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“Männerdominierte Machowelt”

Über WAS willst du schreiben? Homosexualität in der Finanzabteilung? Aber das ist doch heutzutage gar kein Thema mehr. Schließlich hat Homosexualität nichts mit der Arbeit zu tun.“ Kein Thema. Ein vernichtenderes Urteil gibt es zu einer Artikelidee nicht. Und irgendwie schien mein Kollege ja auch recht zu haben. Ziemlich defensiv fiel daher meine Antwort auf den Einwand aus: „Mach ich trotzdem.“ 

Zwei Wochen später traf ich Jurgen Daenens, Manager Accounting und Controlling von eBay Deutschland in Berlin. Der 32-jährige Daenens macht um seine Homosexualität keinen Hehl. Nicht mehr. Als er nach dem Studium bei Coca-Cola in Belgien einstieg, behielt er es lieber für sich, denn: „Für Karriereeinsteiger spricht eigentlich alles gegen ein Outing. Gewinnen kann man nichts, verlieren dagegen viel. Geschichten darüber, dass Schwule es mit der Beförderung schwerer haben, kennt jeder aus seinem Bekanntenkreis. Und woher soll man wissen, wie der Chef über Schwule denkt, wenn es keine offen Schwulen gibt?“ Also ist es doch noch ein Thema? Auf das Argument meines Kollegen antwortet Daenens: „Eigentlich hat Ihr Kollege recht, denn mit der Leistungsfähigkeit hat Homosexualität nichts zu tun. Trotzdem: Auch wenn die sexuelle Neigung eigentlich kein Thema ist, ist sie es eben doch. Denn Berufliches und Privates lassen sich nur um einen hohen Preis trennen.“

Dieser Preis ist ein ewiges, kräftezehrendes und selbstverleugnendes Versteckspiel. Geschichten davon gibt es genug. Sie fangen mit semantischen Tricks an: „Wenn ich vom Wochenende erzählte, sprach ich von ‘meiner besseren Hälfte’“, so Wolfgang Schröder*, Manager einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, der sich inzwischen geoutet hat, aber trotzdem anonym bleiben möchte. Sie reichen weiter über das Foto der Alibifreundin auf dem Schreibtisch bis hin zur Scheinehe: „Insbesondere in strukturkonservativen Unternehmen und Abteilungen besteht weiterhin das Ideal eines bürgerlichen Lebensentwurfs: Frau, Kind, Haus. Schwule passen hier nicht rein. Um nicht anzuecken, investieren viele Schwule weiterhin viel Energie in eine dem Umfeld angepasste Scheinexistenz. „Manche heiraten eine Frau – nur der Karriere wegen. Ihr Privatleben verbringen sie mit dem Freund, zu Betriebsfeiern kommt die Alibifrau“, berichtet Albert Kehrer, Vorsitzender des Völklinger Kreises, dem Bundesverband schwuler Führungskräfte. Der 53-jährige Hans Schreiber*, Leiter Research einer deutschen Bank, hat Bekannte, die zwei private Festnetznummern hatten: Klingelt die eine, darf der schwule Partner zu Hause drangehen, die andere ist für Kollegen und andere, die besser nichts von der Homosexualität erfahren sollen.

Keine Lust auf Ausreden

Auf ein Versteckspiel ließ sich Daenens nur für kurze Zeit ein. Denn in der jungen Coca-Cola-Truppe dauerte es nicht lange, bis seine Kollegen den Single verkuppeln wollten: „Als eine Kollegin aus Deutschland zu einer Betriebsbesichtigung zu uns kam, versuchten meine Kollegen, uns zusammenzubringen. Ich musste erkennen, dass sich Berufliches und Privates eben doch nicht trennen lässt. Denn irgendwann werden aus Kollegen Freunde – und dann spielt natürlich auch das Private eine Rolle. Ich hatte keine Lust, mir Ausreden für weitere Verkupplungsversuche ausdenken zu müssen. Also beschloss ich, mich zu outen.“ Auch Wolfgang Schröder hatte nach einiger Zeit keine Lust mehr auf die Scheinwelt: „Ich hatte einen festen Partner. Nach drei gemeinsamen Jahren dachte ich mir: ‚Bessere Hälfte‘ ist Quatsch. Er ist mein Freund, und wir gehören zusammen. Das sollen auch alle wissen.“ 

So weit die theoretische Erkenntnis, doch wie die Botschaft rüberbringen? „Ich wusste nicht, wie ich mich outen sollte“, erzählt Daenens. „Einfach sagen: ‚Übrigens, ich bin schwul‘ erschien komisch – eben weil das ja mit der Arbeit nichts zu tun hat.“
Bei Daenens wie auch bei Schröder landete die Lösung in Form einer Einladung auf dem Schreibtisch: eine Einladung zu einer Betriebsfeier „+1“. Schröder machte Nägel mit Köpfen: „Ich ging zu unserem Office-Leiter und fragte, ob ich meinen Partner mitbringen kann. Der zuckte nicht mit der Wimper. Ab da wussten es alle.“
Für Daenens war es etwas komplizierter, er hatte keinen Freund. „Also fragte ich einen Kumpel, ob er für einen Abend mein Partner sein wollte. Er spielte mit.“ Auch bei Daenens verlief das Outing ohne große Komplikationen: „Mein Chef war ziemlich unbeholfen, bemühte sich aber um Normalität. Meine Kollegen verstanden endlich, warum ich mich nicht für ihre attraktiven Damen interessiert hatte. Und ich war sehr erleichtert, dass die Verkupplungsversuche ein Ende hatten.“ 

Schröder und Daenens haben die Entscheidung nie bereut, denn zu einem unumgehbaren Karrierehemmnis ist die offene Homosexualität für beide nicht geworden. Schröder: „Ich wurde mehrfach bei der Beförderung vom Projektleiter zum Manager übergangen. Ich weiß auch, welcher unserer Partner gegen meine Beförderung war. Ob es an meiner Homosexualität lag, weiß ich aber letztendlich nicht. Aber im Endeffekt habe ich den Karrieresprung doch geschafft.“

Falscher Ort, falsche Zeit

Bei Daenens wurde das Handicap dagegen deutlich: „Als ich für Coca-Cola in Berlin arbeitete, legte ich mich mächtig ins Zeug – 80 bis 90 Stunden pro Woche waren Normalität –, und ich bekam auch sehr gute Arbeitsbeurteilungen. Trotzdem wurde ich bei der Beförderung übergangen. Irgendwann nahm mich ein Senior Fin-ance Manager zur Seite und erklärte, dass meine Lebensführung nicht von allen gutgeheißen würde und daher einer Beförderung im Weg stünde.“ Kehrer weiß: „In vielen deutschen Unternehmen herrscht ein Klima, in dem man nicht offen mit dem Thema umgehen kann. Homosexualität stößt weiterhin auf Unverständnis und Ablehnung“. Einen offen schwulen DAX-Vorstand gibt es nicht – „sehr unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass knapp 10 Prozent der Bevölkerung homosexuell sind“, so Kehrer.

Offiziell ist Homosexualität also kein Problem, nicht einmal mehr ein Thema. Homophobie gibt es aber weiterhin, und wer mit dem Chef Pech hat, kann auch heute noch an eine Glasdecke stoßen. Kehrer kennt über seinen Schwulenverband viele Fälle: „Outet man sich zur falschen Zeit und unter dem falschen Chef, kann dies das Ende der Karriere bedeuten.“ Und Daenens sagt: „Bei Coca-Cola in Deutschland hätte ich mich nicht geoutet. Von einem Chef, der frauenfeindliche Witze macht, ist auch in Bezug auf Schwule nicht viel zu erwarten.“ Aber auch wer als Chef offen schwul ist, hat es nicht unbedingt leicht. Das musste der Banker Schreiber erleben: „Am Anfang hatte ich ältere Mitarbeiter, die mit einem schwulen Chef Probleme hatten. Mir gegenüber sagte zwar niemand etwas, man wandte sich lieber direkt an meinen Vorgesetzten. Es dauerte einige Zeit, bis ich Vorurteile abbauen konnte. Im machogeprägten Umfeld kratzt ein schwuler Chef am Selbstverständnis. Viel schwieriger noch als in internationalen Großkonzernen – auch Coca-Cola hat 2008 eine Diversity-Charta unterzeichnet – ist die Situation im Mittelstand. Schreiber kann dazu eine Anekdote beitragen: „Über Jahre hatte ich einen sehr guten Kontakt zu einem geschäftsführenden Gesellschafter eines mittelständischen Unternehmens aufgebaut. Eines Tages war er völlig aufgelöst: Sein Sohn, designierter Nachfolger, hatte sich geoutet. ‚Ein schwuler Geschäftsführer? Unmöglich!‘, sagte er mir verzweifelt.“ Nie hatte Schreiber seine Homosexualität Kunden gegenüber thematisiert. Jetzt machte er eine Ausnahme, und dem Geschäftsführer fiel fast die Kinnlade herunter. „Wenige Wochen später meldete er sich bei mir. Er habe ein sehr gutes Gespräch mit seinem Sohn gehabt, vielleicht klappe es doch noch mit der Nachfolge.“ Einmal fragte Schreiber den Autokonzern Ford, warum er nicht für die mittelständischen Zulieferer ein paar Veranstaltungen zum Thema organisierte. „Zwar ist Ford sehr stolz auf sein tatsächlich gutes Diversity-Management. Eine Veranstaltung für Mittelständler war ihnen aber trotzdem zu heiß, ‚dies ist derzeit schwierig‘, hieß es.“ 

Exklusives Networking für Schwule

Andererseits: Schwule sind zwar eine Minderheit und damit vielleicht einzeln angreifbar. Als Gruppe aber sind sie stark – vor allem wenn sie in Metropolen wie Berlin leben. „Als ich nach Berlin kam, lernte ich schon bald die einschlägigen Schwulenlokalitäten kennen“, erzählt Daenens. „Und dort trifft man sie: vom Botschafter bis zum DAX-Vorstand. Von meinen Networking-Möglichkeiten können Heteros nur träumen.“ Auch in Großkonzernen, die homosexuelle Netzwerke fördern, können Schwule über Hierarchie- und Bereichsgrenzen hinweg Kontakte knüpfen, die Heteros nicht offenstehen. Auch die Karrieremesse für Homosexuelle ‘MILK 2010‘ – sie fand in diesem Jahr zum ersten Mal statt – bietet einen exklusiven Zugang zu den Personalabteilungen vieler Großkonzerne.

Weiter Weg 

Eine Karrieremesse für Homosexuelle? Braucht es das wirklich? Daenens findet schon: „Finanzabteilungen sind männerdominierte Machowelten. Eine Karrieremesse kann helfen, Unternehmen zu identifizieren, die sich Diversity zumindest auf ihre Fahnen schreiben. Dort hat man immerhin jemanden, an den man sich wenden kann, wenn einem die Sprüche zu blöd werden oder die Beförderung ausgesetzt wird.“ Auch Kehrer sagt: „Wer das Gefühl hat, sich in seinem Unternehmen nicht outen zu können, sollte den Arbeitgeber wechseln. Eine Karrieremesse wie die ‚Milk 2010‘ bietet eine gute Gelegenheit, sich zu informieren und Erfahrungen auszutauschen.“Bei eBay fühlt sich Daenens jedenfalls wohl: „Hier arbeiten jede Menge Schwule. Zwar hat eBay Deutschland kein Diversity-Programm, beschäftigt aber Homosexuelle aus der ganzen Welt, die von der sehr lebendigen Schwulenszene in Berlin angezogen werden.“ Abgesehen davon, dass Daenens findet, nicht nur Hetero-Mitarbeiter mit Kindern sollten während der Schulferien frei bekommen, ist Homosexualität dort tatsächlich kein Thema mehr. Aber: „Auf der ‚Milk 2010‘ ist mir im Gespräch mit anderen Schwulen klar geworden, wie gut es mir in Berlin und in einem sehr offenen internationalen Großkonzern geht. Wäre schön, wenn Ihr Kollege irgendwann recht hätte“, wünscht sich Daenens. „Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.“

Name von der Redaktion geändert.

katharina.schlueter(*)finance-magazin(.)de

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