Der Computer- und Elektronikhersteller Medion hat seine Umsätze viel zu hoch ausgewiesen, moniert die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung.

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12.03.19
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Wie Medion seine Umsätze aufgepumpt hat

Medion hat die Umsatzerlöse gewaltig aufgepumpt. Damit es nicht auffällt, wurden die Aufwendungen entsprechend nach oben angepasst. Das ist wieder ein Fall von fortgeschrittener Bilanzkosmetik, findet unsere Bloggerin.

2016 war ein herausforderndes Jahr für Medion. Der Essener Hersteller von Computern, Smartphones, Notebooks und mehr bekam die sinkende Nachfrage im klassischen IT-Hardware-Geschäft zunehmend zu spüren, klagt der Vorstand im Geschäftsbericht. Und trotzdem war er mit dem Jahr zufrieden: Immerhin habe man es in dem „unverändert herausfordernden Wettbewerbsumfeld“ geschafft, den Umsatz mit 1,4 Milliarden Euro konstant zu halten, lobt der Vorstand.

Oder auch nicht. Denn eine Mitteilung von Anfang Februar diesen Jahres zeigt: Die Umsatzerlöse wurden damals viel zu hoch ausgewiesen – um immerhin 408 Millionen Euro, was im Geschäftsjahr 2016/2017 rund 30 Prozent des gesamten Umsatzes sind. Medion wurde von der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung („Bilanzpolizei“) dazu veranlasst, diese Meldung im Bundesanzeiger zu veröffentlichen.

Umsatz ist nicht gleich Umsatz

Wie konnte das passieren? Umsatzerlöse werden eigentlich definiert als der Bruttozufluss von wirtschaftlichem Nutzen aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit eines Unternehmens, der zu einer Erhöhung des Eigenkapitals führt und nicht aus Einlagen der Gesellschafter resultiert.

Erträge, die jedoch aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit resultieren, aber nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens zählen, müssen unter den sonstigen betrieblichen Erträgen ausgewiesen werden. Je nach Zweck des Unternehmens können Mieterträge oder Provisionserträge dazu zählen.

Medion „passte“ Aufwendungen nach oben an

Bei Medion jedoch ist dies anders. Da die Vermittlung von Mobilfunkleistungen zum Kerngeschäft des Konzerns gehört, zählen die erhaltenen Provisionen dafür zu den Umsatzerlösen. Der Verkauf der Mobilfunk-Start-Sets gehört jedoch nicht zum Kerngeschäft. Somit zählen die daraus erzielten Erträge nicht zu den Umsatzerlösen. Dies gilt auch für die Guthaben-Voucher, mit denen das Unternehmen genauso vorgegangen ist.

Immerhin wurde durch die zu hohen Umsatzerlöse der Gewinn nicht zu hoch ausgewiesen. Medion „korrigierte“ das Ganze durch eine zu hohe Erfassung von Materialaufwand – in der gleichen Höhe.

Medion hätte großen Umsatzrückgang erklären müssen

Und wofür das Ganze? Eine mögliche Interpretation: Investoren schauen vor allem auf die Entwicklung der Umsatzerlöse, da diese weniger leicht geschönt werden können als der Gewinn. Doch wie heißt es so schön: Ausnahmen bestätigen die Regeln.

Durch die Bilanzkosmetik sind bei Medion die Umsatzerlöse im Geschäftsjahr 2016/2017 nahezu konstant geblieben. Auch wenn konstante Umsatzerlöse die Investoren nicht vom Hocker hauen – sie verhindern zumindest kritische Nachfragen, die es bei einem Umsatzrückgang in Höhe von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sicherlich gegeben hätte. Denn genau dies hätte Medion seinen Investoren erklären müssen, wenn die Umsatzerlöse korrekt mit 992 Millionen Euro ausgewiesen worden wären.

Als Sahnehäubchen wurden im Geschäftsbericht 2016/2017 zudem verpflichtende Angaben zu Gesamtbeträgen mit externen Kunden im Konzernanhang unterlassen. So müssen laut IFRS Gesamtbeträge von externen Kunden angegeben werden, wenn diese jeweils mindestens 10 Prozent der Umsatzerlöse ausmachen.

Nach den vorgenommenen Korrekturen durch die Bilanzpolizei beliefen sich diese Gesamtbeträge auf 194 Millionen Euro und 158 Millionen Euro – und das sind dann eben mehr als ein Drittel des korrigierten Gesamtumsatzes. Das ist schon Verschleierung für Fortgeschrittene.

Auch Drillisch wies zu hohe Umsätze aus

Der Fall weckt Erinnerungen an Drillisch. Auch der Mobilfunker wurde von der Bilanzpolizei im letzten Jahr bei Erfassung der Umsatzerlöse zurückgepfiffen. Sowohl Drillisch als auch Medion haben Erträge als Umsatzerlöse erfasst, die dort nicht hingehören.

Dieser Kniff scheint ein Hilfsmittel zu sein, mit dem Unternehmen zunehmend versuchen, ihre Umsatzerlöse zu dopen. Und leider wirkt es oft – denn bis die Bilanzpolizei die gelbe Karte zeigt, geht einige Zeit ins Land. Wenigstens kritische Fragen zum Rückgang der Umsatzerlöse bei der anschließenden Hauptversammlung können Managementteams mit diesem Trick ziemlich oft vermeiden.

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„Abgeschminkt“ ist der FINANCE-Blog von Bilanzierungsexpertin Carola Rinker über aufgehübschte Unternehmenszahlen und skandalöse Bilanzkosmetik. Von noch mehr Unternehmen, die ihre Zahlen im Rahmen des rechtlich Möglichen beeinflussen, dabei mitunter aber Grenzen überschreiten, können Sie hier lesen.