Lieben, auch wenn es weh tut: Wie bedrohlich ist die Coronakrise für die Finanzlage von Schalke 04?

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14.10.20

Fußball-Finanzen: Überlebt Schalke 04?

Bei Schalke 04 brennt es lichterloh, die schwachen Halbjahresergebnisse sind nur der Anfang. Wie könnte die neue Führung den Klub noch vor einer ausgewachsenen Finanzierungskrise bewahren?

Kann es wirklich sein, dass Schalke 04 – allen Unkenrufen zum Trotz – in Wahrheit doch ganz gut durch die Coronakrise kommt? Immerhin sehen die vor kurzem präsentierten Halbjahreszahlen (in Anbetracht der Umstände) auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus: Der Umsatz ist im Vorjahresvergleich zwar von 151 auf 102 Millionen Euro eingebrochen, der Nettoverlust jedoch reduzierte sich von 18,3 auf 9,7 Millionen Euro.

Doch auf Basis dieser Zahlen Entwarnung zu geben, wäre ein Trugschluss. Gäbe es „auf Schalke“ wie damals unter Tage einen Kanarienvogel, der vor tödlichen Gefahren warnt, wäre er inzwischen wahrscheinlich schon tot umgefallen. Talfahrt, Trainerwechsel, Millionenverluste: In Gelsenkirchen brennt es lichterloh.

Schalkes Cashflow sieht finster aus

Tauchen wir etwas tiefer in die Zahlen ein und beginnen beim Fehlbetrag. Ein kleines Rechenbeispiel: Hätte Schalke in diesem Jahr Spielerwerte im gleichen Umfang abgeschrieben wie im ersten Halbjahr 2019, hätte sich das Minus statt auf 10 auf 28 Millionen Euro belaufen. Und das, obwohl die Personalkosten schon um 20 Millionen Euro gesunken sind – wegen des Gehaltsverzichts im Profikader und bestimmt auch wegen der zwischenzeitlichen Entlassung von Busfahrern in der Jugendabteilung.  

Beim Cashflow sieht es genauso finster aus: Schon im ersten Halbjahr hat Schalke nach Investitionen und Transfers 10 Millionen Euro verbrannt. Das klingt nicht nach viel, ist aber aus einem bestimmten Grund beunruhigend: Auch wenn bei Fußballklubs sowohl die Gewinn- und Verlustrechnung als auch die Bilanz fast immer schlecht aussehen, so ist die Kapitalflussrechnung doch eigentlich immer stark. Bei Schalke enttäuscht inzwischen aber sogar der Cashflow.

Und der Ausblick? Wenig erbaulich. Beispiel Ratenzahlungen aus Transfers: Aus bereits getätigten Spielerverkäufen erwartet Schalke noch Restzahlungen in Höhe von 3 Millionen Euro. Dem gegenüber stehen noch offene Transferverbindlichkeiten von 22,5 Millionen Euro. In den nächsten Quartalen wird also noch viel Geld aus der Vereinskasse abfließen für Spieler, die schon längst da sind.

Noch 65 Millionen für das Berger Feld

Und auch in der Bilanz verdüstert sich zwischen dem ersten (oberflächlichen) und dem zweiten (tieferen) Blick das Bild: Eigentlich sind die Nettofinanzschulden zwischen Januar und Juni nur minimal von 118,7 auf 120,8 Millionen angewachsen. Keine schlechte Leistung, sollte man denken. Doch seit dem Stichtag Ende Juni sind schon kräftig neue Schulden gemacht worden, allen voran die bereits arrangierte Kreditlinie von 35 Millionen Euro, für die Schalke eine Landesbürgschaft brauchte. Schalke prophezeit, dass bis zum Jahresende die Schulden um „einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ ansteigen werden.

Und danach? Neben den monatlich auflaufenden Verlusten laufen im nächsten Jahr auch die hohen Investitionen in die Modernisierung des Vereinsgeländes weiter, es geht um das Projekt „Berger Feld“. Schalke will dort 100 Millionen Euro verbauen, wovon bis jetzt jedoch erst 35 Millionen ausgegeben und verbucht sind. Eigentlich kann sich Schalke ein Projekt wie das Berger Feld im Moment nicht leisten, steht die bitterste Phase der Coronakrise dem Traditionsklub doch erst noch bevor, schließlich hat die eigentliche Rutschpartie für die Fußballkonzerne gerade erst begonnen. 

Was Schalke die Geisterspiele kosten

Betrachten wir das direkt am Beispiel Schalke 04: Corona hat die Königsblauen im ersten Halbjahr vier Heimspiele „gekostet“, die ohne Zuschauer ausgetragen werden mussten. Die finanziellen Folgen sind enorm, allein diese vier Matches rissen ein Loch von 25 Millionen Euro in die Kasse: 10 Millionen bei Ticketverkäufen, 7 Millionen im Sponsoring (Stichwort: Logen), 6 Millionen im Catering, 2 Millionen im Vermietungsgeschäft mit der Veltins Arena. Das macht gut 6 Millionen Euro für jedes Geisterspiel.

Der Verein blutet aus, und das auch wegen des Kaders.

In der laufenden Spielzeit bis Weihnachten stehen Schalke weitere sechs Geisterspiele ins Haus – und dann wahrscheinlich noch elf weitere zwischen Weihnachten und Saisonende. Zwar kann es hier und da mal ein geringes Kontingent an Zuschauern geben, aber das bringt dem Klub finanziell nicht viel. Ab wann die Vereine die Stadien wieder vollmachen dürfen, weiß kein Mensch. 

Die Finanzabteilung der Knappen hat all die Einschläge der Coronakrise zusammengezählt und prognostiziert für das Gesamtjahr 2020 jetzt Umsätze zwischen 160 und 200 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2019 waren es 275 Millionen, 2018 sogar 350 Millionen Euro.

Dass der Verein ausblutet, liegt auch am Kader. Aufs Jahr hochgerechnet könnten die Personalkosten 80 bis 90 Millionen Euro erreichen. Das wäre nicht mal ein Drittel weniger als vor zwei Jahren, als Schalke sich sein Personal 125 Millionen Euro kosten ließ, aber noch doppelt so viel Umsatz drehte wie jetzt. Mehr noch: Trotz Gehaltsverzichts wäre das rund die Hälfte des diesjährigen Planumsatzes – viel zu viel für einen hoch verschuldeten Fußballklub, der gerade auch noch 100 Millionen in seine Infrastruktur pumpt.

Das Tafelsilber oder ein Schalker Lars Windhorst?

Wie könnte die neue Finanzchefin Christina Rühl-Hamers, Nachfolgerin des im Frühjahr zurückgetretenen Urgesteins Peter Peters, die absehbare Finanzkrise noch abwenden? Die bei Fußballklubs stets naheliegende Lösung sind Transfererlöse. Angesichts des Ausmaßes der Finanzprobleme der Knappen müsste es aber schon ein großer Transfer werden. 

Nur: Ein Kandidat für einen potentiellen 50-Millionen-Verkauf ist im Kader der Knappen beim besten Willen nicht auszumachen. Supertalente wie Leroy Sané, Julian Draxler, Thilo Kehrer oder Joel Matip bringt die „Knappenschmiede“ derzeit einfach nicht hervor. Mit Torwart-Talent Alexander Nübel verlor Schalke sein letztes großes Talent gerade ablösefrei an Bayern München.

Ein Lars Windhorst in der Veltins Arena, der aus Schalke einen „Big Kohle-Klub“ machen will? Schwer vorstellbar, aber womöglich unausweichlich.

Das weckt bei vielen Vereinsmitgliedern die Sorge (oder die Hoffnung, je nach Meinung), dass auch Schalke nun als einer der letzten Bundesligaklubs den Vereinsstatus aufgeben und Anteile an externe Investoren verkaufen wird. Ein Kerl wie Lars Windhorst in der Veltins Arena, der aus Schalke einen „Big Kohle-Klub“ machen will? Schwer vorstellbar, aber womöglich unausweichlich. Immerhin: Christina Rühl-Hamers ist zwar keine „Marke“, wie der redselige Multi-Funktionär Peters es war. Aber sie ist eine erfahrene Finanzerin, die die einschlägigen Finanzierungsinstrumente aus dem Effeff kennt. Das könnte dem Klub noch ein paar weitere Finanzierungsoptionen verschaffen.

Warum mauert Schalke?

Am Anleihemarkt ist Schalke allerdings schon vertreten, wesentlich mehr wäre dort in der aktuellen Lage kaum zu holen. Muss die neue Schalker Führung darum an das Tafelsilber gehen? Die „Asset-Basis“ des Vereins könnte jedenfalls noch etwas hergeben. Dazu zählen das Stadion, das dem Klub gehört, die Vermarktungs- und Catering-Rechte, die er kontrolliert – und bald auch die neuen Gebäude auf dem Berger Feld. Dass das Management diese Asse noch im Ärmel haben könnte, gehört ebenso zu Peters‘ Vermächtnis wie die hohe Schuldenlast. 

Eine Möglichkeit, die beispielsweise beim Hamburger SV der dortige Finanzchef Frank Wettstein schon mehrfach genutzt hat, sind Sale-and-Leaseback-Geschäfte. Auch seine Kollegen auf Schalke könnten theoretisch nicht nur einen Teil der wertvollen Rechte, sondern auch Anteile am Stadion und der Vereinsinfrastruktur verkaufen und die Immobilien anschließend zurückmieten. Weil Schalke wesentlich mehr wirtschaftliche Substanz als der HSV hat, gibt es Grund zu der Annahme, dass Rühl-Hamers den Knappen dadurch mindestens so viel Zeit für eine harte Sanierung verschaffen könnte wie ihr Kollege Wettstein dem HSV.

„Diese Frage möchten wir nicht beantworten.“ 

Statement der Schalke-Pressestelle zum Thema Sale and Leaseback

Doch ganz plötzlich mauert Schalke bei Fragen zu den verfügbaren Assets. Das ist insofern erstaunlich, als dass Peters in der Vergangenheit bei fast jeder Gelegenheit damit geprahlt hatte, wie viele Assets und Rechte Schalke noch besitzt – „im Gegensatz zu vielen anderen Klubs“. Damit rechtfertigte er den im Bundesligavergleich sehr hohen Schuldenberg und das negative Eigenkapital in der Bilanz.

Nun aber ließ Schalke eine FINANCE-Anfrage zu den Rechten und Assets recht plump ins Leere laufen: „Diese Frage möchten wir nicht beantworten“, ließ die Kommunikationsabteilung ausrichten. Ob Schalke in der Coronakrise bereits einen Teil der Assets zu Geld gemacht hat, wird damit zu einer offenen Frage.

Dabei hätte die Antwort darauf womöglich zukunftsweisenden Charakter. Anlass zu einer gewissen Vorsicht gibt, dass Peters auf dem Höhepunkt des Corona-Lockdowns von Liquiditätsproblemen auf Schalke sprach, diese sich aber wenige Wochen später angeblich schon wieder in Luft aufgelöst hatten. Ob es nur die Fernsehgelder waren, die das Blatt damals im Frühjahr wendeten, darüber lässt sich angesichts der Schalker Kommunikationsstrategie nur spekulieren.

Ist Schalke der neue HSV?

Eine gewisse Beinfreiheit auf der Aktivseite der Bilanz wäre für Schalke in der gegenwärtigen Lage aber essentiell, schließlich lauert am Horizont schon der nächste Nackenschlag: Wenn die Mannschaft weiterhin so schwach spielt, drohen nächste Saison durch Platzverluste in der TV-Tabelle, nach der die Fernsehgelder verteilt werden, weitere Einnahmenrückgänge.

Der Super-GAU wäre der Abstieg aus der Bundesliga. Spätestens wenn das passieren sollte, dürften die Parallelen zum HSV gespenstisch werden – und auch Schalke einen Investor brauchen, einen Klaus-Michael Kühne in Königsblau. Dass Clemens Tönnies dieser Retter sein könnte, treibt vielen Schalke-Fans den Schweiß auf die Stirn.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

News und Hintergrundinformationen zu den Königsblauen finden Sie auf der FINANCE-Themenseite zu Schalke 04 und dem FINANCE-Köpfe-Profil von Peter Peters.

Mehr Fußball-Finanz-Analysen gibt es in unserem Blog „Dritte Halbzeit“.