Seidensticker muss Umsätze korrigieren und kämpft mit den Wechselkursen. Das Rating rutscht in den Junk-Bereich.

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16.10.14
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Seidensticker: Profilschärfung im Junk-Bereich

Der Textilkonzern Seidensticker freut sich in seiner Meldung zum jüngsten Konzernabschluss über eine klare Strategie und einen geschärften Fokus. Geld verdient er damit leider nicht – das Seidensticker-Rating rutscht in den hochspekulativen Bereich.

Zusammenfassungen in Stichpunkten sind für den eiligen Leser dankbar, vermitteln sie doch scheinbar einen Überblick und eine rasche Einordnung einer Mitteilung. Mitunter jedoch kehren die ausführlichen Erläuterungen den ersten Eindruck schlagartig ins Gegenteil um. So auch bei der Seidensticker-Meldung aus dieser Woche zum Konzernabschluss für das Geschäftsjahr 2013/14, das am 30. April endete.

Denn hinter dem neutralen Stichpunkt „Ratinganpassung von Creditreform“ verbirgt sich durchaus Schwerwiegendes: Der Hemdenhersteller, der sich als Bielefelder Traditionshaus sieht, ist nach dem Bewertungsschema der Ratingagentur Creditreform als Investitionsobjekt noch tiefer in den hochspekulativen Bereich abgerutscht. Die Agentur senkte ihr Rating von BB auf B+.

Seidensticker liefert ein klares Bekenntnis, aber kaum noch Ertrag

Was ist passiert? Das Unternehmen musste durch die Abgabe von Lizenzen einen Umsatzverlust von 16 Millionen Euro hinnehmen. Strategisch lässt sich der Schwenk begründen: Eine „klare Schärfung des Profils“ habe man vorgenommen: „Das klare Bekenntnis der Bielefelder, den Fokus auf den eigenen Retail zu legen, erwies sich erneut als richtungsweisend.“ Ja, die Richtung mag stimmen, aber das Ziel ist noch in weiter Ferne. Der „richtungsweisende“ Ausbau des eigenen Retails konnte nur 12 Millionen der im Lizenzgeschäft weggebrochen 16 Millionen Euro kompensieren.

Der Umsatz liegt insgesamt mit 159 Millionen Euro deutlich unter dem Vorjahr (2012/13: 164 Millionen Euro), ebenso das Ebit, das von 5,45 auf 1,65 Millionen Euro zurückging. Der Konzern muss unter dem Strich ein Minus von 3,9 Millionen Euro als Fehlbetrag verbuchen, nach einem Fehlbetrag von 1 Million Euro im vorangegangenen Geschäftsjahr.

Am Anleihemarkt hält sich das Unternehmen, das 2012 eine 30 Millionen Euro umfassende Mittelstandsanleihe mit sechs Jahren Laufzeit und einem Kupon von 7,25 Prozent begeben hat, noch gut. Die Anleihe notiert mit einem Kurs von zurzeit 102 deutlich über dem Niveau der Mittelstandsanleihen vieler anderer Modeunternehmen. Doch es besteht ganz offensichtlich Handlungsbedarf. 

Finanzkennzahlen im Konjunktiv

Neben der Profitabilität ist die Eigenkapitalausstattung eine Baustelle, die der im Juli ernannte CFO Martin Friedrich wird angehen müssen. Der Mitteilung zufolge sank die Eigenkapitalquote auf 5,8 Prozent – und Schuld soll unter anderem der bis zum Stichtag noch stark gewesene Euro haben. Währungsschwankungen haben den Bielefeldern nach eigener Aussage die Eigenkapitalposition verhagelt: „So läge das Eigenkapital ohne diese stichtagsbedingten Verschiebungen bei 11,7 Millionen Euro und 12,9 Prozent der Bilanzsumme“, schreibt der Konzern. Durch die „abschlussbedingte Bewertung“ habe sich das Eigenkapital aber auf 5,2 Millionen Euro verringert, die Quote rutschte unter 6 Prozent.

Sicher sehen Finanzkennzahlen im Konjunktiv fast immer besser aus, es gibt aber ein entscheidendes Problem: Sie sind fiktiv. Ohne direkt erkennbaren Zusammenhang berichtet Seidensticker weiter, dass sich die „währungsbedingte Bewertung des Eigenkapitals“ im ersten Quartal wieder um knapp 1 Million Euro verbessert habe, was dem Konzern zufolge „zeigt, wie sehr diese Währungsposition stichtagsbedingt schwanken kann“. Der tiefere Sinn dieser Rechenübung bleibt allerdings offen: Gibt es einen Masterplan, um die negativen Währungseffekte über die Bewertungsstichtage der kommenden Quartale zu reduzieren? Oder wollte man einfach zeigen, dass man dieses Mal mehr Glück hatte?

Die Rechnung geht jedenfalls nicht ganz auf. Wenn sich das Eigenkapital im ersten Quartal währungsbedingt nur um 1 Million Euro erholt hat, warum führt das Unternehmen dann den hohen Eigenkapitalverzehr von 6,5 Millionen Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr auf eine „abschlussbedingte Bewertung“ zurück? Womöglich könnte der Rückgang doch eher etwas mit dem Jahresfehlbetrag zu tun haben – nur so ein Gedanke.   

Wir setzen jedenfalls fest darauf, dass Seidensticker auch im umgekehrten Fall seine Rechenkünste bemühen würde: Sollte die Eigenkapitalquote durch günstige Währungskurseffekte einmal einen positiven Schub bekommen, obwohl sie eigentlich niedriger anzusiedeln wäre, wird das Bielefelder Hemdenhaus das sicherlich mindestens so deutlich herausstellen wie jetzt. Sonst könnte schnell der Eindruck entstehen, die Bemühung der Wechselkurse sei eine willkommene Ausrede. Und so hat es ja sicherlich niemand gemeint.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Aufgeblähte Formulierungen, Doppeldeutigkeiten, Verwirrendes: Im Blog „Subtext“ durchstöbert Sabine Reifenberger die Untiefen der Nachrichtenwelt und ergründet verborgene Botschaften, die vermutlich niemand je so tätigen wollte.