Frauen sollten mehr über Geldanlage reden, findet auch die Deutsche Börse. Aber können sie das nicht auch gemeinsam mit Männern? Ein Blogbeitrag.

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19.06.19

Subtext: Wer hat Angst vorm Börsenmann?

Frauen sollten sich stärker mit dem Kapitalmarkt beschäftigen, findet die Deutsche Börse. Damit liegt sie richtig. Aber warum lanciert sie dafür bloß rein weiblich besetzte Seminare?

Um eines von vornherein festzuhalten: Frauen für Geldanlage- und Kapitalmarktthemen zu sensibilisieren, ist sinnvoll. Ein solches Seminar bietet die Deutsche Börse im August an – als Schnupperkurs für Frauen ohne Vorkenntnisse. So weit, so gut. Aber wieso, haben wir uns nach der Lektüre der zugehörigen Pressemeldung gefragt, ist die Veranstaltung so krampfhaft auf die weibliche Perspektive gedreht?

Es handelt sich um ein Seminar „von Frauen für Frauen“. Steckt dahinter schon die Angst, ein männlicher Referent würde gleich wieder das berüchtigte „Mansplaining“ betreiben? Oder ist es etwa die Befürchtung, Frauen könnten sich im Jahr 2019 mehrheitlich immer noch nicht trauen, das Thema Geldanlage in einem Raum anzusprechen, in dem sich auch Männer befinden?

Was ist eine „weibliche Perspektive“?

Die Begründung der Deutschen Börse dazu bleibt eher vage. Sie zitiert „verschiedene Studien“. Diese hätten herausgefunden, dass sich Frauen weniger mit dem Vermögensaufbau befassten als Männer, auch weil es Frauen bei der langfristigen Verwaltung der Finanzen an Selbstvertrauen fehle. Das mag so sein, so wie umgekehrt Frauen in Sachen Gesundheitsvorsorge aktiver sind als Männer. Beides ist blöd, und beides sollte sich ändern. Aber muss man dafür die Geschlechter bei der Weiterbildung trennen?

Die Seminartitel der Deutschen Börse wirken jedenfalls nicht gerade emanzipiert. Den Auftakt bietet ein Grundlagenmodul über Geldanlage und „Strategien für den selbstbestimmten Umgang mit Geld“. Das klingt schon ein wenig so, als ob die Teilnehmerin aus der Kernzielgruppe sich bislang das Haushaltsgeld wöchentlich vom Gatten abgezählt hätte aushändigen lassen. Raum für freie Assoziationen bietet auch der Titel: „Finanzen – eine weibliche Perspektive“. Dabei dürfte die weibliche Perspektive auf Finanzen der männlichen letztlich nicht unähnlich sein: Das vorhandene Geld sollte sich durch die Anlage vermehren, und das am besten dauerhaft.

Sicherlich ist es für Frauen oft schwieriger als für Männer, finanziell gut vorzusorgen – Stichwort Lohnungleichheit, um nur ein Beispiel zu nennen. Gerade solche Punkte sind aber keine „weibliche Perspektive“ auf die Finanzen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Die furchteinflößende Börsenwelt

Im Anschluss an die weibliche Finanzperspektive gibt es dann noch das Modul „Keine Angst vor der Börse“. Da drängt sich geradezu das Bild einer überforderten und zutiefst verstörten Frau auf, die ob all der großen Zahlen und komplexen Zusammenhänge lieber gleich das Handtuch wirft – am besten vielleicht sogar direkt in die Waschmaschine – und sich auf vertrauteres Terrain zurückzieht. Sollen doch die Männer diese Börsensachen regeln.

In der Realität haben wohl die allerwenigsten Frauen tatsächlich Angst vor Aktien, Anleihen, Fonds und ETFs. Unwissenheit und eine damit zusammenhängende Zurückhaltung dürften die größeren Hürden sein. Umso wichtiger sind Informationsangebote. Allerdings gibt es keinen zwingenden Grund, dass Frauen sich Infos über Fonds-Investments oder das Eröffnen eines Aktiendepots im rein weiblichen Kontext abholen. Zumal in Deutschland, wo die Aktienkultur nicht gerade überentwickelt ist, sicherlich auch der eine oder andere Mann da noch Nachholbedarf hat.

Zweifellos gibt es finanzielle Herausforderungen, die Frauen stärker betreffen als Männer: Neben der Lohnungleichheit zählen dazu auch Teilzeitarbeit oder drohende Rentenlücken durch Kindererziehungszeiten. Doch gerade diese Themen sollten Frauen nicht nur unter sich im geschlossenen Kreis besprechen, sondern sie besser gemeinsam mit den Männern diskutieren.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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