Julian Draxler, Noch-Star des VfL Wolfsburg, im Zweikampf mit den Bayern-Stars Kimmich und Thiago: Das Auseinanderbrechen des Kaders macht den Werksklub auf lange Sicht nur noch abhängiger vom Geldgeber VW.

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16.08.16
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VfL Wolfsburg: Von der Millionenwelle erdrückt

Schürrle, Draxler, Gustavo: Der drohende Abgang der Stars könnte dem VfL Wolfsburg mehr als 100 Millionen Euro einbringen. Der Geldregen würde den Werksklub finanziell aber nur noch weiter in die Arme von VW treiben.

Nach der schlechtesten Saison seit Jahren droht der VfL Wolfsburg zur Geldmaschine zu werden – gegen den Willen des eigenen Managements. Die beiden Stürmer André Schürrle und Max Kruse sind schon weg und bringen dem Bundesligaklub rund 40 Millionen Euro Ablöse. Die weiteren Leistungsträger Julian Draxler, Ricardo Rodriguez und Luis Gustavo drängen ebenfalls auf eine Freigabe. Interessenten für die Nationalspieler gibt es genug. Gibt der VfL sie alle ab, dürften noch einmal locker 100 Millionen Euro in die Vereinskasse fließen.

Die Absetzbewegung der Stars droht den Wolfsburgern ein veritables Geldproblem einzubrocken, aber eines der anderen Art: Der absehbare Geldregen ist das Vorzeichen einer echten Krise. Denn Geldmangel ist nicht das Problem des Werksklubs, sondern die schwache Anziehungskraft für Fans, Sponsoren und Topspieler. Und der Zeitpunkt des Exodus ist ebenfalls bitter: Gerade war der VfL auf einem guten Weg, seine Einnahmequellen etwas stärker zu diversifizieren. Das Auseinanderbrechen des Kaders könnte jetzt aber dazu führen, dass die Abhängigkeit vom Hauptgeldgeber Volkswagen auf lange Sicht sogar noch größer wird, als sie ohnehin schon ist.

Der VfL Wolfsburg macht ein großes Geheimnis um seine Finanzen

Die Problematik zeichnet sich ab, wenn man auf die Zahlen des VfL schaut – was allerdings gar nicht so einfach ist, da der Klub ein großes Geheimnis um seine Finanzen macht und sich in der berühmt-berüchtigten Wolfsburger Wagenburg verschanzt. Seit 2011 legen die Wölfe keine Finanzzahlen mehr vor, als VW-Tochter fließen alle Einnahmen und Ausgaben des Klubs in die Konzernbilanz von VW ein, wo sie nicht einzeln ausgewiesen werden. Außenstehenden nimmt das Management damit jede Chance, sich auf robuster Datenbasis eine Meinung darüber zu bilden, wie es um den VfL finanziell steht und wie sehr er am Tropf des kriselnden Autokonzerns hängt.

Immerhin gibt es Hinweise, denn immer wieder dringen Zahlenfragmente aus Wolfsburg heraus. So soll der Umsatz lange Jahre zwischen 160 und 190 Millionen Euro geschwankt haben. Im vergangen Jahr sollen die Umsätze dann dank der Rekordtransfers von Kevin de Bruyne und Ivan Perisic für zusammen fast 90 Millionen Euro auf über 250 Millionen Euro angestiegen sein. Damit läge der VfL im Bereich von Schalke 04 (265 Millionen Euro) und Borussia Dortmund (276 Millionen Euro) und wäre damit Teil der Bundesligaspitze, lässt man die Bayern, die über eine halbe Milliarde Euro erlösen, einmal außen vor.

Die Personalkosten der Wölfe werden auf rund 100 Millionen Euro geschätzt. Auch das wäre annähernd so viel, wie Schalke (111 Millionen) und Dortmund (118 Millionen) für ihr kickendes Personal ausgeben. Die kolportierten Eckdaten suggerieren also Augenhöhe zu den Revierklubs.

Das Problem liegt in der Struktur der Zahlen: Dem Vernehmen nach pumpt VW jedes Jahr bis zu 100 Millionen Euro in den VfL. Das entspräche rund der Hälfte der Einnahmen ohne Transfererlöse. Die Erlösströme von Schalke und Dortmund sind wesentlich vielschichtiger. Bei Schalke zum Beispiel steuern die Sponsoren weniger als ein Drittel der Einnahmen ohne Transfererlöse bei. Nimmt man an, dass der VfL ohne die Ausnahmeerscheinung Champions League alles in allem rund 50 Millionen Euro an TV-Erlösen im Jahr kassiert, blieben nur noch rund 50 Millionen Euro, die der Klub mit Ticketeinnahmen, Merchandising und anderen Sponsoren erlöst.

Keine Popularität: Der VfL kommt nicht an Auslandsgelder heran

Nicht nur, dass das für einen Topklub viel zu wenig wäre – die Schere dürfte sich auch noch weiter öffnen: Während die Bayern, Dortmund und Schalke mit ihren starken Markennamen zusehends im Ausland Fuß fassen und mit Sponsorendeals und Merchandising dort inzwischen zweistellige Millionensummen kassieren, fehlt es dem VfL schlicht an Popularität, um sich außerhalb Deutschlands nennenswerte Erlösquellen zu erschließen.

Und auch im Ausrüsterbereich fällt der VfL in der Tendenz zurück. Im vergangenen Herbst feierten die Wölfe ihren neuen Ausrüstervertrag mit Nike. Dieser spült dem VfL über neun Jahre angeblich zwischen 75 und 80 Millionen Euro in die Kassen. Auch das ist im Bundesligavergleich wenig. Die Bayern etwa kassieren von Adidas geschätzte 60 Millionen pro Jahr, und selbst sie liegen damit noch nicht einmal im Spitzenfeld der europäischen Topklubs. Dortmund soll es immerhin auf 15 Millionen Euro im Jahr bringen. Schalke liegt mit aktuell 7 Millionen Euro auf Wolfsburger Niveau, hat aber die Aussicht, diese Summe ab der übernächsten Saison zu verdoppeln.

Der Masterplan von VfL-Manager Klaus Allofs ist passé

Trotz der Geheimniskrämerei des Klubs ist die Unwucht in der Gewinn- und Verlustrechnung des VfL Wolfsburg also unverkennbar: Auf Umsatzseite ist der Klub abhängig von Volkswagen und von Transfereinnahmen, während er auf der Ausgabenseite versucht, mit viel erlösstärkeren Klubs Schritt zu halten.

Und die Waage droht mit dem Abgang der Leistungsträger noch stärker aus dem Gleichgewicht zu geraten. Steckt der VfL die Transfereinnahmen in die Verpflichtung neuer Topspieler, wird das Gehaltsniveau hoch bleiben. Die Transfereinnahmen wären dann schnell wieder aufgezehrt.

Ohne die Aussicht auf regelmäßige Champions-League-Einnahmen und nennenswerte Zuwächse in den Bereichen Sponsoring und Merchandising kann der VfL sich solche Kaderkosten wie zuletzt aber nur dann leisten, wenn VW seine Finanzspritzen von 100 Millionen Euro pro Jahr aufrecht erhält. Davon ist zwar trotz des Dieselskandals auszugehen, aber der Plan von Manager Klaus Allofs, den VfL mittelfristig stärker auf eigene Beine zu stellen, wäre damit passé.

Die Uefa prüfte Verstöße gegen das Financial Fairplay

Und es gibt noch ein weiteres Problem: Anders als der BVB, den ebenfalls drei Topspieler verlassen haben, sind die Wölfe auf den Exodus offenbar nicht vorbereitet. Borussia Dortmund hat die wechselwilligen Spieler gehen lassen und die Transfereinnahmen von über 100 Millionen Euro aus den Verkäufen von Hummels, Mikhitarian und Gündogan in interessante neue Spieler investiert. Nach einer Eingewöhnungszeit könnte der Kader der Borussen stärker werden als zuvor. Der VfL hingegen müsste  jetzt am völlig überhitzten Transfermarkt schnell Ersatz finden. Und welcher Topspieler der Güteklasse Draxler oder Rodriguez geht zu einem unpopulären Werksklub, der nicht einmal international spielt? Wolfsburg droht der Rückfall in die sportliche Mittelmäßigkeit.  

Immerhin hätte sich das Thema Financial Fairplay bis auf weiteres erledigt. Vor zwei Jahren hatte die Uefa sehr genau geprüft, ob die Zuwendungen von VW ein Verstoß gegen das Financial Fairplay sind. Diese Regeln sollen verhindern, dass ein Großinvestor ohne angemessene Gegenleistung horrende Summen in einen Klub buttert und auf diese Weise einen Luxuskader alimentiert. Aktuell kann der VfL leicht nachweisen, dass der Verein aus eigener Kraft profitabel wirtschaftet. Aber wenn mittelfristig wieder die VW-Gelder an die Stelle der Transfereinnahmen treten, könnten auch die Uefa-Kommissare den VfL wieder ins Visier nehmen.    

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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