Warum hat EY den Bilanzskandal bei Wirecard nicht schon früher aufgedeckt? Neue Erkenntnisse setzen den Prüfer nun wieder unter Druck.

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FINANCE+ 01.10.20
Banking & Berater

KPMG wirft EY Versäumnisse bei Wirecard vor

Ausgerechnet ein eigener Mitarbeiter hat die EY-Führung schon 2016 vor einem Betrug bei Wirecard gewarnt, doch der Hinweis versandete scheinbar. Brisant: Diese Informationen stammen wohl von KPMG. EY wehrt sich.

Wirecards Abschlussprüfer EY gerät erneut schwer unter Druck. Einem Artikel der „Financial Times“ (FT) zufolge soll EY bereits 2016 über betrügerische Vorgänge bei Wirecard gewarnt worden sein – und das nicht von irgendeinem unbekannten Hinweisgeber, sondern von einem eigenen Mitarbeiter. Wie die FT weiter berichtet, soll zudem ein leitender Wirecard-Mitarbeiter versucht haben, einen Wirtschaftsprüfer von EY zu bestechen.

Diese Informationen stammen der FT zufolge aus einem bisher unveröffentlichtem Anhang des Sonderberichts von KPMG. Der 74-seitige Sonderbericht wurde im April veröffentlicht und war dem Vernehmen nach bereits unter hohem Druck seitens der Wirecard-Führung weichgespült. Trotzdem brachte er den Stein ins Rollen, der letztlich in der Aufdeckung des Bilanzskandals im Juni mündete. Noch brisantere Informationen als im Bericht selbst finden sich allem Anschein nach im 61-seitigen Anhang des Sonderberichts, der der „FT“ vorliegt. Darin wirft KPMG den Prüfkollegen von EY Versäumnisse vor, schreibt die Zeitung.

Mitarbeiter schrieb Brief an EY-Führung

Wie die FT aus dem KPMG-Bericht zitiert, soll der nicht namentlich genannte EY-Mitarbeiter im Mai 2016 einen Brief an den Hauptsitz von EY Deutschland in Stuttgart geschrieben haben. Darin prangerte er unter anderem den Kauf der drei Zahlungsdienstleister Hermes i Tickets, GI Technology und Star Global an. An dem Verkäufer – einem Unternehmen namens Emerging Market Investment Fund 1A auf Mauritius – sollen leitende Wirecard-Angestellte Anteile gehalten haben und damit in einen Interessenskonflikt verwickelt gewesen sein. 

Diese Deals galten wegen des astronomischen Kaufpreises von Anfang an als dubios. Wie die FT nun schreibt, erklärte der Hinweisgeber EY schon damals, dass die Gewinne der indischen Unternehmen künstlich aufgebläht worden seien, um den Kaufpreis in die Höhe zu treiben. Ein Wirecard-Manager, der eine leitende Position bei Hermes innehatte, soll außerdem einem lokalen EY-Prüfer eine „persönliche Entschädigung“ angeboten haben, wenn dieser die Zahlen testiert. Die Vorwürfe zu intransparenten Vorgängen bei Deals in Indien finden sich auch in einer Shortseller-Attacke der „Southern Investigative Reporting Foundation“ wieder – allerdings erst 2018.

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