Wie einst Bonnie und Clyde: Die Fintech-Plattformen blasen zum Sturm auf die Banken. Und genau wie bei Bonnie und Clyde wird die Sache auch ausgehen, meint Kapitalmarktexperte Olaf Schlotmann.

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21.09.17
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Warum die Banken die Fintech-Plattformen schlagen werden

Können Fintech-Plattformen in der deutschen Mittelstandsfinanzierung tatsächlich den Banken das Wasser abgraben? Höchstens in besonderen Nischen, meint FINANCE-Kolumnist Olaf Schlotmann.

Wir kennen ihn alle, den Slogan der Fintech-Gründer, dass man Banken nicht mehr brauche. Versprochen wurde, dass endlich Schluss sei mit ineffizienten, teuren, von Interessenkonflikten und ethischem Fehlverhalten geprägten Bankstrukturen. Stattdessen sollen Plattformen (Privat-) Anleger und Unternehmensschuldner direkt zusammenbringen.

Doch inzwischen zeigt sich: Die in der Kreditanalyse ohnehin überforderten Privatanleger spielen auf den Plattformen keine große Rolle. Das Wachstum der Plattformen ist extrem abhängig vom Risikohunger der Banken, Versicherungen, Asset-Manager und Hedgefonds, stellen sie doch den Löwenanteil der Refinanzierung. Das Schöne an dieser Entwicklung: Immerhin landen die Kreditrisiken der Plattformen so nach der üblichen Verbriefung bei institutionellen Anlegern, die um die Ausfallrisiken wissen sollten. 

Experten warnen schon vor den Plattformkrediten

Das bekannte Moral-Hazard-Problem bei ABS-Verbriefungen ist allerdings auch bei  Plattformkrediten ein ständiger Begleiter. Falsche Anreize bei Strukturierung und Rating von ABS-Verbriefungen trugen schon die amerikanische Immobilienkrise in die globale Finanzwelt. Heute droht die Wiederholung in einem kleineren Maßstab bei verbrieften Plattform-, Auto-, Karten- und Studentenkrediten. In ihrer jetzigen Form des „Originate and Distribute“ bietet die Verbriefung von Krediten einfach nicht genügend Anreize zur Durchführung einer gewissenhaften und unvoreingenommenen Kreditanalyse seitens des anfänglichen Darlehensnehmers.

Experten wie dem ehemaligen Chef der britischen Finanzaufsicht Adair Turner bereiten die Versuche, über Plattformen langfristige Kredite an Mittelständler zu vergeben, denn auch Sorge. Es sei fahrlässig, wenn Plattformen Unternehmen automatisierte längerfristige Standardkredite von 5 Millionen Euro und mehr gäben – ohne Kredit-Covenants, maßgeschneiderte Einzeldokumentation, Einzelkreditanalyse und persönliche Gespräche. So seien bei nachgelagerten Verbriefungen große Kreditausfälle vorprogrammiert, glaubt der erfahrene Finanzregulator. 

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon hält Plattformen für verletzlich

Da die Plattformen allerdings bis heute aufgrund des positiven Konjunkturumfeldes kaum Kreditausfälle verzeichnen, profitieren die Investoren bislang noch von vergleichsweise hohen Zinsen und stabilen, zu anderen Asset-Klassen unkorrelierten Ex-post-Renditen. Mittelständler – in der Tendenz solche, die von Banken kreditrationiert sind – nutzen dies, um sich über die Plattformen opportunistisch zu finanzieren.

Doch was passiert, wenn der Aufschwung mal endet und die Risiken im Finanzsystem wieder an die Oberfläche treten? JP-Morgan-Chef Jamie Dimon hält es für eine ausgemachte Sache, dass die Plattformen in Krisenzeiten kein weiteres Anlagekapital bekämen und damit auch der Mittelstand kein neues permanentes  Langfristfinanzierungsfenster hätte: „Wenn die Plattformen sich ihr Kapital auf dem Markt bei Privatinvestoren und Hedgefonds oder über Verbriefungen besorgen, werden sie nicht mehr im Geschäft sein, wenn die Zeiten wieder härter werden. Das ist ihr Problem.“

Warum die Banken die Plattformen schlagen werden

Die Plattformen sind aber auch jetzt schon unter Druck. Zwecks Kapitalbeschaffung rücken sie immer stärker in die Nähe der Banken (manche Plattformen haben sich sogar schon eine Banklizenz besorgt), gleichzeitig konkurrieren sie bei der Akquisition von Darlehensnehmern intensiv mit lange etablierten Banken. Vor allem Deutschland ist „overbanked“, auch wegen der Stärke des öffentlich-rechtlichen Bankensektors, dessen (politisch verordnete) Hauptkundschaft das KMU-Segment ist.

In einem Markt wie Deutschland, wo von einer Kreditrationierung nichts zu sehen ist – selbst bei den KMUs nicht – bleiben die Banken für die Plattformen ein zu starker Gegner, der viel zu viele Vorteile ins Rennen führen kann: Eine riesige Kundenbasis mit langfristigen Beziehungen, immense finanzielle Ressourcen und ein Einlagengeschäft, das trotz Regulierung sehr niedrige Refinanzierungskosten garantiert.

Nur in Nischen funktionieren die Fintech-Plattformen

Dazu kommt der starke Wettbewerb unter den Plattformen – die Markteintrittskosten für neue Plattformen sind schlicht und einfach zu gering. Die Akquisitionskosten dafür, dass neue Schuldner den Weg auf die eigene Plattform finden, sind aber umso höher, je mehr Plattformen um die gleiche Menge an potentiellen Schuldnern kämpfen. Die für die Profitabilität notwendigen Skaleneffekte zu erzielen, wird dadurch fast unmöglich gemacht.

Kein Wunder, dass viele deutsche Fintech-Gründer inzwischen ihren Kooperationswillen betonen und ihr Heil in Nischen suchen. Einige Plattformen konzentrieren sich auf extrem kleine Losgrößen, andere finanzieren auf ihren Plattformen kreditrationierte Unternehmen, die – wenn überhaupt – von Banken nur gegen Sicherheiten noch Geld bekommen.

Die aktuell lukrativste Nische ist möglicherweise die Vermittlung von Working-Capital-Finanzierungen zur Sicherung der Liquidität. Hier geht es um Handelsfinanzierungen und Factoring. Mithilfe ihrer Fintech-Technologie refinanzieren die dort entstandenen Plattformen schneller, billiger und trotzdem kleinere Losgrößen. Institutionelle Anleger erwerben von den Plattformen regelmäßig mit Forderungen besicherte, kurzfristige KMU-Unternehmenskredite.

Ein großer Vorteil zu den anderen Nischen ist, dass das oben beschriebene Moral-Hazard-Problem bei der Verbriefung von Rechnungsfinanzierung und Factoring nicht auftritt, wenn man unterstellt, das die Forderung tatsächlich zustande gekommen ist und keine Einreden des Schuldners bestehen. Zudem wird bei der Verbriefung von Forderungen häufig der regelmäßig auftretende Bonitätsvorteil des Forderungsschuldners genutzt, während die oft schlechtere Bonität des letztlich finanzierten Unternehmens erst dann in den Vordergrund rückt, wenn der Forderungsschuldner selbst nicht zahlt. 

Der Mittelstand braucht mehr als nur Working Capital

Dass wenigstens in solchen Nischen kleinere Unternehmen, Freiberufler oder kreditrationierte Schuldner (erstmals) ein Angebot erhalten, ist die gute Seite der Fintech-Welle. Der breite deutsche Mittelstand braucht aber mehr als Working-Capital-Finanzierungen, insbesondere größervolumige, maßgeschneiderte Investitionskredite.

Hier kann die Fintech-Revolution nicht liefern. Und nachdem das im März gestartete neue Börsensegment Scale nicht so recht in Tritt kommt, fehlt mir noch immer die Phantasie, wer die Banken bei der langfristigen Fremdfinanzierung von KMU denn ersetzen sollte. Deutschland bleibt ein Bankenmarkt.

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Was Olaf Schlotmann von Mini-Bonds, Bitcoins und Gold hält und warum er das neue Börsensegment Scale für einen Flop hält, lesen Sie in weiteren Beiträgen von Schlotmanns FINANCE-Blog „Für eine Handvoll Euro“.