Halfpoint/iStock/Thinkstock/GettyImages

24.04.18
Blogs

Moelis: Die Investmentbank, die niemals schläft

Wer bei der Investmentbank Moelis nachts nicht im Büro ist, wird vor den Kollegen bloß gestellt – ausgerechnet vom Personaler. Die Geschichte eines „Inglorious Bankers“.

Wall Street, New York, die Stadt, die niemals schläft. Das gilt auch für die Jung-Banker bei Moelis. Ein Personaler dieser ambitionierten Investmentbank hat ein – sagen wir: unorthodoxes – System entwickelt, um die Leistung der Mitarbeiter zu bewerten. Dies ist seine Geschichte.

Kapitel 1: Die hohen Weihen der „All-Nighter“

Praktikanten, Trainees, Analysten: Noch immer strömen Jahr für Jahr tausende Hochschulabsolventen an die Wall Street, um Teil des schillernden Investmentbankings zu werden. Aber nicht jeder schafft den Sprung, weshalb die Fluktuation in den Investmentbanken naturgemäß sehr hoch ist. Wie soll eine Bank da den Überblick behalten und die Leistungsbereitschaft ihrer Mitarbeiter beurteilen? 

„Ich bin gerade durch den Flur gegangen und habe folgende Personen an ihrem Platz gesehen.“

Inglorious Banker, Moelis

Ein Personaler von Moelis schätzt die Methoden der Achtziger und schwört anscheinend auf Anwesenheitslisten. „Ich bin gerade durch den Flur gegangen und habe folgende Personen an ihrem Platz gesehen“, schrieb er in einer internen Mail, die vor wenigen Tagen in dem Branchenforum Wall Street Oasis aufgetaucht ist. Anschließend listet er elf Analysten namentlich auf, Kollegen, die die klassischen Weihen des „All-Nighters“ verdient haben – des Mitarbeiters, der ganze Nächte im Büro verbringt und der Bank an sieben Tagen die Woche 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht. 

Kapitel 2: Der Offenbarungseid

Das Besondere an der Moelis-Mail: Sie wurde nach Mitternacht verschickt. Jeder anständige Investmentbanker liegt um diese Zeit zwar nicht im Bett, arbeitet aber zumindest schon aus dem Home Office – ein Umstand, der den Moelis-Personaler wenig beeindruckt: „Ich weiß, dass jeder von Euch unterschiedlich arbeitet und zu Hause eine Docking Station hat“, räumt er zwar ein. Dann aber zieht der Inglorious Banker gegenüber der Heimarbeit ordentlich vom Leder: Im Büro sei die Internetverbindung schneller, die Associates und Vice Presidents seien in der Nähe – was auch einiges über die Arbeitszeiten bei Moelis aussagt –, und die Analysten hätten dort Zugang zu Firmenressourcen wie beispielsweise Bloomberg. 

Doch den größten Anreiz, die Nacht im Büro zu verbringen, gibt der Moelis-Personaler selbst: „Der einzige Weg, den ich mir vorstellen kann, um zwischen Euch zu differenzieren, ist zu sehen, wer in den frühen Morgenstunden im Büro ist.“ Dieses Eingeständnis lässt einen zu dem Schluss kommen, dass es selbst eine gut bezahlende Top-Bank wie Moelis nicht schafft, alle Positionen mit kompetenten Leuten zu besetzen.

„Der einzige Weg, den ich mir vorstellen kann, um zwischen Euch zu differenzieren, ist zu sehen, wer in den frühen Morgenstunden im Büro ist.“

Inglorious Banker, Moelis

Kapitel 3: 84 Stunden sind nicht genug

Offenbar ist die Infrastruktur in den Büroräumen von Moelis dermaßen bestechend, dass der Inglorious Banker nicht dazu gekommen ist, allzu viele externe Seminare in moderner Mitarbeiterführung zu besuchen – eigentlich nachvollziehbar, gibt es dort ja auch keinen Bloomberg-Zugang.

Und er scheint sich auch nicht um die Vergangenheit zu scheren. Denn diese macht Moelis zu einem gebrannten Kind: Im Mai 2015 hatte laut eines Berichts des „Handelsblatts“ ein Moelis-Mitarbeiter Suizid begangen, nachdem er extrem viel gearbeitet hatte. Außerdem zählt Moelis zu den US-Investmentbanken, die ihren Mitarbeitern am meisten abverlangen – die durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt bei über 84 Stunden.

Kapitel 4: Dampf ablassen

Immerhin: Man kann dem Moelis-Personaler nicht vorwerfen, er sei ein Betonkopf. Wie er schreibt, sei ihm bewusst, dass es „nicht die perfekte Methode“ sei, mitten in der Nacht die Facetime zu überprüfen. „Für Verbesserungsvorschläge habe ich stets ein offenes Ohr.“ 

Einfach einmal zur Ruhe zu kommen und nachzudenken, wäre so einer. Wahrscheinlich denkt man bei Moelis aber eher an ein Matratzenlager in der Bank, wo die All-Nighter einen „Power-Nap“ nehmen können, bevor die nächsten Power-Point-Slides in Angriff genommen werden müssen. 

Vielleicht würde es dem Personaler aber auch helfen, die Mitarbeiter, die bei seinem nächtlichen Kontrollgang nicht vor Ort waren, näher kennenzulernen, um sie besser beurteilen zu können. Möglichkeit dazu hätte der Banker vielleicht schon bei dem anstehenden „Class Dinner“, auf das er sich am Ende seiner E-Mail freut. Wann das Event beginnt, schreibt er nicht. Wahrscheinlich direkt nach Feierabend, so um 4 Uhr morgens. In der Stadt, die niemals schläft, haben da auch noch diverse Lokalitäten geöffnet. Dinner gibt es in den meisten von ihnen aber nicht.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Sie sind reich, sie sind (ein)gebildet, sie scheffeln Millionen für ihre Bank. Doch vor allem treten sie mit Vorlieben in Fettnäpfchen und produzieren Skandale am laufenden Band – kurz: Sie bereichern unser Leben. Mehr skurrile Banker-Geschichten gibt es auf dem FINANCE-Blog „Inglorious Bankers".