dpa

08.06.15
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Fifa: Blatters dubiose Geldströme

In den Untiefen der Fifa-Bilanzen finden sich dubiose Geldtöpfe ohne Ende und delikate Details des Systems Blatter. Wie die Fifa mit der WM in Brasilien Milliarden verdient hat, ist erstaunlich – aber noch mehr, auf welchen Wegen Blatter das Geld dann in der „Fifa-Familie“ verteilte.

„Mehret das Brot und verteilt es unter den Armen“: Im biblischen Sinne könnte man meinen, der scheidende Fifa-Boss Sepp Blatter habe alles richtig gemacht. Unter seiner Führung ist die Fifa zu einem Goldesel geworden, und wenn man es nicht besser wüsste, müsste man die Fifa nach der Lektüre ihrer Finanzberichte eigentlich für eine Wohltätigkeitsorganisation halten. Doch die Bücher des von Korruption offenbar nicht ganz freien Fußballweltverbands liefern auch pikante Hinweise darauf, wie das System Blatter funktioniert hat, das dem Schweizer Funktionär 17 Jahre lang die Macht an der Fifa-Spitze gesichert hat.

Insgesamt weist die Fifa für den Vierjahreszyklus von 2011 bis 2014  Einnahmen in Höhe von 5,7 Milliarden Dollar aus, 5,2 Milliarden davon waren cash-relevant. Dem standen Ausgaben in Höhe von knapp 5,4 Milliarden Dollar gegenüber, wovon 4,4 Milliarden cash-relevant gewesen sind.

Dies sieht erst einmal noch recht unspektakulär aus, doch die plumpe Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben verdeckt, wie genau die Ausgaben zustande kommen. Denn das Schöne am Amt des Fifa-Präsidenten ist: Nicht nur, dass der Laden unfassbar hohe Überschüsse erwirtschaftet – die Fifa-Führung kann diese Milliarden auch praktisch nach Gutsherrenart unter den Fifa-Mitgliedern verteilen. Kein Wunder, dass die eine oder andere dubiose Gestalt im Umfeld der Fifa im hohen Alter plötzlich eine Faszination für den Fußball entwickelt hat.

Ein geheimnisvoller Geldtopf namens FAP

Schauen wir tiefer rein in die Geldströme bei der Fifa. Ein zentrales Herrschaftsinstrument Blatters zur Anbahnung seiner erhofften neuen Amtszeit an der Fifa-Spitze dürfte der Finanztopf namens „Financial Assistance Programme“ (FAP) gewesen sein. Dessen offizielles Ziel ist es unter anderem, „moderne, effiziente und funktionierende Verwaltungen“ in den Mitgliedsverbänden aufzubauen. Wie effizient die „Verwaltungssysteme“ mancher Fifa-Verbände tatsächlich geworden sind, hat das FBI gerade aufgedeckt.

Im Rahmen von FAP erhält jeder Mitgliedsverband der Fifa im Vierjahreszyklus zwischen zwei Weltmeisterschaften aktuell 1 Million Dollar, jeder Kontinentalverband weitere 10 Millionen. Das sind überschaubare Summen, doch im vergangenen Jahr hat Blatter das Füllhorn ausgepackt und mehr als 261 Millionen Dollar extra unter den Fifa-Mitgliedern verteilt – zu gleichen Teilen, unabhängig von der Größe der Verbände oder der Stärke ihrer Compliance-Strukturen. Ein erstaunlicher Zufall, so kurz vor Blatters geplanter Wiederwahl.

Blatters Fifa rühmt sich für ihre Mittelverwendung in den höchsten Tönen: Im zurückliegenden Vierjahreszyklus seien „72 Prozent aller Ausgaben direkt in den Fußball investiert worden“. Nun ja, im weitesten Sinne, wie man inzwischen weiß.

Die Fifa-Bücher zeigen aber auch, von welch gewaltiger Dimension die Zahlungsströme sind, die die Ermittler nun intensiv forensisch untersuchen. Denn die insgesamt fast 320 Millionen Dollar, die die Fifa zwischen 2011 und 2014 über FAP in der mehr oder weniger entwickelten Fußballwelt verteilt hat, sind nur die Spitze des Blatter’schen Eisbergs.

Über 500 Millionen Dollar flossen nach Brasilien

Nehmen wir als Beispiel die WM in Brasilien, die Haupteinnahmequelle der Fifa in ihrem jüngsten Finanzzyklus. Sie zeigt viel besser als die Einnahmen-Ausgabenrechnung, wie unglaublich profitabel die Fifa wirtschaftet: Über 4,8 Milliarden Dollar hat die Fifa mit der Großveranstaltung verdient – all-cash. Davon entfielen 2,4 Milliarden auf TV-Rechte, 1,6 Milliarden auf Marketingerlöse und kleinere dreistellige Millionensummen auf Einnahmequellen wie Bewirtungsrechte und Lizenzerlöse. Und wie viel hat die WM die Fifa gekostet? Schlappe 2,2 Milliarden Dollar, wovon weniger als 1,9 Milliarden Dollar tatsächlich cash-relevant gewesen sind.

Und selbst dort sind schon Einzahlungen in Geldtöpfe enthalten, die man – vorsichtig formuliert – als problematisch bezeichnen kann: 453 Millionen Dollar zahlte die Fifa an das brasilianische WM-Organisationskomitee, deren damaliger Chef José Maria Marin einer der verhafteten Fifa-Funktionäre ist. Nicht nur Marin, auch manch früherer Präsident des brasilianischen Fußballverbands soll hier und da schon mal die Hand aufgehalten haben, wie man hört.

Mit 100 Millionen Dollar fütterte die Fifa den „2014 Fifa World Cup Legacy Fund“. Auch der größte Teil dieser Gelder wird nach Brasilien geflossen sein. An die WM-Teilnehmer selbst schüttete die Fifa dagegen nur 453 Millionen Dollar aus, in Form von Preisgeldern und Zuschüssen für Reise- und Übernachtungskosten.

1 Milliarde für die Fifa-Entwicklungshilfe

Und wie genau hat Blatter den großen Rest der WM-Gelder verteilt, die danach immer noch in der Fifa-Kasse übrig geblieben sind? Die Sonderdotierung des ominösen FAP-Programms mit 261 Millionen Dollar ist nur ein kleiner Mosaikstein des Blatter’schen Finanzkarussels. Insgesamt überwies die Fifa über 1 Milliarde Dollar für „Fußball-Entwicklungsprogramme“. Die Empfänger dieser Gelder aus Programmen mit so schönen Namen wie „Football for Hope“ dürften eher auf der Südhalbkugel zu finden sein.

60 Millionen davon flossen allein in „Konföderations-Entwicklungs-Programme“. Wenn man sieht, wie viele amtierende und frühere Konföderations-Präsidenten auf den Listen der Korruptionsermittler auftauchen, kann man vermuten, dass von den 60 Millionen nicht nur neue Büroausrüstung und Bolzplätze in Slums angeschafft wurden. Das gilt erst recht für die Milliardenausschüttung im Rahmen des Fifa-internen Entwicklungshilfeprogramms.

Auch schön: 232 Millionen Dollar gab die Fifa für „Football Governance“ aus, ein Begriff, den die Fifa offenbar recht weit definiert. 131 Millionen davon flossen jedenfalls in die Organisation von Komitees und Kongressen und damit vermutlich auch in die legendären mit Bargeld gefüllten Briefumschläge, die nach Aussage zahlreicher Fifa-Funktionäre gerne mal als Taschengeld am Rande von Fifa-Kongressen in den Tagungshotels verteilt worden sind.

101 Millionen Dollar schließlich gaben Blatters Mannen für „Legal matters“ aus. Man kann davon ausgehen, dass die Fifa diesen Budgetposten künftig ein bisschen höher dotieren muss, wenn die Ära Blatter juristisch aufgearbeitet wird.        

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de 

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