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Mit Kind auf dem Chefposten

Wer trotz Karriere Kinder haben möchte, muss nicht nur gut organisiert, sondern auch kreativ sein.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Dass Yahoo sich ausgerechnet beim Erzrivalen Google bedient hat, als der Chefposten neu besetzt werden sollte, hätte für sich genommen schon genug Schlagzeilen verursacht. Aber die Personalie Marissa Mayer ist weitaus brisanter: Die US-Amerikanerin ist nicht nur eine von wenigen Frauen auf dem Chefsessel eines internationalen Top-Konzerns, sondern erwartet Anfang Oktober auch noch ihr erstes Kind. Für viele bislang eine unvorstellbare Kombination. Dass der Fall Mayer in den USA spielt, ist dabei kein Zufall: „In den USA steht man diesen Themen grundsätzlich flexibler gegenüber als in Europa“, sagt Stephan Füchtner, geschäftsführender Gesellschafter von Gemini Executive Search, „aber auch in skandinavischen Ländern sind zum Beispiel Fragen wie die der Kinderbetreuung fortschrittlicher gelöst.“

Einen für Europa ganz neuen Vorstoß hat vor Kurzem das britische Transportunternehmen Addison Lee gewagt: Die Mitarbeiter dürfen mittlerweile ihre Kinder mit zur Arbeit bringen – der Nachwuchs wird allerdings nicht in Krippen oder Kleingruppen „geparkt“, sondern darf den Arbeitstag der Eltern gemeinsam mit diesen im Büro verbringen. Das Angebot gilt für Angestellte aller Ebenen – und ist auch an oberster Stelle bereits auf Gegenliebe gestoßen: „Elf Elternteile haben die Möglichkeit bereits genutzt, darunter vier Väter. Im Moment haben wir auch einen Senior Manager, der sein Baby mit in das Büro bringt“, berichtet Clare Mitchell, Head of Human Resources bei Addison Lee.

Skepsis in Europa

Auch wenn die Briten von ihrem Modell begeistert sind und sich einen ordentlichen Motivationsschub für die Mitarbeiter versprechen – in anderen Ländern stößt die Idee auf deutlich mehr Skepsis: „Ich habe meinen jüngeren Sohn zwischen Weihnachten und Silvester auch schon mit ins Büro genommen“, erzählt Andrea Neuroth, Geschäftsführerin von Kion Financial Services und zweifache Mutter, „aber an einem normalen Arbeitstag stelle ich mir das schwierig vor.“ Ohne Zweifel hätten Unternehmen aber noch deutlichen Nachholbedarf in Sachen Kinderbetreuung.

Selbst wenn gerade größere Firmen immer häufiger Betriebskindergärten anbieten – Karriere mit Kind kann nur machen, wer eine ordentliche Portion Flexibilität und Kreativität mitbringt. Karriereexperte Füchtner: „Kinderwunsch und Führungsposition zu vereinbaren erfordert ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft und Disziplin – vor allem bei der Mutter.“ Das kann Geschäftsführerin Neuroth, die kurz nach der zweiten Geburt wieder voll gearbeitet hat, aus eigener Erfahrung bestätigen: „Es gibt immer einen Weg, beides miteinander zu vereinbaren, vor allem in Führungspositionen, wo man auch finanziell mehr Möglichkeiten hat. Auf der anderen Seite ist es gerade emotional mit ganz kleinen Kindern auch nicht immer einfach, in Vollzeit zu arbeiten.“

Auch Marissa Mayer hat bereits angekündigt, wenige Wochen nach der Geburt Yahoo wieder voll zur Verfügung stehen zu wollen. Ob Yahoo aber eine von den 170 US-amerikanischen Firmen ist, die ähnliche Programme wie Addison Lee im Angebot haben, ist allerdings nicht überliefert.

sarah.nitsche[at]finance-magazin.de