Hinterher ist man immer schlauer: Das gilt auch für den Bilanzskandal bei Wirecard.

Wirecard

06.07.20

Darum konnte Wirecard so lange alle täuschen

Wirecard hat offenbar seine Bücher frisiert. Und das vielleicht sogar schon seit vielen Jahren. Der Fall riecht nach Bilanzfälschung für Fortgeschrittene.

Ob Shortseller-Attacken oder kritische Medienberichte: Verdachtsmomente gab es bei Wirecard schon seit vielen Jahren. Trotzdem kamen die Bilanzlücken erst vor wenigen Wochen ans Licht. Wie konnten so viele Leute – Investoren, Wirtschaftsprüfer, Aufseher – so lange getäuscht werden?

Es gibt vor allem zwei Kennzahlen, auf die Investoren besonders achten: Die Entwicklung des Umsatzes und der Liquidität. Beide hat Wirecard allem Anschein nach manipuliert. Das komplexe Geschäftsmodell und die Besonderheiten des Acquiring-Geschäfts mit Dritt-Partnern (TPA) waren dabei vermutlich sehr hilfreich, denn diese eignen sich gut, gewisse Vorgänge zu verhüllen. 

Wirecard: Was ist genau passiert?

Mit TPA-Partnern hat Wirecard nach eigenen Angaben zusammengearbeitet, da der Konzern unter anderem in Asien keine eigenen Banklizenzen hatte. Doch mittlerweile verdichten sich die Hinweise darauf, dass es das Geschäft mit diesen Partnern womöglich gar nicht oder nur in deutlich geringerem Umfang gegeben hat. War der Hintergrund für das Acquiring-Geschäft in Wahrheit etwa ein anderer, etwa der Versuch, Manipulationen zu verbergen?

Ein wichtiger Baustein könnte die Verbuchung der Guthaben auf Treuhandkonten unter den „Zahlungsmitteln und Zahlungsmitteläquivalenten“ gewesen sein. Dieses Vorgehen hatte KPMG in seinem Sonderbericht moniert: Das Guthaben hätte vielmehr unter sonstigen finanziellen Vermögenswerten verbucht werden müssen.

Das an sich ist erstmal vielleicht nur eine Bilanzverschleierung – allerdings in erheblichem Ausmaß. Schließlich handelte es sich dabei um die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro, für die der Buchprüfer EY keine Belege auftreiben konnte. Unklar ist nach wie vor, ob diese Gelder wirklich existieren. Doch eine solche Summe verschwindet nicht über Nacht wie das Ex-Vorstandsmitglied Jan Marsalek. Ein Scheinguthaben in dieser Höhe wird erst langsam „aufgebaut“.

So könnten auf dem Papier die gewünschten Umsätze und Liquiditätszuflüsse entstanden sein. Seit 2015 haben sich die beiden Kennzahlen Umsatz und Cash in gleicher Relation erhöht. Die Relation der beiden Kennzahlen könnte also passen. 

Warum immer neue Schulden?

Aber normalerweise hat ein Bilanzfälscher bei der Manipulation der Umsätze irgendwann immer ein Problem: Bei einer fingierten Rechnung fließen dem Unternehmen keine Gelder zu, früher oder später wird es klamm in den Kassen.

Tatsächlich fällt auf, dass Wirecard zunehmend Darlehen aufgenommen und somit langfristig erhebliche Schulden aufgebaut hat. Im Herbst 2019 wurde erstmals eine Anleihe in Höhe von 500 Millionen Euro ausgegeben und außerdem eine Wandelanleihe über 900 Millionen Euro im Umfeld der Softbank platziert. In der Quartalsmitteilung vom 30. September 2019 heißt es, dass dieser Betrag zur Rückzahlung eines Konsortialdarlehens eingesetzt wurde.

Bereits hier zeigt sich ein eindeutiges Warnzeichen: Warum benötigt ein angeblich so ertragsstarkes Unternehmen so viel Fremdkapital? Von den Gewinnen wurde jedenfalls nicht viel als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet. Hatte sich Wirecard mit den 1,4 Milliarden Euro wieder Geld besorgt, um beispielsweise Gehälter bezahlen zu können? Mit dem heutigen Wissen könnte dies so gedeutet werden.

Wirecard geht in die Geschichte ein – leider

Was nun so offensichtlich erscheint, wurde lange von niemandem gesehen. Eigentlich war es nur die „Financial Times“, die seit 2015 wiederholt auf genau jene Ungereimtheiten hinwies, die jetzt, 2020, auch EY auffielen. Bafin, DPR und Wirtschaftsprüfer monierten die ganze Zeit über nichts. Kaum jemand wollte den kritischen Beiträgen von Dan McCrum und Stephania Palma in der Financial Times oder den Papieren der ominösen Research-Häuser – die durch ihre Leerverkaufspositionen natürlich ein Eigeninteresse hatten – Glauben schenken.

Vieles muss jetzt aufgeklärt werden. Die Aufbereitung des Bilanzskandals dürfte Jahre dauern. Die Drahtzieher hinter der Manipulation gehen in die Wirtschaftsgeschichte ein.

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„Abgeschminkt“ ist der FINANCE-Blog von Bilanzierungsexpertin Carola Rinker über aufgehübschte Unternehmenszahlen und skandalöse Bilanzkosmetik. Wie die Unternehmen ihre Zahlen im Rahmen des rechtlich Möglichen beeinflussen und wann sie Grenzen überschreiten, können Sie in loser Folge hier lesen.

Nicht immer bleiben die Aufhübschungen im legalen Bereich. Mehr über veritable Bilanzskandale können Sie auf unserer Themenseite nachlesen.