Brauchen wir nach Fridays for Future auch Finance for Future? Unser Kolumnist Niels Dechow schlägt eine solche Initiative vor – damit Management-Teams und Kapitalmarkt smarter auf die ESG-Welle reagieren können.

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06.02.20

Gründen wir Finance-4-Future!

Die Siemens-Kohle-Affäre hat gezeigt: Mit Social Media und Show-Effekten kommen Industrie und Klimaschützer nicht zusammen. Banker und Manager müssen ESG-Themen ganz anders anpacken – Finance-4-Future statt Twitter!

Während meiner Zeit in Oxford war ich an der Said Business School Teil eines Teams, das sich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen sollte. Daraus wurde später das „Accounting for Sustainability“-Projekt unter der Schirmherrschaft des Prince of Wales. Das alles müsste jetzt ungefähr 15 Jahre her sein, und ich habe in Erinnerung, dass Nachhaltigkeit aus den unterschiedlichsten Gründen damals nicht richtig ernst genommen wurde. Demjenigen, der „grün“ werden wollte, wurde Naivität nachgesagt, und kritische Forschung zum Thema wurde oft als „rot“ abgestempelt.

Wie sich die Zeiten verändert haben! „Klima“ – zum Teil als Pseudonym für all das, was verschiedene Stakeholder alarmierend finden – wird plötzlich überall thematisiert. Die altbekannte Art und Weise, durch die Nachhaltigkeit dokumentiert wurde (durch Zahlen, Kurven und im Lagebericht), verfängt nicht mehr. Etwas Neues setzt sich durch. Es wird bewirken, dass Industrie, Politik, aber auch Aktivisten sich zu einer neuen Fahrt ins Morgenland aufmachen müssen. Fast geht es im Sinne von Herman Hesse schon darum, die Idee von Dienst und Verdienst neu zu erlernen.

Wohin die Reise gehen wird, wage ich nur insofern zu beschreiben, als dass es zunehmend wichtig sein wird, vier Themen miteinander verbinden zu können: institutionelle Erwartungen, geopolitische Rahmenbedingungen, natürliche, soziale und ökonomischen Grundprämissen (im Englischen auch als „ESG“ bekannt) sowie last but not least den technologischen Möglichkeitsraum. Momentan werden diese vier Themen jedoch meistens nicht miteinander verknüpft, und wenn, dann nicht ordentlich. Ein gutes Beispiel hierfür ist die jüngste Episode um Siemens, Frau Neubauer und Herrn Kaeser.

Ein Twitter-Tribunal mit zwei Verlierern

Gerne würde ich wissen, wie Joe Kaeser die Signalwirkung seines Twitterns einschätzt. Im ersten Reflex würde ich Frau Neubauers Position zuneigen: Siemens hält an der Zulieferung für ein Kohlenbergwerk in Australien fest und damit an einer Entscheidung, die aus dem Jahrhundert gefallen zu sein scheint. Wer hat sie in den letzten Wochen nicht gesehen, die Bilder verkohlter Koalas auf unseren Bildschirmen? Was hat sich Siemens bei der Annahme eines solchen Auftrags nur gedacht?
 
Indes: Eigentlich verkauft Siemens ja auch „nur“ eine weitere Signalanlage, sichert so Arbeitsplätze und erwirtschaftet eine Rendite. Siemens baut keine Kohle ab, sondern verdient Kohle, und so ist es nun mal im institutionellen Vertrag eines börsennotierten Unternehmens definiert. Kümmert sich der CEO nicht um den Umsatz, werden die Aktionäre schnell sauer. Wir – als Investoren, als Aktivisten oder als Zuschauer – müssen uns zwangsläufig die Frage stellen, wer nun Recht hat. Vielleicht sogar beide? Oder könnte es sein, dass sowohl Kaeser als auch Neubauer irgendwie an der Realität vorbeigegangen sind?

Nicht leichter macht es das Medium, in dem sich die Auseinandersetzung abgespielt hat. Statt zu debattieren, posten die Leute auf Twitter ihre Empörung. Wen überrascht das? Die 280 Unicode-Zeichen, die Twitter darstellt, reichen nun mal nicht für die Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Institutionen, Geopolitik, ESG und Technologie. Für diese Debatte war Twitter die falsche Plattform. Aus meiner Sicht haben daher Kaeser und Neubauer gemeinsam verloren, weil sie durch ihren Dialog das „Igitt-igitt-Sentiment“ ihrer Follower lediglich verstärkten, anstatt Mut für komplexe, widersprüchliche Lösungsansätze zu beweisen. Genau solche Situationen müssen wir überwinden.

Finance-4-Future muss Positionen zusammenbringen

So wage ich zu behaupten, dass die Debatte zwischen Neubauer und Kaeser uns produktiver erschienen wäre, hätten die beiden Kontrahenten zwei Dinge in den Fokus gesetzt: Cura und Courage beziehungsweise in der gegebenen Situation ihren Mut, zu debattieren. Deshalb schlage ich im Zeitgeist von „Fridays for future“, „Scientists for future“ et cetera mit „Finance-4-Future“ ein weiteres Forum vor.

Es ist wichtig, realistisch zu sein. Bei Finance-4-Future soll es nicht um ein Entweder-oder gehen.

Um besser zu sein als all das, was uns bereits bekannt ist, müssen wir unsere Aufsicht ausgeglichen auf das komplexe Kleeblatt richten, das aus vier Themen besteht, wie weiter oben bereits erwähnt: Erwartungen, Rahmenbedingungen, ESG und Technologie. Darüber hinaus müssen wir uns darauf einstellen, dass die Wahl einer Option nicht zwangsläufig alle anderen eliminieren muss. Bei Finance-4-Future sollte es nicht um ein Entweder-oder gehen. Es ist wichtig, realistisch zu sein, zu versuchen, aus den Gesichtspunkten verschiedener Aktivisten und Unternehmer ein Sowohl-als-auch zu bilden – eben weil die beiden Positionen von Neubauer und Kaeser gleichermaßen legitim sind.

Funktionale Lösungen für bösartige Probleme

Einer ähnlichen Ausgangssituation begegnen wir in der Steuerung von Unternehmen. Immer noch gehen Ökonomen und Betriebswirtschaftler davon aus, dass Unternehmen entweder vertriebs- oder produktionsgesteuert geführt werden müssen. Diese Sichtweise muss dringend durch eine systemische Sichtweise ersetzt werden, die eine Pluralität von Gesichtspunkten (beispielsweise von Aktivisten und Unternehmern) aufnimmt und integriert, anstatt – ganz klassisch – den einen vor dem anderen zu berücksichtigen. Der US-amerikanische Politologe Michael Shapiro hat bereits in den 1980er-Jahren vorgeschlagen, „clumsy solutions for wicked problems“ zu entwickeln. Und Recht hat er gehabt!

In der Einschätzung von Unternehmens-Performance werden Basisvariablen und Bewertungskoeffizienten nicht alles abdecken können, wenn wir erst anfangen wahrzunehmen, dass es so unterschiedliche Größen auf einen Nenner zu bringen gilt wie institutionelle (Markt-) Erwartungen, geopolitische Rahmenbedingungen, natürliche, soziale und ökonomische Grundprämissen (esg) und einen technologischen Möglichkeitsraum, der sich ständig verändert. Dies ist der „X-Faktor“ unserer Zukunft: die Fähigkeit, das I-GET erfassen zu können, es darzulegen und schließlich auch zu verteidigen.

Zweitens müssen wir uns dagegen stellen, dass Unternehmen momentan jede Entscheidung nur aus einer Risikosicht angehen dürfen. Klar, Risikomanagement ist wichtig. Ich forsche gerne dazu – sehe dabei aber leider, dass Risiken sich viel zu einfach wegberechnen lassen. Allein Kosten zu sparen und Risiken zu begrenzen ist keine Kunst, das kann jeder Idiot (solange es nicht um sein eigenes Geld geht). Positive Veränderungen können aber nur durch strategische Investitionen angetrieben werden! Und auch Investitionen in Nachhaltigkeit, Corporate Social Relations und Governance können sich rentieren – oft schon als einfacher Effekt der Steigerung des intellektuellen Kapitals.

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Messen, welche Fortschritte ein Unternehmen macht

Drittens ist es an der Zeit, sich mit der „Assurance-Kultur“ auseinanderzusetzen. Sich einer „hinreichenden“ Sicherheit anzuvertrauen, ist überfällig. Weil die Datenbasis exponentiell wächst, werden neue Technologien fortlaufende Prüfungen rasant erleichtern. Die Vorhaben der großen Prüfungshäuser, Compliance- und Risk-Management-Systeme prüfen zu wollen, sind ein Armutszeichen. Oder glauben Sie, dass sich der Risiko-Appetit eines Vorstands prüfen und vollumfänglich artikulieren lässt?

Risiken stehen immer in Bezug zu den Chancen, die ergriffen werden können. Meist ist diese Beziehung viel dynamischer als das, was eine sogenannte „Heat Map“ visualisieren kann. Auch hierfür ist das Intermezzo von Herrn Kaeser und Frau Neubauer ein gutes Beispiel.

Der Trend in den klassischen und den sozialen Medien, jedes Event entweder als richtig oder falsch zu bewerten, interessiert mich nicht. Das ist Mist, der mir nicht weiterhilft. Viel lieber möchte ich den Fokus darauf richten, auf komparativer Basis zu verstehen, welchen Fortschritt das einzelne Unternehmen Jahr für Jahr macht, um unsere gesellschaftliche Werthaltigkeit zu schützen, zu sichern und zu entwickeln. Eine Bewegung wie Finance-4-Future könnte uns auf diesem Weg voranbringen.

redaktion[at]finance-magazin.de

Jedes Event als richtig oder falsch zu bewerten, ist Mist. Das hilft mir nicht weiter.

Niels Dechow, PhD, ist Professor für Unternehmensrechnungslegung und Controlling an der European Business School (ebs). Für FINANCE bloggt er regelmäßig zu den neuesten Trends im Controlling. Hier geht es zu allen Beiträgen seines Blogs „Controlling 2025".

Sie möchten mit Herrn Dechow in Austausch treten über Finance-4-Future? Dann kontaktieren Sie ihn jederzeit gerne direkt per E-Mail.