Schwer angeschlagen: Nach dem zweiten Abstieg in drei Jahren muss der VfB Stuttgart kämpfen, um nicht den finanziellen Anschluss zu verlieren.

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06.06.19

Fußballfinanzen: Quo vadis, VfB Stuttgart?

Der VfB Stuttgart muss den zweiten Abstieg in nur drei Jahren verkraften. Wie stark beutelt das die Klubfinanzen? Die Daimler-Millionen sind schon mal so gut wie verbrannt.

Angst dürfte die Pleite in der Bundesligarelegation gegen Union Berlin beim VfB Stuttgart den wenigsten gemacht haben, zumindest nicht Finanzchef Stefan Heim. Immerhin haben die Schwaben noch frische Erfahrungswerte vom Wirtschaften in Liga Zwei: Nach dem Abstieg 2016 sackte der Umsatz des VfB um 35 Prozent ab, dennoch zeigte sich der Fußballklub widerstandsfähig. „Trotz des Umsatzrückgangs hat der VfB die Zweite Liga wirtschaftlich gut überstanden“, bilanzierte damals ein erleichterter VfB-Finanzchef nach dem direkten Wiederaufstieg 2017. Kann der VfB aber auch den zweiten Tiefschlag binnen drei Jahren wieder so gut abfedern? 

Die Voraussetzungen dafür stehen nicht schlecht, denn die Schwaben steigen in einer ähnlich soliden Verfassung ab wie der 1.FC Köln vor einem Jahr: Das Eigenkapital ist positiv, das Stadion voll, der Kader werthaltig.

Allein 50 Millionen Euro dürfte der Verkauf der beiden Verteidiger Benjamin Pavard (wechselt für 35 Millionen Euro zum FC Bayern) und Ozan Kabak (besitzt dem Vernehmen nach eine Ausstiegsklausel über 15 Millionen Euro) bringen. Das ist in etwa die Summe, die Experten als Verlust einkalkulieren, wenn ein Fußballhochkaräter wie der VfB den Gang ins deutsche Fußballunterhaus antreten muss. 

„Trotz des Umsatzrückgangs hat der VfB die Zweite Liga wirtschaftlich gut überstanden.“

VfB-Finanzchef Stefan Heim nach dem Wiederaufstieg 2017

Transferflops und Altlasten zehren an der Substanz

Obwohl eine finanzielle Kernschmelze dank der hohen Transfereinnahmen nicht zu befürchten ist, dürfte klar sein, dass der Abstieg den VfB Substanz kosten wird. So werden allein die TV-Erlöse unmittelbar von 48 auf 26 Millionen Euro im Jahr sinken.  Langfristig reißt der Abstieg sogar ein weiteres zweistelliges Millionenloch in den Einnahmeposten TV, weil der VfB in der Fernsehtabelle viele Plätze einbüßen wird. Auch die Einnahmen aus Sponsoring werden in einem ähnlichen Ausmaß zurückgehen. 

Außerdem hat die sportliche Talfahrt die Marktwerte der Spieler reduziert. Allein vor Beginn der Abstiegssaison hatten die Schwaben unter der Verantwortung des inzwischen entlassenen Kaderplaners Michael Reschke für 35 Millionen Euro eingekauft und im Winter dann noch einmal mit über 11 Millionen Euro für Kabak nachgelegt – doch kaum einer der Neuzugänge hat sportlich überzeugt. Die vor einem Jahr für zusammen fast 20 Millionen Euro gekommenen Spieler Castro, Didavi und Gonzalez dürften diese Summe aktuell am Transfermarkt nicht mehr erlösen.

Hinzu kommen noch finanzielle Altlasten wie das Gehalt von Ex-Nationalstürmer Mario Gomez, der Presseberichten zufolge in der Zweiten Liga 4,5 Millionen Euro verdienen soll – so viel wie noch nie ein Zweitligakicker zuvor.  

Der VfB muss nicht eisern sparen

Das bittere Fazit: Weite Teile der 41,5 Millionen Euro, die der Autobauer Daimler dem VfB vor zwei Jahren im Zuge eines Anteilskaufs überwies, dürften verbrannt sein, ohne dass dadurch langfristige Werte entstanden sind. Dies wirft einen langen Schatten auf die von VfB-Präsident Wolfgang Dietrich gegen stärkste Widerstände durchgeboxte Ausgliederung des Profibereichs. In Schwaben erinnert man sich an die Aussage von Finanzchef Heim zu Beginn der vergangenen Saison, wonach „der Verein ohne Ausgliederung bei weitem nicht in dem Umfang Spieler hätte holen können“. 

Trotzdem zeichnet sich ab, dass es wieder ein Investorendeal sein wird, der den finanziellen Einschlag des Abstiegs auf die Klubfinanzen abfedern wird: Ende Juni will Klubchef Dietrich einen neuen Anteilseigner präsentieren. Im Zuge dieses Deals dürfte erneut ein ordentlicher zweistelliger Millionenbetrag in die Kassen des VfB fließen. Der unerwartete Abstieg ändert laut der Vereinsführung nichts an diesem Plan. „Dieser Verein hat kein Mittelherkunftsproblem, sondern ein Mittelverwendungsproblem“, kommentiert denn auch der Kapitalbeschaffer Heim trocken.   

Die positive Folge dieser Sachlage für die Schwaben: Eisern sparen wie andere abgestiegene Erstligisten müssen sie nicht. Angesichts der harten Konkurrenz um den Wiederaufstieg kann das ein entscheidender Vorteil sein, denn die anderen Aufstiegsaspiranten aus Hamburg, Hannover und Nürnberg können finanziell nicht mithalten. Da der Spieleretat des VfB in der neuen Saison „nur“ von 60 auf 40 Millionen Euro gesenkt werden soll, hat der VfB die besten Aufstiegschancen aller Zweitligisten. Dem Hamburger SV beispielsweise steht kaum mehr als halb so viel für das kickende Personal zur Verfügung. 

Investoren helfen dem VfB nur bedingt

Doch abgesehen von diesem taktischen Vorteil ist das Timing von Dietrichs Investorensuche auch dieses Mal wieder schlecht: Erneut wirft der Verein Anteile auf den Markt, während er gerade in der Zweitklassigkeit steckt. Gelänge es Dietrich, dem neuen Partner die gleichen Konditionen abzuringen wie Daimler, und würde der Partner alle noch verfügbaren Anteile erwerben, bis die selbst gesteckte Grenze von 24,9 Prozent erreicht ist, könnte der VfB noch einmal 46 Millionen Euro kassieren.

Das ist viel Geld und eine Summe, von der die anderen Aufstiegsaspiranten nicht einmal träumen können. Aber es ist unwahrscheinlich, dass diese Einmalerlöse reichen, um den VfB wieder in die Spitzengruppe des deutschen Fußballs zurückzuführen.

Der Anspruch des VfB ist ein anderer, als sich nur finanziell über Wasser zu halten.

Dabei war genau dies das erklärte Ziel der Investorenbefürworter um Dietrich. Der zweite Abstieg hat die Zielsetzung nun relativiert. Das neue Optimum dürfte es sein, wenn dem VfB auch jetzt wieder der direkte Wiederaufstieg gelänge, ohne in der Zweiten Liga in eine finanzielle Schieflage zu geraten. 

Der VfB Stuttgart verliert den Anschluss

Der Anspruch des VfB ist freilich ein anderer. Die Schwaben sehen sich wirtschaftlich und sportlich im oberen Mittelfeld der Bundesliga. Aber die Klubs, die dort jetzt stehen und mit denen sich der VfB eigentlich auf Augenhöhe wähnt – Vereine wie Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin, Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach –, dürften spätestens jetzt auch wirtschaftlich einen Vorsprung gegenüber den Schwaben haben.

Und dass eine Aufholjagd immer schwieriger wird, wenn das Tafelsilber erst einmal verkauft ist, zeigt der HSV, dem der direkte Wiederaufstieg dieses Jahr nicht gelungen ist. Dort sind schon fast 25 Prozent der Klubanteile verkauft, und die meisten Spielerwerte wurden ebenfalls bereits zu Geld gemacht. Um einem solchen Absturz zu entgehen, ist der VfB zum erneuten direkten Wiederaufstieg fast schon verdammt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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