Vom einstigen Börsenstar zum Schandfleck des deutschen Finanzplatzes: Wie konnte Wirecard alle die Jahre so täuschen?

Picture Alliance/Sven Simon/Frank Hoermann

FINANCE+ 03.09.20
Banking & Berater

Prüfversagen: EYs Fehler bei Wirecard

Wirecard ist der größte Bilanzskandal in der deutschen Geschichte. Dabei gab es schon seit Jahren Warnzeichen. Wieso haben die Abschlussprüfer von EY nichts bemerkt? Eine Spurensuche.

Zweigstellen einer Bank, die nur Kulissen sind. Bankmitarbeiter auf den Philippinen, die versichern, dass Treuhandkonten und Einlagen existieren – weil sie bestochen wurden. Eine Videokonferenz mit vermeintlichen Vertretern einer asiatischen Bank, die aber nur Schauspieler sind. All dies stammt nicht etwa aus dem Drehbuch für einen Film, sondern es sind Szenen aus dem Wirecard-Krimi, der tatsächlich schon bald verfilmt werden soll.

Mit haarsträubenden Inszenierungen soll der Zahlungsdienstleister aus München versucht haben, seinen Abschlussprüfer EY zu täuschen – sogar noch im März und April, damit die Prüfer ein weiteres Mal ein uneingeschränktes Testat erteilen. Dazu kam es jedoch nicht mehr: Im Juni verweigerte EY die Unterschrift unter den Geschäftsbericht. Wenig später folgte die Insolvenz von Wirecard.

Inzwischen ist sich die Staatsanwaltschaft sehr sicher, dass Wirecard-Manager in großem Stil betrogen haben. Der Fall ist der größte Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte und schlägt weltweit Wellen.

Der ehemalige CEO Markus Braun wurde verhaftet, sein Ex-COO Jan Marsalek ist seit Wochen auf der Flucht. Gegen CFO Alexander von Knoop, der offenbar bis Ende August noch regelmäßig im Büro anzutreffen war, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Von Knoops CFO-Vorgänger Burkhard Ley sitzt in Untersuchungshaft. Für Investoren und Mitarbeiter ist es ein Desaster. Die große Frage, die nun viele umtreibt: Warum wurde der Bilanzskandal nicht schon früher aufgedeckt?

Aufsicht über Wirecard hat komplett versagt

Es ist offensichtlich, dass sich gleich mehrere Aufsichtsinstanzen nicht mit Ruhm bekleckert haben: die Bafin, die dem Konzern den Rücken stärkte; der Aufsichtsrat, der zu lange untätig war; die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung, die jahrelang nicht aktiv wurde. Alle wollen nichts bemerkt haben.

Neben Anlegern sehen auch die Banken, die teils hohe Millionenbeträge verloren haben, speziell eine Partei in der Verantwortung: EY. Wirecards langjähriger Wirtschaftsprüfer hat dem einstigen Börsenstar jahrelang die offenbar gefälschten Zahlen ohne jegliche Einschränkung testiert. Die Prüfer sind auch im Visier von Anlegeranwälten wie der Kanzlei Dr. Greger & Collegen. Sie stützt ihre Klage auf „erhebliche Versäumnisse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft“. Zwar verfolgen die Anlegeranwälte selbst ein finanzielles Interesse, dennoch ist die Frage berechtigt: Wie konnte eine der weltweit größten und renommiertesten WP-Gesellschaften nichts von den Tricksereien bemerken?

Der Skandal kam keineswegs aus heiterem Himmel. „Es gab schon seit etlichen Jahren kritische und auch detaillierte Berichte von Medien wie der ‚Financial Times‘ oder von Shortsellern, die zum Teil sehr konkrete und heftige Anschuldigungen wie Bilanzmanipulation oder Untreue thematisierten“, sagt die Bilanzexpertin Carola Rinker, die Mitarbeiter des Bundeskriminalamts zur Aufdeckung von Bilanzskandalen schult. „Solchen Vorwürfen muss ein Wirtschaftsprüfer nachgehen“, fordert Rinker. Hat EY das getan?

Wirecard und EY: Versuch einer Rekonstruktion

Die Prüfer unterliegen einer Verschwiegenheitspflicht, weswegen sich EY gegenüber FINANCE nicht äußern möchte. Daher ist es schwer zu rekonstruieren, wie der Prüfer auf die Verdachtsmomente in den vergangenen Jahren reagiert hat. Doch es gibt Hinweise: Die ersten reichen zurück bis ins Jahr 2008 und liegen damit lange vor den ersten skeptischen Berichten von Medien und Shortsellern.

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