Nomophobie ist die Angst, nicht mehr mit der digitalen Welt verbunden zu sein. Dieses Phänomen verändert auch die Art, wie Business funktioniert.

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03.09.15
CFO

Nomophobie: Business in Zeiten des Info-Overkill

Kein WLAN, kein Akku, kein Leben? „Nomophobie“ (No-Mobile-Phone-Phobia) greift um sich. Wenn alle nun jederzeit online sind und das Smartphone zum Lebensmittelpunkt geworden ist, was heißt das dann für unser Business?

Das war eine Aussage, die es in sich hat: Studenten, die 24 Stunden offline waren, zeigten ähnliche Entzugserscheinungen wie Drogenabhängige, hat kürzlich der Zukunftsforscher Thimon De Jong berichtet. Die Konsequenz daraus: Nomophobie, die Angst, nicht mehr mit der digitalen Welt verbunden zu sein, greift um sich. Auch weil sie auf immer fruchtbareren Boden fällt. Im Januar 2009 hatten gerade mal 6,3 Millionen Deutsche ein Smartphone. Heute sind es 46,6 Millionen. Bei den Tablets ist die Entwicklung noch drastischer: Von anfänglichen 1,6 Millionen Nutzern 2010 stieg die Zahl auf aktuell rund 31 Millionen. Und jeder von uns kennt Menschen, die wirklich nervös werden, wenn kein WLAN verfügbar oder der Akku leer ist – zum Teil sogar wir selbst.

Die Nomophobie ist da, weil wir die Informationen brauchen

Was lernen wir daraus? Erstens: Wir sind eine mobile Gesellschaft – physisch, aber auch in unser Arbeits- und Lebensweise. Wir sind allzeit und überall erreichbar, immer offen, Neues zu lernen – weil wir es so wollen. Zweitens: Wir erwarten jederzeit relevante Informationen auf unseren Smartphones, Tablets und Notebooks. Und wir erwarten, jederzeit von überall aus Zugriff auf die Informationen zu haben, die wir benötigen.

Allerdings können wir diese Informationsflut schon lange nicht mehr bewältigen und sie in unseren Köpfen abspeichern. 1986 hatten die Menschen rund 75 Prozent ihres berufsrelevanten Wissens im Kopf, 2006 waren es dagegen nur noch 10 Prozent. Das macht deutlich, wie drastisch sich der Umgang mit Fachwissen verändert hat – er ist wesentlich virtueller und dynamischer geworden. Fachkräfte benötigen täglich und von überall aus  Zugriff auf eine für sie relevante Informationsvielfalt, die sich nur noch mit virtuellen Mitteln abbilden lässt. Die Kommunikationskanäle haben sich vollkommen verschoben. Das ist der reale Hintergrund für das Aufkommen der Nomophobie.

Die Konsequenzen sind offensichtlich: Wir können unser Geschäft nicht mehr so weiterführen wie vor ein paar Jahren. Die rasante Entwicklung innerhalb der Informationsstrukturen lässt Technologien, die vor kurzem noch innovativ waren, heute als Antiquitäten erscheinen – im B2B- wie im B2C-Umfeld gleichermaßen.

E-Mails sind ein Auslaufmodell

Veränderungen zeigen sich auch innerhalb der Unternehmen, wo neue Regeln der Kommunikation Einzug gehalten haben. Neue, flexiblere Arbeitsmodelle, dezentral organisierte Teams oder auch reisende Vertriebsmitarbeiter und Techniker benötigen allzeit und allerorten Zugriff auf die für sie relevanten, mit anderen Bereichen und Kollegen vernetzten aktuellen Informationen. In der Kommunikation nach außen gilt es, die jeweilige Zielgruppe zum richtigen Zeitpunkt auf dem passenden Kanal zu erreichen. Das ist besonders wichtig für Teams im Vertrieb und im Marketing oder beim Recruiting.

Und die nächste einschneidende Veränderung steht bereits vor der Tür. Wie lange wird es noch E-Mail-Verkehr geben? Schon jetzt haben sich zahlreiche Plattformen und Kanäle etabliert, die die klassischen Kommunikationsmittel wie E-Mails und Telefon hinter sich lassen. Neue Software, die die verschiedenen Kanäle miteinander verzahnt, ist gefragt. Eine, die zum Beispiel klassische Marketingkampagnen oder Recruitingaktionen mit Social-Media-Aktivitäten verbindet.

Immer flexibel sein: Das ist der USP von Cloud-Lösungen

Für jeden einzelnen Entscheider ist der Druck, sich damit auseinanderzusetzen, immens. Denn wenn wir heute zwei Jahre lang über Neuerungen diskutieren, sind die Technologien, über die wir reden, bereits veraltet, noch bevor wir eine Entscheidung getroffen haben.

Dieses hohe Veränderungstempo ist das entscheidende Argument für Cloud-Lösungen. Sie ermöglichen eine Art „Info-Mass-Customization“, eine automatisierte, individualisierte Kundenansprache. Es geht darum, dass Lösungen aus der Cloud schnell und flexibel einsetzbar sind und Unternehmen dadurch mit dem Tempo Schritt halten können, mit dem sich unsere Kommunikation untereinander verändert. Und das ist erfolgsentscheidend für das Business, denn nur schnelle und flexible Unternehmen können konsequent auf aktuelle Markttrends reagieren.

Alles eine Frage der Relevanz

Der Informations-Overkill macht aber noch einen anderen Punkt eminent wichtig: Nicht nur die Informationen selbst sind wertvoll, sondern auch die Filter, die es ermöglichen,  Informationen auf den aktuellen Bedarf des einzelnen Kunden zuzuschneiden. Nur dadurch wird die Informationsflut  beherrschbar und nützlich. Ein Unternehmen, das mit individualisierten Angeboten genau den Nerv seiner Kunden trifft, hat eine Chance, in deren „Relevant Set“ zu gelangen – und wird zu einem Geschäftspartner erster Wahl, von dem man sich verstanden fühlt.

Auch Mitarbeiter möchten sich nicht den ganzen Tag über mit irrelevanten Dingen belasten und im Info-Overkill untergehen. Wer täglich mit E-Mails bombardiert wird und irgendwo zwischen der elften und zwölften Weiterleitung wichtige Inhalte vermuten muss, der überliest schnell Wesentliches und ist frustriert. Moderne Kommunikationswerkzeuge aus der Cloud sorgen dafür, dass sich Mitarbeiter oder Kunden ihre relevanten Inhalte von Plattformen herunterziehen können. Die altbewährte „Push“- wird zur „Pull“-Kommunikation,  die auf mehr Eigenverantwortung der Nutzer setzt.

Erfolgreiches Business in Zeiten der Nomophobie

Mit Nomophobie lässt es sich also gut leben, wenn alle mitspielen. Um geschäftlich davon zu profitieren, sollte sehr viel selektiver mit Kunden interagiert werden als bisher. Es gilt, die Pull-Kommunikation zu triggern und strenge Qualitätsmaßstäbe sowie Relevanzkriterien für jede Äußerung anzulegen. Denn nur wer stets und in Echtzeit Zugriff auf alle relevanten Informationen hat, ist auch in der Lage fundierte Entscheidungen zu treffen, die sein Geschäft vorantreiben.

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Dietmar Meding ist Berater und Software-Unternehmer und hat für die Reply Gruppe das Unternehmen InEssence Reply aufgebaut, das Beratungsdienstleistungen rund um Unternehmens-Cloud-Lösungen bietet. Zuvor hat Meding viele Jahre im Top-Management von SAP gearbeitet und dort den Aufbau des Cloud Computings vorangetrieben.

In dieser Artikelserie gibt Dietmar Meding Anregungen für Prozessoptimierungen und stellt Einsatzgebiete von Software-Tools vor, die die Finanzabteilung nach vorne bringen. Mehr von Dietmar Meding lesen Sie hier.