Michael Meeske ist der starke Mann beim 1.FC Nürnberg. Er startet mit einer Menge Vorschusslorbeeren – und mit einem Tabubruch.

picture alliance / Hoch Zwei

16.10.15
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1.FC Nürnberg zurück im Krisenmodus

Der 1.FC Nürnberg ist wieder zum Sanierungsfall geworden. Weil das alte Management es versäumt hat, rechtzeitig die Refinanzierung der im April auslaufenden Fananleihe zu regeln, steckt der Klub jetzt in einem Spinnennetz gefährlicher Abhängigkeiten.

Hätte René Weiler, der Trainer des 1.FC Nürnberg, so wenig Weitsicht wie der Autor dieses Blogs, stünde der Klub in der aktuellen Zweitligatabelle wohl noch schlechter da als auf Platz 10. Vor gut einem Jahr lobte FINANCE an dieser Stelle den „Millionenregen“, der sich dank einer klugen Transferpolitik über den Nürnbergern ergoss. Doch die Einschätzung, dass über 14 Millionen Euro Transfererlöse reichen sollten, um die Klub-Finanzen nach dem überraschenden Bundesligaabstieg zu stabilisieren, war falsch. Der 1.FC Nürnberg ist wieder zurück im Krisenmodus, nicht nur sportlich, sondern auch finanziell.

Es sind zwei Probleme, die den Klub an die Wand drängen: Verluste im operativen Geschäft, die den Entschuldungspfad der vergangenen Jahre umkehren, und eine im nächsten Frühjahr auslaufende Fananleihe, bei deren Refinanzierung geschlafen wurde.

Die wahre Lage ist schlechter, als die Zahlen suggerieren

Die Lage ist gefährlich: Die abgelaufene Saison 2014/15 haben die Franken mit einem Fehlbetrag von 2,1 Millionen Euro abgeschlossen. Dieser Verlust schlägt voll auf die Bilanz durch: Der nicht durch Eigenkapital gedeckte Bilanzfehlbetrag steigt von minus 1,2 auf minus 3,2 Millionen Euro. Das ist vor allem deshalb bitter, weil der Klub zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit kurz davor stand, wieder ein positives Vereinsvermögen auszuweisen. Zwischen Juni 2010 und Juni 2014 gelang es den Franken, die Bilanzunterdeckung von minus 10,6 auf minus 1,2 Millionen Euro abzubauen. Dieser Aufwärtstrend ist jetzt vorbei.

Das eigentlich Beunruhigende: Es waren nicht etwa negative Sondereffekte, die den Klub in die roten Zahlen gedrückt haben, sondern positive Sondereffekte, die die Verluste noch gedämpft haben. So hat der Klub ein Nettotransferplus von 2,3 Millionen Euro erzielt. Zieht man die rein bilanziellen Effekte ab und betrachtet nur die cashwirksamen Transfereinnahmen und –ausgaben, sind netto sogar 9,2 Millionen Euro in die Klub-Kassen geflossen. All dieses Geld ist verbrannt.

Der 1.FC Nürnberg ist vom Sanierungskurs abgekommen

Nicht durch Vermögen gedeckter Fehlbetrag in Mio. €

Quelle: 1.FC Nürnberg

Ohne Transfers erlöst der Klub nur 33 Millionen im Jahr

Das ist vor allem deshalb tragisch, weil sich nicht noch einmal ein Füllhorn vom Transfermarkt über dem Klub ausschütten wird. Im laufenden Geschäftsjahr stehen zwar schon einmal 3 Millionen Euro zu Buche, die der Verkauf des Talents Niklas Stark an Hertha BSC Berlin im August gebracht haben. Weitere Transfererlöse darüber hinaus sind aber noch völlig offen, und dass sie sich am Saisonende erneut auf 14 Millionen summieren, erscheint aus heutiger Sicht extrem unwahrscheinlich. Damit ist jetzt schon klar, dass die laufende Saison 2015/16 finanziell eine ganz schwierige wird. Zieht man die Transfererträge von dem vergangene Saison erzielten Umsatz von 47,2 Millionen Euro ab, landet man bei gerade einmal 33 Millionen.

Auf der Ausgabenseite hat sich der Klub 2014/15 aber 16 Millionen Euro Personalkosten geleistet plus noch einmal 5,1 Millionen Euro für Neuverpflichtungen von Spielern, die größtenteils nicht viel gerissen haben. Diese Kosten müssen dringend runter, wenn der Klub in der Zweiten Liga eine neue Balance finden will.

Das sieht auch der erst Anfang September am Valznerweiher angetretene Finanzvorstand Michael Meeske so: „Der Aufwand war nicht dem Ertrag der 2. Liga angepasst“, kritisiert der neue starke Mann, der für diese Saison einen ähnlich hohen Verlust wie in der Vorsaison erwartet. Damit würde der Klub auch die Auflagen des Ligaverbands DFL verletzen, dem die Nürnberger zugesagt hatten, das negative Eigenkapital bis Saisonende zu verringern. Das könnte Ärger geben – auch für die beiden in die Wüste geschickten früheren Manager Martin Bader (Sport) und Ralf Woy (Finanzen), denen die Mitgliederversammlung am vergangenen Sonntag die Entlastung verweigert hat.

Der 1.FC Nürnberg hat Anleihetilgung „unterschätzt“

In dieser schwierigen Lage muss Meeske die Finanzen schleunigst neu aufstellen. Den Klub drücken 13,7 Millionen Euro an kurzfristigen Verbindlichkeiten. Der größte Brocken ist die Fananleihe über 6 Millionen Euro, die der 1.FC Nürnberg im kommenden April zurückzahlen muss. Irgendwie muss deren Refinanzierung in dem ganzen Personaltheater rund um den Abgang des früheren Finanzchefs Woy und im zeitlichen Umfeld des schweren Machtkampfs im Aufsichtsrat untergegangen sein.

Meeske drückt das Versäumnis noch recht diplomatisch aus: „Offenbar ist unterschätzt worden, dass bereits ein Jahr vor Ablauf einer Anleihe alles geregelt sein muss.“ Es soll aber auch Vereine geben, bei denen derart große Fälligkeiten frühzeitig in der Finanzplanung und Finanzierungsstrategie berücksichtigt werden, auch dann, wenn sich die Vereinsoberen gegenseitig bekämpfen. Der Klub gehört leider nicht dazu.

Jetzt muss Meeske in die Trickkiste greifen. Er will umschulden und eine zusätzliche Hypothek von 10 Millionen Euro auf das Vereinsgelände am Valznerweiher aufnehmen, um mit diesen Mitteln die Anleihe zurückzahlen. Doch dafür braucht er grünes Licht von der Delegiertenversammlung des Dachvereins 1.FC Nürnberg e.V., der noch bis zum Jahr 2021 ein uneingeschränktes Nießbrauchsrecht für das Gelände genießt. Dort reden aber nicht nur Fußballer mit, sondern auch Schwimmer, Tennisspieler, Boxer und viele mehr. Meeske droht schon mal damit, dass der Profibereich „den ganzen Spaß hier“ erst möglich macht.

Meeskes Sanierungsplan ist ein Tabubruch

Aber eine gute Verhandlungsgrundlage ist das nicht, denn das Thema ist hochemotional. Schließlich ist das ganze Konstrukt, das Meeske jetzt aufbrechen will, vor langer Zeit – im Jahr 1995 – aus gutem Grund genau so aufgesetzt werden: Das Nießbrauchsrecht soll den Dachverein im Fall einer Insolvenz der Kapitalgesellschaft davor bewahren, mit in den Abwärtsstrudel gerissen zu werden, so wie das beispielsweise dem Dachverein bei Kickers Offenbach passiert ist.

Weil Vereine außer ihren Mitgliedsbeträgen praktisch keine Einnahmen haben, können sie Schulden in Millionenhöhe in der Regel nicht bedienen. Deshalb war das Nießbrauchsrecht des Vereins am Valznerweiher immer tabu, auch schon früher, als die Finanzlage der Klubberer teilweise noch prekärer war, als sie es jetzt ist.

Doch jetzt hat sich der 1.FC Nürnberg in eine Lage manövriert, in der alle Alternativen noch schlechter aussehen als die Verpfändung des Tafelsilbers. Um trotz der nicht gesicherten Refinanzierung der Anleihe die Lizenz zu erhalten, musste der Klub der DFL im Frühjahr ein Sicherungskonzept vorlegen. Dafür präsentierten die Vereinsbosse einen der Öffentlichkeit nicht bekannten Geldgeber, der die Rückzahlung der Anleihe garantiert.

Wer ist der geheimnisvolle Underwriter des 1.FC Nürnberg?

Um die Identität dieses geheimnisvollen Underwriters wird ein großes Geheimnis gemacht. Es kursieren Gerüchte, dass es sich dabei um den Sportrechtevermarkter Sportfive handeln soll. Meeske bestätigt die Spekulationen nicht, will gleichzeitig aber unbedingt vermeiden, dass der Underwriter zur Tat schreitet. Denn der „enorm hoch verzinste“ Kredit würde sich laut Meeske umwandeln, wenn er nicht bis Jahresende wieder gekündigt wird – in „einen jahrelangen Vertrag zu ungünstigen Konditionen“, der – so Meeske – den Klub Millionen kosten würde. Diese Andeutungen erinnern in der Tat an einen Vertrag von jener Machart, wie ihn vor zwölf Jahren Eintracht Frankfurt mit Sportfive abgeschlossen hat und sich bis heute bitter darüber beklagt.        

Wer aber sonst könnte den Karren noch aus dem Dreck ziehen, wenn die Vereinsdelegierten Meeske den Tabubruch nicht durchgehen lassen? Der vor kurzem  80 Jahre alt gewordene legendäre Klubmäzen Michael A. Roth wird es nicht sein. „Das tue ich mir nicht mehr an“, winkte der Patriarch mit Blick auf die prekäre Lage seines Klubs kürzlich ab.

Vielleicht schlägt jetzt die Stunde des "Meerrettich-Barons". Hanns-Thomas Schamel, ein Unternehmer alter Schule und lange Jahre Gegenspieler des mittlerweile abgetretenen Vorstandsgespanns Bader/Woy, zeigt sich „begeistert“ von der neuen Führungsmannschaft um Meeske. Schamel hat sich am Wochenende in den Aufsichtsrat wählen lassen und versprochen, dem Klub einen fünfstelligen Betrag zu stiften. Wenn er auf siebenstellig aufstockt, wäre das zumindest mal ein Anfang.           
 
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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