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Der Wirtschaftsprüfer

Thinkstock / Getty Images

Mox Telecom ist überraschend pleite. Das ist nicht die erste schlechte Nachricht, die der Ratinger Telekommunikationsanbieter kürzlich verkünden musste. Bereits den Jahresabschluss 2011 hatte Mox Telecom zu spät vorgelegt. Schlimmer noch: Mit Fehlbuchungen über 6,9 Millionen Euro musste Mox Telecom wenig später auch einen Bilanzfehler eingestehen.

Solche Entwicklungen bei Jahresabschlüssen sind für Wirtschaftsprüfer in der Regel nicht an der Tagesordnung. Der Alltag ist weniger spektakulär, aber dieser macht die Wirtschaftsprüfer zu ständigen Begleitern fast aller größeren Unternehmen. Nach der Wirtschaftsprüferordnung sollen sie „die betriebswirtschaftliche Prüfung, insbesondere von Jahresabschlüssen wirtschaftlicher Unternehmen, durchführen und Bestätigungsvermerke über die Vornahme und das Ergebnis solcher Prüfungen […] erteilen“. In der Praxis sind Wirtschaftsprüfer aber beispielsweise oft auch in Due-Dilligence-Prüfungen im Rahmen von M&A-Prozessen involviert. Wirtschaftsprüfer benötigen deshalb sichere Kenntnisse in der nationalen und internationalen Rechnungslegung (nach HGB/IFRS/US-GAAP), aber auch sehr gute Prozesskenntnisse im Rechnungswesen (IKS und SOX).

Klassischer Wirtschaftsprüfer ist männlich und hat studiert

Viele der heute mehr als 14.000 Wirtschaftsprüfer in Deutschland sind den traditionellen Weg gegangen und haben zunächst ein Hochschulstudium abgeschlossen. Rund 11.450 der vorwiegend männlichen Wirtschaftsprüfer haben dabei der Wirtschaftsprüferkammer zufolge ein betriebswirtschaftliches Studium abgeschlossen, 640 ein volkswirtschaftliches und 780 ein juristisches Studium.

Diese Hochschulabsolventen haben sich schließlich nach mindestens drei Jahren Arbeit im Berufsalltag dem Wirtschaftsprüfungsexamen gestellt. Doch auch schon vor dem Berufseinstieg arbeiten einige angehende Wirtschaftsprüfer studienbegleitend in einer der Prüfgesellschaften mit.

Einer von ihnen ist der 21-jährige Student Hauke Diers, der im 4. Semester an der Hamburg School of Business Administration studiert und bei KPMG arbeitet. In den vergangenen zwei Jahren hat er schon in verschiedenen Teams Erfahrungen im Bereich Prüfung gesammelt. „Natürlich können wir nicht jedes unbedeutende Detail überprüfen, darum arbeiten wir mit Wesentlichkeitsgrenzen und nehmen Stichproben“, sagte er kürzlich im Gespräch mit dem Hochschulmagazin Unicum.de. Wo man genau ansetzen müsse, lerne man mit der Zeit.

Karriere ohne Hochschulstudium möglich

Aber auch für Praktiker ohne Hochschulstudium ist es dem Institut für Wirtschaftsprüfer zufolge möglich, das Wirtschaftsprüfungsexamen nach einer mindestens zehnjährigen Tätigkeit in der Wirtschaftsprüfung oder einer mindestens fünfjährigen Tätigkeit als Steuerberater oder vereidigter Buchprüfer abzulegen. Immerhin 678 der mehr als 14.000 Wirtschaftsprüfer haben der Wirtschaftsprüferkammer zufolge kein Hochschulstudium.

Das Wirtschaftsprüfungsexamen gilt als das schwerste Berufsexamen überhaupt. Die Durchfallquoten sind sehr hoch und schwanken von Jahr zu Jahr. Der Wirtschaftsprüferkammer zufolge haben im Jahr 2013 59 Prozent der Teilnehmer das Wirtschaftsprüfungsexamen bestanden. 19,8 Prozent haben die Ergänzungsprüfung erreicht, was bedeutet dass sie Teile der Prüfung wiederholen können, ohne dass dies als neuer Prüfungsversuch zählt.

Hat der Prüfling das Wirtschaftsprüfungsexamen erfolgreich bestanden, bekommt er auf Antrag eine durch die Wirtschaftsprüferkammer ausgestellte Urkunde ausgehändigt und wird zum Wirtschaftsprüfer bestellt. Die Eidesformel, die der frischgebackene Wirtschaftsprüfer der Wirtschaftsprüferordnung zufolge leisten muss, lautet: „Ich schwöre, dass ich die Pflichten eines Wirtschaftsprüfers verantwortungsbewusst und sorgfältig erfüllen, insbesondere Verschwiegenheit bewahren und Prüfungsberichte und Gutachten gewissenhaft und unparteiisch erstatten werde, so wahr mir Gott helfe.“ Die religiöse Beteuerung ist fakultativ, nicht obligatorisch.

Hat man das Wirtschaftsprüfungsexamen nach den jahrelangen Anstrengungen endlich erfolgreich abschlossen, hat man bewiesen, dass man ein gewisses Durchhaltevermögen besitzt und zäh ist. Um aber auch die kleinsten Fehler in der Bilanz finden zu können, müssen die Wirtschaftsprüfer zusätzlich noch einen gewissen detektivischen Spürsinn entwickeln, einen Sinn für die Details besitzen und auch analytisch veranlagt sein. Verkäuferisches Talent hilft beim Aufstieg auf der Karriereleiter, sicheres Auftreten dabei, mit den unterschiedlichsten Mitarbeitern der Mandanten in den Unternehmen zu Recht zu kommen. Trivial ist das nicht, denn praktisch nie sind Wirtschaftsprüfer in der Firma gern gesehen.

Firmen wissen Wirtschaftsprüfer in den eigenen Reihen zu schätzen

Dennoch wissen auch die Unternehmen Wirtschaftsprüfer in der Finanzabteilung zu schätzen, wenn die geschulten Detektive nach jahrelanger Arbeit in WP-Gesellschaften die Seite wechseln. Eine Tätigkeit im Finanzbereich der Unternehmen liegt wegen der entsprechenden Nähe der Wirtschaftsprüfer zur Bilanz auch nahe. So verwundert es nicht, dass einige heutige CFOs ihre berufliche Laufbahn in der Wirtschaftsprüfung begonnen haben und nach verschiedenen Stationen, beispielsweise im Rechnungswesen, im Controlling oder im Audit-Bereich, schließlich zum CFO aufgestiegen sind.

Bilfinger-Berger-CFO Joachim Müller hat beispielsweise seine berufliche Laufbahn 1986 bei Arthur Andersen als Wirtschaftsprüfer begonnen. Auch Adidas-CFO Robin Stalker startete seine Karriere 1982 als Wirtschaftsprüfer bei Arthur Young in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington. Der ehemalige Finanzvorstand von SAP, Werner Brandt, fing bei Price Waterhouse (heute PwC) an. Der derzeitige Finanzchef des Dialysespezialisten Fresenius Medical Care, Michael Brosnan, blickt ebenfalls auf Anfänge in der Wirtschaftsprüfung bei KPMG in Boston zurück.

Info

Was Wirtschaftsprüfer verdienen können

Junior: 40.000 bis 70.000 Euro
Senior: 80.000 bis 120.000 Euro
Leitende Funktion: 96.000 bis 125.000 Euro plus
Partner: 180.000 bis 350.000 Euro

Quellen: Robert Half, Hays, Michael Page, Fricke Finance & Legal

All diese CFOs sind in ihrer Jugend durch die harte Schule der Wirtschaftsprüfung gegangen, konnten dabei aber schon von Anfang an gutes Geld verdienen. Fricke Finance & Legal zufolge kann ein Berufseinsteiger nach dem Studium mit rund 40.000 Euro rechnen, nach bestandenem Wirtschaftsprüfungsexamen sind dem Personaldienstleiter zufolge aber schon rund 100.000 Euro an Gehalt möglich.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de

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Einen detaillierten Überblick über die verschiedenen Berufsbilder im Finanzbereich – einschließlich Ausbildung, Karrierewege und Gehaltsentwicklungen – finden Sie auf unserer Themenseite Jobs in Finance.

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Nach vier langen Jahren haben Mitte April die EU-Kommission, das EU-Parlament und der Europäische Rat dem Entwurf zur Reform der Abschlussprüfung zugestimmt. Was das für Wirtschaftsprüfer, Aufsicht und Unternehmen heißt, ist noch lange nicht eindeutig geklärt. Aber eines ist schon sicher: Bei der Prüferaufsicht hat eine Machtverschiebung stattgefunden.

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Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.