Wirecard

17.03.16
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Warum Wirecard mit seinen starken Zahlen derzeit niemanden überzeugt

Ist Wirecard wirklich nur Opfer einer Hedgefonds-Attacke oder ist an den Vorwürfen doch etwas dran? Egal. Für die Aktionäre ist Wirecards Antwort derzeit nicht entscheidend, denn das Management hat einen zentralen Fehler gemacht.

Die jüngsten Ereignisse rund um den Zahlungsabwickler Wirecard haben alles, was einen guten Wirtschaftskrimi ausmacht: Ein schwer durchschaubares Geschäftsmodell mit weltweiten Verflechtungen, schon länger bestehende latente Zweifel an der Nachhaltigkeit des Erfolgs, heftige Anschuldigungen aus einer ominösen Quelle und vor allem viel Geld im Spiel.

Noch ist unklar, wie hoch der Wahrheitsgehalt der Vorwürfe ist, die von den bis dato unbekannten Analysten von „Zatarra Research“ in den Raum gestellt worden sind – inzwischen schon in mehreren Attacken. Zu komplex und durch Außenstehende nur schwer zu überprüfen sind die Anschuldigungen von Zatarra. Es geht um Geldwäsche, Vertuschungsstrukturen und obskure M&A-Deals. Wirecard kontert, dementiert, der CEO kauft sogar Aktien in Millionenhöhe. Doch es hilft nicht viel, der Kurs fällt und fällt.

Klar ist einzig dies: Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist zu einem guten Teil hausgemacht. Denn die Vorwürfe von Zatarra sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Diesen fruchtbaren Boden liefern häufige gerade solche Unternehmen, die sich ohnehin schon in misslichen Umständen befinden.

Das ließ sich beispielsweise beim ADAC beobachten, als die Öffentlichkeit kurz nach der Aufdeckung des „Gelbe Engel“-Skandals von unangemessenen Helikopterflügen des Präsidiums erfahren durfte. Oder bei der Pharmafirma Valeant – gestern mit einem hohen Kurseinbruch wieder einmal der größte Verlierer an der Wall Street –, die 2015 inmitten einer heftigen Anschuldigungskampagne wegen überhöhter Medikamentenpreise auch noch die Aufdeckung von Bilanzierungsfehlern erleiden musste. Ohne die Skandale im Vorfeld hätten die Vorwürfe in beiden Fällen wohl kaum so hohe Wellen geschlagen.

Wirecard lässt gegen Zatarra allein die starken Zahlen sprechen

Um den Ruf von Wirecard am Kapitalmarkt steht es schon seit längerem nicht zum Besten. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Zweifel an der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells, Bedenken bezüglich der Werthaltigkeit immaterieller Vermögenswerte in der Bilanz und auch schon einmal zu Geldwäscheanschuldigungen. Die Vorwürfe konnte das Management jedes Mal abprallen lassen oder gutachtlich entkräften.

Mehr tat Wirecard jedoch nicht. Keine klaren Erläuterungen zum Geschäftsmodell, keine nennenswerten Bemühungen, die Unternehmensstrukturen besser verständlich zu machen. Auch jetzt wieder, nach der wiederholten Infragestellung der Bilanzqualität auf dem Financial-Times-Blog „Alphaville“, der das Zatarra-Papier als erstes aufgegriffen hatte, lässt Wirecard in erster Linie die starken Wachstumszahlen sprechen.

Immerhin: Um die Sell-Side Analysten zu besänftigen, die sich immer noch nahezu einheitlich mit Kaufempfehlungen präsentieren, hat das genügt. Doch den Aktionären reicht das nicht mehr, ihre Nervosität ist groß. Das ist bedenklich, denn einen Vergleich muss sich Wirecard gefallen lassen: Man stelle sich nur mal vor, ein solcher Report hätte ein Unternehmen wie BMW getroffen – er wäre lauthals verlacht worden.

Wirecard hat den Regenschirm vergessen

Der Fall Wirecard wirft somit ein Schlaglicht auf das, was wirklich zählt: gutes Stakeholder-Management. Gute Stakeholder- und Shareholder-Beziehungen sind wie ein Regenschirm. Bei sonnigen Aussichten schaden sie nicht, bei Niederschlag schützen sie vor dem Schlimmsten. In vielen Fällen reicht dabei auch schon die einfache Variante, sprich der regelmäßige transparente Dialog.

Teure Sondermodelle wie beispielsweise intensive Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten mit Blick auf das Ansehen bei den Endkunden empfehlen sich nur dann, wenn der Sturm einem im Zweifel direkt ins Gesicht zu wehen droht – also bei den wirklich kritischen Stakeholder-Gruppen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wirecard-Chef Markus Braun und CFO Burkhard Ley hätten sich zumindest einen Knirps für die Shareholder-Beziehungen gönnen sollen.

redaktion[at]finance-magazin.de

Wann schadet ein Skandal einem Unternehmen wirklich? Treiben Nachhaltigkeitsprojekte den Unternehmenswert nach oben? In seinem Blog „Was wirklich zählt“ zeigt Bewertungsexperte Matthias Meitner wann Soft Facts tatsächlich einen Einfluss auf Unternehmenswert oder Umsätze haben – und wann der CFO getrost darauf verzichten kann.