Chirurgischer Effekt: Das Ende des Ölzeitalters würde den Bankbilanzen schaden. Wie stark, haben die Grünen auf Heller und Pfennig ausrechnen lassen.

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10.03.14
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Die Grünen und die Bankbilanzen

Die Öl- und Rohstoffkonzerne können womöglich nur ein Drittel ihrer Reserven ausbeuten, warnen die Grünen. Das wäre schlimm. Vergesst die PIGS-Anleihen: Das wahre Risiko in den Bankbilanzen ist die CO₂-Blase!

Liebe Grüne,

in der Ukraine bahnt sich ein Bürgerkrieg an, aber Ihr habt natürlich auch diesmal ein noch schlimmeres Problem gefunden, mit dem Ihr das Europaparlament konfrontieren könnt. Eure Botschaft an die Parlamentarier und die Kapitalmärkte: Leute, vergesst die Subprime Loans und PIGS-Anleihen – das wahre Risiko in den Bankbilanzen ist die CO₂-Blase!

Von dem Ex-PwC-Mann James Leaton habt Ihr ausrechnen lassen, dass die Rohstoffkonzerne höchstens ein Drittel ihrer nachgewiesenen Kohle-, Öl und Gasreserven tatsächlich fördern können, wenn die Erderwärmung auf 2 Grad begrenzt werden soll. Die Öl- und Rohstoffmultis würden dann 40 bis 60 Prozent ihres Wertes verlieren. Banken drohten Forderungsausfälle und Wertverluste von 460 Milliarden Euro, weitere 560 Milliarden Euro würden sich bei Versicherungen und Pensionskassen in Luft auflösen. Am schlimmsten treffen würde es die BNP Paribas und die Société Générale. Könnt Ihr vielleicht auch noch ausrechnen, wie das Wetter an dem Tag sein wird, an dem die beiden Bankriesen umkippen werden?

Dass die Grünen – praktisch serienmäßig eingebaut – bei fast jeder Problemstellung am Schluss das Ende des Kapitalismus aufziehen sehen, ist nichts Neues. Aber, liebe Grüne, Ihr habt doch sonst auch immer das große Ganze im Bild! Versuchen wir das auch mal bei der CO₂-Blase.

Nehmen wir an, die Politiker würden tatsächlich in einer dramatischen Kehrtwende die Förderung von Öl, Gas und Kohle deutlich einschränken. Womit führen dann unsere Autos, womit liefen unsere Maschinen? Und woraus würden unsere Kraftwerke den Strom erzeugen?

Eine plötzliche Umstellung unserer Energieerzeugung wäre ein derart disruptiver Impuls, dass es die Kapitalmärkte von innen nach außen drehen würde. Wen interessieren dann noch die Auswirkungen der Kursverluste von Rohstoffpapieren in den Bankbüchern? Wie sich die Weltwirtschaftsordnung, unsere ganze Art zu leben dann neu einpendeln würde, wo neue Werte entstünden, wo alte untergingen – das wäre nicht nur für die zwei französischen Großbanken eine existentielle Frage. 

Aber trotzdem danke für den Denkimpuls. Wir haben uns schon nach dem passenden Finanzinstrument für die CO₂-Blase umgesehen. Nur leider will uns keine Bank eine vierzig Jahre laufende Put-Option auf Öl- und Minenaktien schreiben. Der Kapitalmarkt hat das Ausmaß der Weitsicht der Grünen ganz offensichtlich noch immer nicht erkannt.

Mit freundlichen Grüßen

FINANCE  

Michael Hedtstück ist Online-Chefredakteur von FINANCE. Hier finden Sie weitere Meinungsbeiträge seines Blogs "Das ist doch Mist!".