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Der CFO-Code

Entschlüsselt: FINANCE untersucht den europäischen Durchschnitts-CFO.
iStock / Thinkstock / Getty Images

"Jeder will heute CFO sein." Romano Guelmani kichert. Als ehemaliger Präsident der italienischen CFO-Vereinigung ANDAF  begleitet er den Beruf Job seit er vor mehr als 47 Jahren seinen ersten Job in der Finanz-und Planungsabteilung vom amerikanischen Unternehmen ITT landete. „Damals war das Wort ‚CFO‘ unbekannt“, erinnert er sich. „Wir waren nur die Leiter Verwaltung, Finanzen und Controlling.“

Die Zeiten haben sich geändert. Indem sie ihnen immer mehr Aufgaben aufgetragen wurden, vollendeten die CFOs in der Mitte des letzten Jahrzehnts ihren Aufstieg aus der schummerigen Unbekanntheit der Finanzabteilung in die hellen Lichter der Vorstandsetage. Wo sie heute auch hinsehen, bescheinigen Untersuchungen und Umfragen die wachsende strategische Wichtigkeit.

Nur die halbe Wahrheit

Allerdings berichten diese Untersuchungen nur die halbe Wahrheit: Sie wischen über die Tatsache hinweg, dass diese Entwicklung nicht überall in Europa gleichmäßig verlaufen ist. Dies ist das zentrale Ergebnis einer neuen Untersuchung von FINANCE, die das Lohnniveau, Alter und Umsatz der CFOs bei den Top-10 gelisteten Unternehmen in Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Russland, Spanien und Großbritannien vergleicht.

Auch wenn diese Untersuchung die übergreifende Erzählung des CFO-Aufstiegs nicht in Frage stellt, zeigt sie doch überraschend weite Unterschiede zwischen den Ländern auf. Nichts verdeutlicht das deutlich – und vielleicht schmerzhafter – als das Auseinanderklaffen der Einkommensschere. Im Jahr 2010 reichte die Bandbreite der CFO-Gesamtvergütung von EUR 72.000 an der polnischen Öl-Raffinerie Lotos bis zu 4,2 Millionen Euro bei Volkswagen.

Die zwei Hälften Europas

Grob gesagt, fällt Europa hinsichtlich der CFO-Vergütung in zwei Teile. Frankreich, Deutschland und Großbritannien stehen auf der einen Seite des Grabens, Italien, Polen und Spanien auf der anderen Seite. Während die Top-CFOs im ersten Lager fast immer mehr als 1 Million Euro pro Jahr verdienen, ist diese Schwelle in der Regel nicht mehr als ein ferner Traum für alle in der zweiten Gruppe. Russland liegt in der Mitte.

Diese Kluft ist ein klares Indiz dafür, dass die Rolle der CFOs sich in den Ländern mit niedrigem Einkommen trotz ihrer gemeinsamen Berufsbezeichnung von der ihrer Kollegen in den Ländern mit hohem Einkommen unterscheidet. „Wir haben vor kurzem eine Reihe von Gesprächsrunden mit CFOs in mehreren Ländern in ganz Europa abgehalten“, berichtet Frank Plaschke, Partner bei Boston Consulting Group. "Und was wir gesehen haben ist, dass die Entwicklung hin zu einer strategischen CFO Rolle in Deutschland auf jeden Fall weiter fortgeschritten ist als in Italien oder Spanien."

Weite Altersunterschiede

Allerdings ist die Aufteilung von CFOs nach Einkommen nur begrenzt aussagefähig. Denn die FINANCE-Untersuchung zeigt auch andere Unterschiede: CFOs in Deutschland, Italien und Spanien sind in der Regel älter als 50, während ihre Kollegen in Frankreich, Polen und Russland meist unter dieser Schwelle liegen. Mit 53 Jahren ist der durchschnittliche deutsche CFO fast 13 Jahre älter als sein russischer Kollege.

Dies deutet darauf hin, dass der Begriff einer zweistufigen europäischen CFO-Klassengesellschaft von nur bis zu einem gewissen Grad gültig ist. Während der vielen Jahre, die Führungskräfte bis zu ihrem Aufstieg an die Spitze von Europas größten Unternehmen brauchen, erwerben sie ein breites Spektrum an Fähigkeiten, in Italien genau so wie in Frankreich. Spaniens Telefónica ist ein typisches Beispiel. Der Kommunikations-Gigant hat kürzlich seinen Finanzchef Santiago Fernández Valbuena zum Chef seiner Lateinamerika-Sparte ernannt.

Eine weitere wichtige Erkenntnis unterstreicht, dass der Zusammenhang zwischen Nationalität und Einfluss eines CFOs nicht in Stein gemeißelt ist: im Hinblick auf die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses ist Frankreich viel näher an Polen als an Deutschland. Mit einem Durchschnitt von nur 4 Jahren, die französische CFOs in ihrer derzeitigen Position verbracht haben, sind sie deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 5 Jahren. Nur die CFOs in Polen und Großbritannien gehen nach vergleichsweise kurzen Zeiträumen. "Die Franzosen sind nie zufrieden", kommentiert der der Europa-Präsident der CFO-Weltverbandfes IAFEI, Armand Angeli.

Starker Kontrast zu Deutschland und Italien

Der Kontrast zu deutschen und italienischen CFOs könnte kaum größer sein. Finanzchefs in diesen beiden Ländern haben nicht nur die längsten Anstellungsdauern mit durchschnittlich fast sechs und sieben Jahren; es ist auch viel weniger wahrscheinlich, dass sie von außerhalb des Unternehmens rekrutiert werden. Dies deutet auf eine starke Präferenz für Kontinuität und tiefe Vertrautheit mit dem Geschäft hin, und auf eine gewisse Ablehnung der frischen Ansichten und abrupten Änderungen, die in der Regel mit einer externen Führungskraft verbunden werden.

Die Ergebnisse in diesem Artikel beruhen auf einem einzigen Jahrgang von Geschäftsberichten und können daher nur das Bild einer scheinbar unbeweglichen Vergangenheit malen. Eines scheint jedoch sicher: Die Zukunft wird Veränderungen bringen. Sowohl Plaschke von BCG als auch Guelmani von Andaf denken, dass das Alter von CFOs abnehmen und ihre Bereitschaft, Arbeitsplätze zu wechseln, zunehmen wird. Ob das tatsächlich der Fall ist, kann nur die Zeit – und der nächste FINANCE-Bericht – zeigen.

steven.arons[at]finance-magazin.de