Der Abgang des Maestros: Die Amtszeit von Trainer Carlo Ancelotti hat Bayern München viel Geld gekostet.

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27.10.17
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Bayern-Finanzen trotzen Ancelotti-Debakel – noch

Die sportliche Dürrephase bringt die Bayern nicht von ihrem wirtschaftlichen Wachstumskurs ab. Aber die große Frage lautet: Ist die Strategie des Rekordmeisters noch zeitgemäß?

„Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.” Womit Erich Honecker mit Blick auf die Wirtschaftsentwicklung in der DDR noch schwer daneben lag, ließe sich heute viel treffender auf Bayern München übertragen. Trotz der – gemessen an den Maßstäben der Bayern – verkorksten vergangenen Saison stimmen die Finanzergebnisse. Obwohl das frühe Ausscheiden in Champions League (Viertelfinale) und DFB-Pokal (Halbfinale) im Vergleich zur Vorsaison über 25 Millionen Euro Umsatz eliminierte, haben die Bayern auch das Geschäftsjahr 2016/17 mit neuen Rekorden abgeschlossen.

Beim Umsatz fällt die Steigerung mit 2,2 Prozent auf 640 Millionen Euro noch gering aus – auch wegen eines extrem starken Umsatzsprungs von 20 Prozent im Jahr davor. Doch je weiter man in der Gewinn- und Verlustrechnung nach unten kommt, desto größer werden die Pluszeichen. Meistens ist das ein verlässlicher Hinweis auf ein gut funktionierendes Geschäftsmodell. Beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) liegt das Plus bei 4,5 Prozent (auf 149 Millionen Euro), beim Vorsteuergewinn legten die Bayern um 23 Prozent zu (auf 66 Millionen Euro). Unterm Strich steht ein Überschuss von 39,2 Millionen Euro zu Buche (plus 19 Prozent).

Damit halten die Bayern trotz ihrer aktuellen Schwächephase immer noch den Anschluss an die größten Klubs Europas. Manchester United mit einem Umsatz von 659 Millionen Euro – allerdings ohne Champions-League-Einnahmen – und Real Madrid mit 675 Millionen Euro sind nicht weit entfernt. Der FC Barcelona kann sich mit Erlösen von 708 Millionen Euro zwar etwas absetzen. Aber gemessen am Jahresüberschuss schneiden die beiden spanischen Topklubs mit 21 beziehungsweise 18 Millionen Euro schlechter ab als Bayern und Manchester (50 Millionen Euro).

Die Zahlen der Bayern im Überblick

1 Umsatz

Mit einem Plus von 2 Prozent auf 640 Millionen Euro konnten die Bayern den Umsatz nur marginal ausbauen. Gegenüber der Saison 2010/11 haben sich die Erlöse aber trotzdem nahezu verdoppelt. Und die Erzrivalen FC Barcelona, Real und Manchester United sind beim Umsatz nicht weit voraus.

2 Gewinn

Die Gewinndynamik ist größer. Obwohl der operative Gewinn (Ebitda) auch nur um 4,5 Prozent auf 149 Millionen Euro wuchs, steht beim Vorsteuergewinn ein Plus von 23 Prozent auf 66 Millionen Euro zu Buche. Grund dafür ist auch, dass die Personalkosten nur minimal von 260 auf 264 Millionen Euro angestiegen sind.

Die Hoeneß-Doktrin hat ausgedient

Wirklich interessant ist aber nicht der Status quo, sondern der Blick nach vorne. Und dort stehen die Bayern auch wirtschaftlich vor Herausforderungen. So wie im sportlichen Bereich eine Verjüngung der Mannschaft erforderlich ist, müssen die Bayern mit Blick auf ihre Finanzen Antworten auf die Themen Transfer-Hype und Investorenfußball finden.

Mit einer drastischen Ausweitung der Investitionen ließen sich beide Themen gleichzeitig adressieren. Aber das Unbehagen der Bayern-Führung ist mit Händen zu greifen: „Wir haben für diese Saison 100 Millionen Euro in den Transfermarkt investiert“, rechtfertigte sich Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge gegenüber der FAZ – und schob hinterher: „Das ist aus unserer Sicht viel Geld.“

Gemessen an den Transferausgaben der anderen Topklubs aber ist das mickrig, und der Druck auf die Bayern wächst. Der Strohhalm, an den sich die Bayern-Chefs seit vielen Jahren geklammert haben, hat sich in Luft aufgelöst: Die Konkurrenten könnten nicht dauerhaft über ihre Verhältnisse leben, hatte vor allem Uli Hoeneß immer wieder argumentiert – und Zweifler darauf verwiesen, dass spätestens die Uefa mit Hilfe des „Financial Fairplay“ dem Ausgabewahnsinn von Klubs wie Paris St. Germain oder Manchester City schon einen Riegel vorschieben werde. Spätestens seitdem die Uefa hyperventilierend aber machtlos die Transfers von Neymar und Kylian Mbappé nach Paris durchwinken musste, hat die Hoeneß-Doktrin ausgedient.

„Wir haben für diese Saison 100 Millionen Euro in den Transfermarkt investiert. Das ist aus unserer Sicht viel Geld.“

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef, Bayern München

Noch immer über 200 Millionen auf dem Festgeldkonto

Die sportlichen Rückschläge verschärfen das Bayern-Problem noch. Die alten Recken, die den Bayern lange die Treue gehalten haben – Lahm und Schweinsteiger, Robben und Ribery –, sind bereits in Rente oder auf der Auslaufrunde ihrer Karriere. Aktuellen Stützen wie Vidal, Lewandowski oder dem Rekordeinkauf Tolisso darf man weniger Vereinstreue unterstellen. Deren Karrierepläne sind pragmatischer. Und der noch stärker in München verwurzelte Stamm des Kaders –Müller und Neuer, Hummels und Boateng – dürfte spätestens in zwei, drei Jahren ebenfalls den Leistungszenit überschritten haben.

Wenn die Bayern-Bosse ihren Kader erneuern und verstärken wollen, werden sie aber mehr Geld in die Hand nehmen müssen als jene 100 Millionen Euro dieses Sommers, die Rummenigge schon für „viel“ hält. Immerhin: Die Mittel wären vorhanden. Der operative Gewinn der Vorsaison dürfte den Kontostand der Bayern trotz der Sommertransfers über 200 Millionen Euro gehalten haben. Und die beiden großen Investitionsprojekte der Vorjahre – die Rückzahlung der Stadionkredite und der Bau des Nachwuchsleistungszentrums – sind seit kurzem abgeschlossen. Dadurch können Hoeneß, Rummenigge und Finanzchef Dreesen nun mehr Geld in den Transfermarkt pumpen, ohne dass das Finanzfundament der Bayern instabil zu werden droht.

Sprengt der Katalonienkonflikt den „Clasico“?

Anders als Barca und Real sind die Bayern derzeit Herr ihres eigenen Schicksals.

Und Stabilität ist ein Trumpf, der für die Bayern noch wertvoll werden könnte. Während die Bundesliga im Ausland dadurch an Attraktivität gewinnen könnte, dass dem Rekordmeister mit Borussia Dortmund und RB Leipzig wieder zwei echte Kontrahenten erwachsen sind, droht den Spaniern das Gegenteil. Der Konflikt um die mögliche Abspaltung Kataloniens könnte die spanische Profiliga „La Liga“ ihr wichtigstes Zugpferd kosten – den „Clasico“.

Die Führung des FC Barcelona – der Nationalstolz der Katalanen – steht unter massivem Druck, im Fall einer Unabhängigkeitserklärung Kataloniens aus der spanischen Liga auszusteigen. FC Barcelona, aber auch Real Madrid würden unter einer Spaltung sportlich und finanziell schwer leiden.

Zwar werden es die Barca-Chefs mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so weit kommen lassen. Aber die Sezessionsfrage bleibt ein Damoklesschwert für die beiden größten Rivalen des FC Bayern. Und auch die Vereinigten Arabischen Emirate, wo die Scheichklubs Paris St. Germain und Manchester City ihre Transfermillionen herbekommen, sind nicht frei von politischen Störfaktoren. Die Bayern hingegen sind Herr ihres eigenen Schicksals. Aber dass sie auf solche Unwägbarkeiten setzen müssen, um den Anschluss an die internationale Spitze zu halten, wird den Verantwortlichen nicht gefallen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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