keinesfalls derjenige, der kommt und Listen mit Vergangenheitsdaten abhakt. Das ist fern der Realität. Der Beruf ist heute viel innovativer und zukunftsorientierter als früher. Diese Attraktivität müssen wir stärker vermitteln. Das Fehlen von Nachwuchs hemmt in vielen Häusern bereits jetzt das mögliche Wachstum.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de


Klaus-Peter Feld ist seit 2006 geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW). Seine Berufsexamina als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer legte er 1999 und 2004 ab, im Jahr 2007 promovierte er an der Universität Ulm. Feld ist seit 2007 Technical Advisor im Board der International Federation of Accounts (IFAC) und seit 2009 deutscher Vertreter bei der Global Accounting Alliance (GAA). Seit 2012 unterrichtet er als Lehrbeauftragter für Accounting an der Universität Duisburg-Essen.

Wie sich die großen Wirtschaftsprüfungshäuser im Wettbewerb um Mandanten und Marktanteile positionieren, lesen Sie auf unserer Themenseite über die Big Four.