KTG Agrar hat die Hauptversammlung verschoben. Als Begründung muss die anstehende Erntezeit herhalten.

KTG Agrar

28.06.16
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KTG Agrar: Ja, ist denn heut‘ schon Erntezeit?

Drei Tage vor der geplanten Hauptversammlung verschiebt KTG Agrar den Termin. Offenbar will das Unternehmen sich Zeit verschaffen. Die offizielle Begründung ist bizarr: Die Erntesaison muss herhalten.

Es ist ein alljährlich auftretendes Phänomen: Scharenweise fallen zumeist männliche Käufer am 23. Dezember in den örtlichen Einzelhandel ein, um noch schnell ein mehr oder minder passendes Weihnachtspräsent zu erstehen. Ein ähnliches Gefühl muss in diesen Tagen die Verantwortlichen bei KTG Agrar ereilt haben. Der Vorstand um KTG-Chef Siegfried Hofreiter und der Aufsichtsrat haben die ursprünglich für Donnerstag geplante Hauptversammlung kurzerhand um zwei Monate auf den 26. August verschoben. Man habe sich „aufgrund der aktuellen herausfordernden Aufgaben und dem kurz bevor stehenden Start der wichtigen Erntesaison sowie der damit verbundenen Terminfülle“ dazu entschieden, den Termin zu verschieben, ließ der angeschlagene Agrarkonzern gestern Abend mitteilen.

Der erste Teil des Satzes dürfte noch valide sein. KTG Agrar muss dringend seine Refinanzierung unter Dach und Fach bringen. Treibt Hofreiter bis Mitte nächster Woche nicht genügend Geld auf, um die längst fälligen Anleihezinsen nachzuzahlen, erscheint eine Insolvenz von KTG Agrar unausweichlich. Dies dürfte der dominierende Grund sein, warum die Hauptversammlung dem Management und den Aufsichtsräten ungelegen kommt.

Der Verweis auf die Erntesaison  wirkt fadenscheinig und bizarr – ähnlich wie  Weihnachten kommt die Erntephase für den erfahrenen Landwirt Hofreiter wohl nicht völlig überraschend. Eher klingt es danach, dass eine gute Ernte der letzte Strohhalm ist, an den sich KTG Agrar nun klammert. Das Ernteergebnis soll besser werden als im Vorjahr: Mitte Juni kündigte der Konzern an, er erwarte ein Erntevolumen von deutlich über 60 Millionen Euro. Angesichts von fast 250 Millionen Euro, die im nächsten Sommer aus der Anleihe fällig werden, deren Zinsen KTG jetzt nicht fristgerecht bezahlen kann, wirkt allerdings auch das wenig ermutigend.

KTG Agrar will sich verzweifelt über Wasser halten

Die frustrierten Investoren fragen sich, was hinter der kurzfristigen Absage der Hauptversammlung steckt. Mögliche Erklärungen: Die KTG-Führung will sich den Spießrutenlauf ersparen, oder die Bemühungen um eine rettende Finanzspritze werden immer dringender und hektischer. Dafür spricht, dass das Zukunftskonzept „in den kommenden Wochen überarbeitet werden“ soll, wie es in der jüngsten Mitteilung von KTG Agrar heißt. Doch so viel Zeit hat das Unternehmen wohl nicht mehr, wenn es die Zinsen nicht zahlt.

Sollte es tatsächlich so sein, dass eine gute Teilernte die Voraussetzung dafür ist, dass KTG Agrar sich überhaupt noch mit seinen Geldgebern einigen kann, wäre dies außerordentlich beunruhigend. Der Ernteverlauf hängt nicht zuletzt vom Wetter ab und davon, dass KTG sich irgendwie noch ein paar Monate über Wasser halten kann. Der einfachste Weg – die ins Wanken geratene Anleihe zu restrukturieren – ist dem Konzern dagegen wohl verschlossen, weil er es versäumt hat, einen Restrukturierungsmechanismus nach dem neuen deutschen Schuldverschreibungsgesetz in den Anleihebedingungen zu verankern

KTG-Agrar-Vorstand schimpft auf „Kommentatoren“

Während die Bedrohung immer größer wird, werden die Argumente des Agrarunternehmens immer dünner. In einer Erklärung vom 19. Juni, in der KTG die Frist für die Zinszahlung noch weiter nach hinten schob – auf den Termin der nun verschobenen Hauptversammlung – griff KTG noch tief in die Phrasenkiste, um die Anleger des gerade einmal 20 Jahre jungen Unternehmens einzunorden: Man werde immer feststellen, „dass erfolgreiche und traditionsreiche Häuser“ in der Unternehmenshistorie „schwierige wirtschaftliche Phasen durchstehen mussten und daraus gestärkt hervor gingen“, schreibt der Vorstand.

Ein Schuldiger für die massiven Kurseinbrüche seit Anfang Juni war auch schnell gefunden. So schreibt der KTG-Vorstand den Anlegern (unter Verwendung kreativer Grammatik): „Bedauerlicherweise haben ‚Kommentatoren‘ aus unserer Sicht wohl aus Unkenntnis der Geschäftslage und unserem Markt- und Erntepotenzial durch deren Berichterstattung, bei einigen Investoren für Unsicherheit gesorgt.“ Immerhin: Nach nunmehr drei Wochen ohne Zahlungseingang braucht KTG Agrar die „Kommentatoren“ dafür nicht mehr, für Unsicherheit sorgt das Unternehmen derzeit selbst in ausreichendem Maße.

Die Anleger bat der Vorstand, das Unternehmen im Rahmen der Möglichkeiten zu unterstützen – einem Anleger, der seine ausbleibende Zinszahlung zurzeit als Zwangskredit verbuchen muss, dürfte dies wie Hohn vorkommen. Wenig beruhigend klingt der Ausblick, mit dem der KTG-Vorstand sein Plädoyer vom 19. Juni beendete: „Gegessen wird immer!“. Auch wir gehen davon aus, dass die Menschen weiter essen werden. Sie werden sich aber vermutlich auch dann noch ernähren können, wenn KTG Agrar nicht mehr im Geschäft sein sollte.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Aufgeblähte Formulierungen, Doppeldeutigkeiten, Verwirrendes: Im Blog „Subtext “ durchstöbert FINANCE-Redakteurin Sabine Reifenberger die Untiefen der Nachrichtenwelt und ergründet verborgene Botschaften, die vermutlich niemand je so tätigen wollte. Alles über die Entwicklungen bei KTG Agrar finden Sie auf unserer Themenseite zu KTG Agrar.