Michael Oppenheim war jahrelang Kundenberater bei der US-Investmentbank JP Morgan, doch seine Spielsucht brachte ihn dazu, seinen Kunden über 20 Millionen Dollar zu stehlen. Dafür muss er nun ins Gefängnis.

Notorious91 / iStock / Thinkstock / GettyImages

15.03.16
Blogs

Der spielsüchtige Banker oder: Wie man 20 Millionen verzockt

Dass Banker mal die eine oder andere Million in Spekulationsgeschäften verlieren, ist nicht ungewöhnlich. Problematisch wird es, wenn man dabei seine Kunden bestiehlt und seine Spielsucht in Online-Wettbüros auslebt – wie der JP-Morgan-Banker Michael Oppenheim.

Prolog: April 2015, New Jersey, Livingston. Die Kleinstadt mit rund 30.000 Einwohnern hat Persönlichkeiten wie die Sängerin Bobbi Christina Brown und den Fußballspieler Jozy Altidore hervorgebracht. Im April vergangenen Jahres jedoch war die Polizei zu keiner Ehrenparade im Osten der USA zu Besuch, sondern um Michael Oppenheim in Gewahrsam zu nehmen.

Den ehemaligen Investmentberater der amerikanischen Großbank JP Morgan Chase trafen sie ohne Probleme zu Hause an, schließlich ist Oppenheim kurz zuvor gefeuert worden. Über Jahre hatte er ein schier unglaubliches Versteckspiel mit Kundengeldern getrieben und mehr als 20 Millionen US-Dollar über Privatwetten verzockt. Der Inglorious Banker war pathologisch spielsüchtig. Dies ist seine Geschichte.

Kapitel 1: Der spielsüchtige Banker

Michael Oppenheim hat ein Problem. Um ehrlich zu sein, sogar mehrere. Den ehemaligen Kundenberater von JP Morgan verfolgt den Großteils seines Lebens eine pathologische Spielsucht. Das zumindest sagt laut eines Bloomberg-Berichts sein Anwalt Paul Shechtman. Seine Spielsucht soll bereits 1993 ihren Anfang genommen haben, sie begann mit Sportwetten auf Spiele der National Football League (NFL). Mit dem Vormarsch des Internets entdeckt Oppenheim schnell die Welt der Online-Sportwetten. Gut für ihn war das nicht, denn laut seines Anwalts verlor er hunderttausende Dollar. Am Ende war er so hoch verschuldet, dass sogar sein Buchmacher ihm sein Mitgefühl ausgedrückt haben soll.

Das wiederum führt zu Oppenheims zweitem Problem: Auf der Suche nach neuen Geldquellen, um seine Verluste auszugleichen, stieß er auf eine Goldader – die Depots seiner wohlhabendsten Kunden. Als Vice President und Privatkundenberater in JP Morgans Midtown Manhattan Office betreute er rund 500 Kunden und verwaltete insgesamt fast 90 Millionen Dollar.

Von zehn seiner wohlhabendsten Kunden zwackte sich Oppenheim den Ermittlungen zufolge insgesamt mehr als 20 Millionen Dollar ab. Das Geld nutzte er laut seines Anwalts auch zum Bezahlen seiner Rechnungen – vor allem aber für weitere Sportwetten und riskante Aktientrades. Doch seine Optionsgeschäfte auf Technologie-Aktien wie zum Beispiel Apple liefen nicht besser als seine Football-Wetten. An einem Tag verlor Oppenheim stolze 2,7 Millionen Dollar.

Kapitel 2: Gelder veruntreuen leichtgemacht

Doch auf die Schliche kam Michael Oppenheim zunächst niemand. Kritiker mögen bemängeln, dass es der Bank lange nicht aufgefallen ist, was Oppenheim mit den Geldern seiner Kunden anstellte. Doch bei allem Pech im Spiel – Oppenheims Finanzsystem war ausgeklügelt. Oppenheim buchte mit der Erlaubnis seiner Kunden teilweise mehrere Millionen Dollar von deren Konten ab – mit der Begründung, er wolle sie in risikoarme Kommunalanleihen investieren. Dann und wann hat er sich den lästigen Umweg über die Kunden auch mal gespart  und die Gelder ohne vorherige Rückfragen abgebucht.

Doch anstatt die Gelder in die Bonds zu investieren, zahlte er sie auf seine privaten Konten außerhalb der Bank ein. Damit seine Kunden nichts von den Verlusten mitbekamen, buchte Oppenheim für kurze Zeit immer wieder Beträge um – immer ein bisschen mehr, als er abgehoben hatte, denn er dachte sich: Solange am Ende ein schönes Plus steht, wird gewöhnlich nicht hinterfragt, wie es dazu kam.    

Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, soll er laut seiner Ankläger gefälschte Kontoauszüge an seine Kunden weitergereicht haben, auf denen Bonds anderer Kunden ausgewiesen waren. An dieser Stelle darf man die Compliance-Systeme bei JP Morgen dann doch kritisch hinterfragen. Dass kein Kunde Oppenheims Spiel hinterfragte, liegt laut seinen Klägern wohl vor allem daran, dass er gezielt jene Kunden auswählte, von denen er wusste, dass sie ihren Konten keine große Beachtung schenkten.

Kapitel 3: Michael Oppenheim und ein mildes Gericht

Irgendwann kam JP Morgan dann doch dahinter und setzte Oppenheim vor die Tür. Die Bank sei „wütend, dass diese Person das von den Kunden in die Bank gesetzte Vertrauen missbraucht hat“, ließ die Großbank offiziell verlauten. Die Justiz trat auf den Plan und servierte Oppenheim eine saftige  Anklage: Veruntreuung von Kundengeldern und Wertpapierbetrug. Im Extremfall stehen darauf 50 Jahre Gefängnis.

Jetzt brauchte Oppenheim eine gute Verteidigungsstrategie. Sein Plan: Gestehe deine Taten und zeige aufrichtige Reue. Und das tat Oppenheim im November vergangenen Jahres dann auch: „Verehrte Frau Richterin, ich schäme mich für mein Verhalten. Ich wünschte, ich wäre früher erwischt worden“, soll Oppenheim  laut Reuters vor der Richterin Analisa Torres gesagt haben. „Das, was ich getan habe, war schrecklich.“ Und dann der typische Investmentbankerspruch: „Ich dachte immer, ich wäre ein oder zwei Trades davon entfernt, alles zu reparieren.“

Das war Oppenheim natürlich nicht, aber sein waghalsiges Verhalten schob er auf seine Spielsucht: Wenn er daran nicht erkrankt wäre, hätte er kein Geld gestohlen. Sein Anwalt drängte Richterin Torres deshalb dazu, „nachsichtig in der Urteilsverkündung“ zu sein.

Und das war Sie. Für fünf Jahre muss Oppenheim nun ins Gefängnis, denn Oppenheims Kampf mit der Spielsucht, aber auch die Erkrankung seiner Tochter haben Torres dazu veranlasst, eine milde Strafe zu verhängen. Außerdem sei sie sich bewusst, dass Spielsucht eine mentale Erkrankung sei, die durch Stress und Depressionen noch verschlimmert werde – und  nicht zu vergessen die Reue, die Oppenheim gezeigt habe.

Es lebe Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wo man für fünf Jahre hinter Gitter muss und davor fast zehn Jahre lang mit fremden Geldern auf der Überholspur leben kann – vorausgesetzt, man hat gute Anwälte und die richtigen Argumente.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Sie sind reich, sie sind (ein)gebildet, sie scheffeln Millionen für ihre Bank. Doch vor allem treten sie mit Vorlieben in Fettnäpfchen und produzieren Skandale am laufenden Band – kurz: Sie bereichern unser Leben. Der FINANCE-Blog „Inglorious Bankers“ bietet diesen Lichtgestalten die ideale Plattform.