Bilanzierungsfehler sollten besser nicht passieren, der Kapitalmarkt sieht das nicht gerne.

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03.02.20
Banking & Berater

Unternehmen machen wieder mehr Bilanzierungsfehler

Die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung findet wieder mehr Fehler in den Unternehmensbilanzen. Vor allem der Goodwill wird oft höher dargestellt, als er wirklich ist.

Vorstände und Geschäftsführer machen häufiger Fehler in ihren Geschäftsberichten: Lag die Fehlerquote 2018 noch bei 15 Prozent, hat sie 2019 deutlich auf 20 Prozent zugelegt. Damit war jeder fünfte untersuchte Geschäftsbericht fehlerhaft.

Somit liegt die Quote auch über dem Durchschnitt der zurückliegenden vier Jahre, als sie im Schnitt bei 16 Prozent lag. Das zeigt der Tätigkeitsbericht der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR), die jedes Jahr ausgewählte Geschäftsberichte deutscher Unternehmen auf Bilanzierungsfehler hin untersucht. Die „Bilanzpolizei“ wurde 2005 nach einer großen Welle von Bilanzskandalen gegründet.

2019 hat sie insgesamt 86 Prüfungen abgeschlossen. 79 Unternehmen hat die DPR per Stichprobe ausgewählt, sechs untersuchte sie auf einen konkreten Verdacht hin, und eine Prüfung kam auf Verlangen der Bafin. Interessant ist, welche Unternehmen die meisten Fehler in der Rechnungslegung gemacht haben: So fand die DPR bei Unternehmen mit Indexzugehörigkeit – also Dax, MDax, SDax oder TecDax – in lediglich 13 Prozent der Prüfungen Fehler, bei Unternehmen ohne Indexzugehörigkeit waren 24 Prozent der Berichte fehlerhaft.

Indexunternehmen erneut mit zweistelliger Fehlerquote

Dass kleinere Unternehmen mehr Fehler machen als die Schwergewichte in der Dax-Familie, ist nicht überraschend. Immerhin halten sich Großkonzerne oft ganze Grundsatzabteilungen, die sich mit schwierigen Fragen der IFRS-Rechnungslegung befassen. 2018 war die Situation allerdings noch umgekehrt, damals wurden mit einer Fehlerquote von 24 Prozent mehr Fehler in den Geschäftsberichten der Indexunternehmen gefunden als in den Berichten der Unternehmen ohne Indexzugehörigkeit (15 Prozent). Doch das war offenbar nur ein Ausreißer.

Kein Ausreißer war allerdings die Fehlerhäufigkeit bei den Indexunternehmen: Sie weisen nun schon zum zweiten Mal in Folge eine zweistellige Fehlerquote auf. Bis 2017 lag sie nur im einstelligen Bereich. „Ich glaube nicht, dass zweistellige Fehlerquoten bei Indexunternehmen zum Trend werden“, sagte DPR-Präsident Edgar Ernst noch vor einem Jahr bei der Präsentation des Berichts. Bislang bleiben die Unternehmen den Beweis dafür aber schuldig.

DPR findet immer wieder Goodwill-Fehler

Zu den häufigsten Fehlern gehörte mal wieder der von Ernst bereits als „Dauerbrenner“ bezeichnete Goodwill – dieser war bei den jüngst beanstandeten Fällen entweder zu hoch oder konnte nicht korrekt nachgewiesen werden. Dass die DPR jedes Jahrs aufs Neue Fehler beim Goodwill findet (zum Beispiel bei der DVB Bank oder bei Adidas) heizt auch die Diskussion um die Wiedereinführung der planmäßigen Abschreibung des Goodwills an. Viele Unternehmen haben inzwischen mehr Goodwill als Eigenkapital in ihren Bilanzen, was bei einer Wirtschaftskrise zu großen Problemen führen könnte.

Auch bei der Bilanzierung von Eigenkapital oder Anlagevermögen fand die Bilanzpolizei mehrfach Fehler. Außerdem kritisierte die DPR eine „unzureichende Berichterstattung“ bei den Anhangangaben oder in der Lageberichterstattung. Überraschend: Bisher hat die DPR keine Fehler bei IFRS 15 (Umsatzrealisierung) und IFRS 9 (Finanzinstrumente) gefunden.

Diese beiden Standards wurden zuletzt neu eingeführt, weshalb sie die DPR auch in die Prüfungsschwerpunkte aufgenommen hat, die sie sich besonders intensiv ansieht. Doch scheinbar sind die Unternehmen mit den neuen komplexen Regelungen gut klargekommen.

Ebenfalls positiv: In 79 Prozent der Fälle haben die Unternehmen den Fehlerfeststellungen der Bilanzpolizei zugestimmt, das ist eine ähnlich hohe Quote wie im Vorjahr. Die Zustimmung ist nicht selbstverständlich: Immer wieder geraten DPR und Unternehmen aneinander, weil Uneinigkeit über bestimmte Rechnungslegungsvorgänge herrscht. Besonders prominent war etwa der Fall Axel Springer, als sich der Verlag über Jahre geweigert hat, die vorgeworfenen Fehler zu akzeptieren. Bei Unstimmigkeiten zwischen Unternehmen und DPR wird als nächste Instanz die Bafin eingeschaltet, und im äußersten Fall muss das Oberlandesgericht Frankfurt sich mit dem Thema befassen.

Unternehmen fragen Bilanzpolizei um Hilfe

Grundsätzlich hat die DPR, die in den Anfangsjahren von Unternehmen noch als eher lästig empfunden wurde, deutlich an Akzeptanz gewonnen. Mitunter gehen Unternehmen mit ihren Wirtschaftsprüfern sogar im Voraus auf die Bilanzpolizei zu, um sie nach ihrer Meinung zu einem Bilanzierungsvorgang zu fragen.

2019 gab es fünf solcher „fallbezogener Voranfragen“, von denen die DPR vier bearbeitete und in drei Fällen tatsächlich (nicht rechtsverbindlich) angab, dass die Bilanzierung so nicht vertretbar sei. „Das ist eine für uns wichtige präventive Maßnahme zur Fehlervermeidung“, sagt Bettina Thormann, DPR-Vizepräsidentin.

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Die DPR rechnet damit, dass es auch in diesem Jahr Voranfragen geben wird, etwa für den komplexen neuen Leasingbilanzierungsstandard IFRS 16. Dieser gehört auch zu den Prüfungsschwerpunkten, die die DPR Ende 2019 bekannt gab. Zudem wird die Bilanzpolizei ihren Fokus auch wieder auf IFRS 15 und IFRS 9 legen. Weitere Schwerpunkte sind der Dauerbrenner Goodwill sowie die Bilanzierung von Ertragssteuern und die Angaben im Konzernlagebericht.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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