Der VW-CEO Matthias Müller muss sich künftig mit einem Gehalt von höchstens 10 Millionen Euro pro Jahr begnügen.

Volkswagen

02.03.17
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Warum VW eine Riesenchance vertan hat

VW wollte die Vorstandsvergütung reformieren. Das ist ordentlich misslungen. Damit haben die Wolfsburger eine einmalige Chance vertan.

Manches dauert eben länger als ein irdisches Jahr: Phaeton ist der Name eines Asteroiden, der rund 524 Tage benötigt, um die Sonne zu umrunden. Und auch die Vergütung des Vorstands von Volkswagen, das das Automodell Phaeton bis letztes Jahr produzierte, benötigt dringend eine stärkere Orientierung an längerfristigen Zielen. Das ist nun auch dem Aufsichtsrat klar geworden.

Vergütungskapriolen bei VW mit Slapstick-Charakter

Und einen besseren Zeitpunkt für die Reform des Vergütungssystems gab es wahrlich nicht – und wird es so wahrscheinlich so schnell auch nicht mehr geben. Die Kritik an der Bezahlung des Top-Managements hatte sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich gesteigert. So konnte trotz Dieselaffäre der Vorstand für das Jahr 2015 immer noch stattliche Boni einsacken. Ex-Vorstände erfreuen sich an äußerst üppigen Ruhestandsgehältern – allein der geschasste Martin Winterkorn an mehr als einer Million Euro jährlich.

Und als Krönung wurde jüngst berichtet, dass der unter anderem für Integrität (kein Witz!) zuständige Vorstand Christine Hohmann-Dennhardt nach nur einem Jahr Amtszeit eine Abfindung im zweistelligen Millionenbereich erwarten darf. Jeder, wirklich jeder hätte Verständnis, wenn der Aufsichtsrat endlich mal zum großen Wurf angesetzt hätte.

Qualität des Vergütungssystems nun gerade mal auf Minimalniveau

Hat er aber nicht. Wie ein Getriebener hat das Gremium die Qualität des Vergütungsmodells gerade mal auf ein Minimalniveau gehievt. Schon der Text der wahrlich nicht langen Pressemitteilung ist im reinen Verteidigungsmodus geschrieben. Er verweist auf im Dax übliche Systeme sowie mehrfach auf den Deutschen Corporate Governance Kodex. Bravo. Damit hat VW nachgezogen – und das nicht einmal in allen Bereichen. Von der dringend notwendigen Sonderbehandlung sind die Wolfsburger weiter entfernt als der Asteroid Phaeton im Winter von der Sonne.

Fünf Punkte fallen besonders auf. Erstens: Zwar setzt Volkswagen in der variablen Vergütung nun unter anderem auf die Erfolge in der Elektromobilität und Co., jedoch in viel zu geringem Maße. Die Entwicklung im Automobilbereich der nächsten zehn Jahre hat Endspielcharakter. Wer die Transformation weg von Benzin und Diesel nicht führend begleitet, für den stehen düstere Zeiten an. Das hätte einen wesentlich größeren Anteil an der variablen Komponente wert sein dürfen.

Es geht um die richtigen Anreize in einem sehr schwierigen Umfeld

Zweitens wird die fixe Vergütung pauschal angehoben. Dabei ist das Spiel mit festen und variablen Gehaltsbestandteilen heute weit mehr als ein reiner Verschiebebahnhof. Für manche Vorstandsmitglieder liegt es in der Natur ihrer Tätigkeit, dass ihr Einfluss auf den Unternehmenserfolg geringer ist oder eher die Vermeidung von Fehlern auf ihrer Agenda steht. Dann ist durchaus eine höhere fixe Komponente angemessen. Bei anderen Vorstandsmitgliedern ist es qua Ressort jedoch ganz anders. Der VW-Aufsichtsrat hätte sehr viel differenzierter vorgehen sollen, um hier optimale Anreize zu setzen.

Drittens bleiben die Ruhestandszahlungen scheinbar unangetastet. Das wird nicht nur für Unmut bei der sonstigen Belegschaft sorgen, sondern erhöht in der ökonomischen Gesamtschau auch noch die fixe Komponente der Vergütung. Viertens: Die langfristigen Bonuszahlungen orientieren sich zwar nun an der Aktienperformance von VW, werden jedoch nicht in Aktien beglichen.

Damit gibt es wohl auch keine Mindesthalteperiode, was die Anreize zu kurzfristig setzt – insbesondere angesichts der beschriebenen längerfristigen Transformationsphase der Branche. Bei VW ist es somit wie bei Phaetons Sonnenrunde: Ein bisschen länger als ein Erdenjahr, aber so richtig langfristig ist es dann doch nicht. VW wird mit dieser Regelung übrigens auch bei den großen Fondsgesellschaften, die nahezu unisono lange Halteperioden fordern, nicht viele Freunde finden.

Ein kleiner Schritt für Corporate Governance, ein kleiner Schritt für VW

Zuletzt ist die Deckelung der Gesamtvergütung bei 10 beziehungsweise 5,5 Millionen Euro willkürlich und entspricht nicht dem Sinn der Meritokratie. Denn gerne sollen die Vorstände auch mehr verdienen dürfen, wenn sie entsprechende Leistungen zeigen. Wenn aber gedeckelt wird, dann läuft man Gefahr, dass die Vorstände in sehr guten Jahren taktisch mit dem Geschäft umgehen und sogar Gewinne verschieben.

Es ist daher kein Wunder, dass sich der Vorstand den neuen Regelungen gegenüber recht offen gezeigt hat. Jetzt feiern sich die Wolfsburger erstmal für das neue System, und damit droht in nächster Zeit erstmal keine Verschärfung der Regelungen. Doch Achtung! Phaeton ist nicht nur ein Asteroid. In der griechischen Mythologie steht der Name nämlich für einen Draufgänger, der mit dem Sonnenwagen des Vaters Helios so großes Chaos veranstaltet hat, dass Zeus ihn mit einem Blitz aufhalten und töten musste. Hoffentlich ist es nicht dieses Bild, das sich in Wolfsburg materialisiert.

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Wann schadet ein Skandal einem Unternehmen wirklich? Treiben Nachhaltigkeitsprojekte den Unternehmenswert nach oben? Wie wichtig ist Risikomanagement wirklich? In seinem Blog „Was wirklich zählt“ zeigt Bewertungsexperte Matthias Meitner wann Soft Facts tatsächlich einen Einfluss haben – und wann der CFO getrost darauf verzichten kann.

Weitere Hintergründe zum aktuellen Stand der Debatte um die Vorstandsgehälter finden Sie auf unserer Themenseite Managervergütung.