peshkov/iStock/Thinkstock/Getty Images

24.01.18
CFO

Banken uneins über das Potential der Blockchain

Der Blockchain-Technologie wird zugetraut, die Finanzwelt zu revolutionieren. Die deutsche Finanzszene ist sich völlig uneins darüber, wann das geschieht und in welchen Bereichen. Die im Raum stehenden Ideen sind jedoch faszinierend.

„2018 wird darüber entscheiden, ob Blockchain ein Hype ist, oder ob die Technologie substanzielle Neuerungen ermöglicht.“ Das glaubt Peter Wiedmann vom Deloitte Blockchain Institut. Die Meinungen darüber, in welche Richtung das Pendel im Banking ausschlagen wird, gingen bei einer von Deloitte organisierten Konferenz in Düsseldorf allerdings weit auseinander.

Auf der einen Seite mahnte Philipp Sandner, Professor am Frankfurt School Blockchain Center, dass die deutschen Banken mehr tun müssten: „Sonst könnte die hiesige Industrie bei der entscheidenden Technologie der nächsten 10 bis 15 Jahre den Anschluss an Finanzdienstleister in Asien, Großbritannien und die USA verlieren.“

„Die Blockchain könnte in ein paar Nischen zum Einsatz kommen, eine Bedrohung für große Infrastrukturen ist sie aber nicht.“

Udo Milkau, Chief Digital Officer Transaction Banking, DZ Bank

Auf der anderen Seite sprach Udo Milkau, Chief Digital Officer für den Bereich Transaction Banking bei der DZ Bank von „Märchen“ rund um die Blockchain. Milkau sieht die neue Technologie als reine Automatisierungs-Maschine. „Sie könnte in ein paar Nischen zum Einsatz kommen, eine Bedrohung für große Infrastrukturen ist sie aber nicht“, glaubt der Banker. Seine Argumentation: Weder würde die Blockchain Vertrauen schaffen, noch ließen sich über die Technologie echte Werte abbilden und transferieren. 

Viele Blockchain-Tests

Bei allen Unterschieden in der Einschätzung des Potentials ist es jedoch Fakt, dass fast alle Banken bereits mit ersten Blockchain-Anwendungen experimentieren. Die Blockchain-Schuldscheine, die Daimler und Telefónica Deutschland mit Hilfe der LBBW begeben haben, sind solche Beispiele, ebenso wie das Commercial Paper, das die Commerzbank für die KfW platziert hat. In diesem Jahr sollen außerdem zwei Plattformen für Handelsfinanzierungen auf Basis der Blockchain-Technologie an den Start gehen.

„Die meisten Projekte sind aktuell aber noch in der Beta-Phase“, räumt Michael Spitz, CEO beim Main Incubator, dem Start-up-Investor der Commerzbank, ein. Bis diese Projekte eine relevante Größe erreicht haben und zu messbaren Vorteilen führen, dürfte noch Zeit vergehen. 

Deutsche Aufsicht bremst Blockchain aus

Das hat verschiedene Gründe, wie die Deloitte-Veranstaltung zeigte. Ein wichtiger Faktor ist die Regulatorik. Zum Leidwesen vieler Banker und Berater ziehen sich die deutschen Aufsichtsbehörden Bafin und Bundesbank auf den Standpunkt zurück, man reguliere Geschäftsmodelle und nicht die Technologie. Daher erhalte man keine eindeutigen Aussagen, was erlaubt sei und was nicht, beschwerten sich einige Teilnehmer in Düsseldorf.

Viele Wirtschaftskanzleien freuen sich daher über eine Sonderkonjunktur und haben ganze Blockchain-Desks eingerichtet. Manche Banken weigern sich jedoch noch, diese Teams für ihre Interessen zu mobilisieren: „In der ersten Phase versuchen wir, die Anwälte komplett rauszuhalten“, berichtet Commerzbank-Mitarbeiter Spitz. „Sie blockieren die Innovation.“

„In der ersten Phase versuchen wir, die Anwälte komplett rauszuhalten. Sie blockieren die Innovation.“

Michael Spitz, CEO Main Incubator und Blockchain-Experte der Commerzbank

Britisches Fintech setzt auf Blockchain-Bonds

Schwierig für die deutsche Finanz-Community ist, dass die britische Finanzaufsicht FCA deutlich offener als die deutschen Kollegen ist: Sie hat vor vier Jahren ein Projekt gestartet, das es Finanzdienstleistern erlaubt, in einer geschützten Umgebung neue Produkte auf Basis der Blockchain zu testen. In diesem „Sandkasten“ arbeiten Anbieter und Regulator gemeinsam, berichtet Avtar Sehra, CEO des Fintechs Nivaura: „Wir konnten der FCA so demonstrieren, dass unsere Idee innerhalb des bestehenden Rechtsrahmens möglich ist.“

Im vergangenen November emittierte Nivaura dann den weltweit ersten Crypto-Currency-Bond über eine öffentliche Blockchain-Infrastruktur. Die Plattform, die Nivaura dafür gebaut hat, soll vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen, Anleiheemissionen zu automatisieren. Jetzt soll der Crypto-Currency-Bond in Serie gehen. 

Es ist daher wenig überraschend, dass auch deutsche Banken für ihre Blockchain-Projekte auf das Ausland schielen. Bei der LBBW, die FINANCE-Informationen zufolge bereits im zweiten oder dritten Quartal dieses Jahres mit einer Verbriefungstransaktion per Blockchain auf den Markt kommen möchte, schaut man sich beispielsweise den irischen Rechtsraum an. Anders als beim ur-deutschen Finanzierungsinstrument Schuldschein, lassen sich Verbriefungen leichter nach ausländischem Recht gestalten. 

Wie kommt der Euro auf die Blockchain?

Doch es gibt weitere Herausforderungen, bevor die Blockchain für deutsche CFOs und Treasurer zu einer relevanten Technologie werden kann. Noch ist es nicht möglich, Euro, Dollar oder andere reale Währungen auf der Blockchain abzubilden. Ein unmittelbar über die Technologie platziertes Finanzinstrument ist daher in Krypto-Währung denominiert. Mit Bitcoin und Co. können aber die wenigsten Finanzchefs etwas anfangen.

Deshalb setzen die aktuellen Pilotprojekte die Technologie lediglich dafür ein, die Dokumentation und den Austausch von Informationen zu vereinfachen. Das gilt derzeit sowohl für den Blockchain-Schuldschein, den die LBBW vorantreibt, als auch für die Experimente der Commerzbank rund um den Handel von Commercial Papers mit der neuen Technologie. Davon versprechen sich die Banken erhebliche Effizienzgewinne bei internen Abläufen und Verwaltungsaufgaben.

Gelänge jedoch ein echter Vermögenstransfer über die Blockchain, ging es um völlig neue Geschäftsmodelle. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Durchbruch der Technologie sei deshalb, reale Währungen auf die Blockchain zu heben, meint Wissenschaftler Sandner: „Die Finanzindustrie sollte ihre Bemühungen dahingehend beschleunigen.“ Ähnlich sieht es Commerzbanker Spitz, der ebenfalls vom disruptiven Potential der Technologie überzeugt ist.

„Es ist schwierig, in Europa Partner zu finden, die von Swift auf Ripple umstellen wollen.“

Udo Milkau, CDO Transanction Banking, DZ Bank

Netzwerk-Effekt behindert Innovation

Eine solche Disruption träfe im Übrigen nicht nur Banken, sondern vor allem die Betreiber von Finanzmarktinfrastrukturen wie etwa Börsen und Clearinghäuser. Ein weiteres Beispiel ist der internationale Zahlungsverkehr, wo das Fintech Ripple den etablierten Finanznachrichtendienstleister Swift attackiert. Ripple will nach eigenen Angaben Privatleuten und Firmenkunden per Blockchain Zahlungen in Echtzeit ermöglichen.

Erste Banken setzen die Ripple-Technologie bereits ein. Dazu gehört die DZ Bank, deren Sparten-Digitalchef Milkau die Blockchain-Euphorie zwar bremst, sich aber auch nicht vorwerfen lassen will, nicht mit der neuen Technologie zu experimentieren. Die Ripple-Erfahrung trägt offenbar zu seiner Skepsis bei: „Es gibt ein Henne-Ei-Problem“, berichtet Milkau bei der Konferenz. „Es ist schwierig, in Europa Partner zu finden, die von Swift auf Ripple umstellen wollen.“ Mit den Banken in Asien, die Ripple bereits für Zahlungen nutzen, sei das Geschäftsvolumen der DZ Bank zu klein, als dass sich eine Einführung lohne.

Es dürfte nicht das einzige Blockchain-Projekt sein, bei dem der Netzwerk-Effekt den etablierten Playern in die Karten spielt: Angreifer müssen zunächst eine kritische Masse an Teilnehmern gewinnen, um relevant zu werden. Das gilt aber auch für Bankkonsortien, die mit der Blockchain experimentieren, wie die zwei Handelsfinanzierungsplattformen, die in diesem Jahr an den Start gehen sollen. Sie haben zwar aufgrund ihrer bestehenden Reichweite Vorteile. Aber auch sie müssen ihre Kunden überzeugen, sich an die neue Plattform anzuschließen.

Deshalb wird 2018 zwar ein entscheidendes Jahr für die innovative Technologie. Kommerzielle Relevanz dürfte die Blockchain im Finanzsektor aber erst in den Jahren danach erreichen.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de