Esprit

21.12.20
CFO

Chaos im Esprit-Vorstand

Der angeschlagene Modehändler Esprit braucht ein neues Management: CFO Johannes Schmidt-Schultes und CEO Anders Kristiansen verlassen das Unternehmen – und zwar dieses Mal wirklich.

Esprit kommt nicht zur Ruhe: CEO Anders Kristiansen und CFO Johannes Schmidt-Schultes kehren dem angeschlagenen Modehändler Ende Februar 2021 den Rücken, wie das Unternehmen mitteilte. Ihre Ämter als Executive Directors haben die beiden mit sofortiger Wirkung niedergelegt.

Gründe für den Abgang der beiden Manager nannte Esprit nicht. Die Ratinger erklärten lediglich, woran es nach Auslegung des Unternehmens nicht gelegen haben soll: Die beiden Vorstände hätten bestätigt, dass es „keine Unstimmigkeit mit dem Aufsichtsrat“ gegeben habe. Es gebe „keine Angelegenheiten in Zusammenhang mit dem Rücktritt, die den Aktionären des Unternehmens zur Kenntnis gebracht werden müssten“, betont Esprit explizit in einem ungewöhnlichen Statement auf der Investor-Relations-Seite des Unternehmens.

Esprit will Konzernzentrale nach Hongkong verlagern

Schmidt-Schultes hatte erst im Oktober 2019 den CFO-Posten bei Esprit übernommen. Er folgte auf Thomas Tang Wing Yung. Pikant: Als Grund für den Wechsel gab die Modekette damals an, die Positionierung im Kernmarkt Europa stärken zu wollen, wozu sich Tang nicht in der Lage sähe.

Der Modekonzern ist an der Hongkonger Börse notiert, erzielt jedoch gut die Hälfte des Umsatzes in Deutschland. Unter dem seit Juni 2018 amtierenden CEO Kristiansen sollte Europa noch stärker in den Fokus rücken.

Nur gut ein Jahr später folgt jetzt die Rolle rückwärts: Denn nun soll die Geschäftsführung nach Hongkong verlagert werden, wie Esprit erklärte. Die Suche nach Nachfolgern für Kristiansen und Schmidt-Schultes werde unverzüglich beginnen, so der Konzern. Die neuen Chefs werden dann wohl in der asiatischen Metropole ansässig sein.

Was will Großaktionärin Karen Lo bei Esprit?

Für Esprit gehen die Chaostage damit weiter: Seit im Juli mit North Point Talent überraschend ein neuer Großaktionär bei den Ratingern an Bord kam, geht es an der Personalfront hin und her. Hinter North Point Talent, die laut Angaben der Hongkonger Börse 25,97 Prozent der Anteile an Esprit halten, steht die Hongkonger Milliardärin Karen Lo.

Die Investorin hatte bereits im Sommer versucht, CEO Kristiansen und CFO Schmidt-Schultes auszutauschen und durch eigene Gewährsleute zu ersetzen. Doch nur knapp zwei Wochen nach dem Lo diese Forderung erhoben hatte, zog sie diese wieder zurück. Kristiansen und Schmidt-Schultes durften bleiben, Lo sprach ihnen das Vertrauen aus. Das währte aber offenbar nur kurz. Mutmaßlich raufte man sich damals zusammen, um die laufende Restrukturierung nicht zu gefährden.

Esprit-Töchter durchliefen Schutzschirmverfahren

Ende März hatte Esprit ein Schutzschirmverfahren für sechs deutsche Tochtergesellschaften beantragt. Als Grund nannte CEO Kristiansen seinerzeit die empfindlichen Umsatzeinbußen infolge des ersten Coronavirus-Lockdowns. Anfang Juli beschloss der Modekonzern dann, etwa die Hälfte der deutschen Filialen zu schließen.

Nachdem sich die Gläubiger auf einen laut CFO Schmidt-Schultes „signifikanten“ Schuldenschnitt eingelassen hatten, konnten die Töchter das Schutzschirmverfahren Ende November verlassen. Gegenüber dem Fachmagazin „Textilwirtschaft“ erklärte der Finanzchef damals, die Modekette zahle nun fast nur noch umsatzbezogene und keine fixen Mieten mehr. Zudem hätten Lieferanten, Sozialversicherer und Berufsgenossenschaften auf Geld verzichtet.

Esprit leidet schwer unter der Coronakrise. Erst Ende November haben sechs deutsche Tochtergesellschaften das Schutzschirmverfahren verlassen.

Esprit dankt CFO Schmidt-Schultes für Restrukturierung

Für diesen Einsatz bei der Restrukturierung bedankte sich Esprit nun bei Schmidt-Schultes. Er habe das Unternehmen „insbesondere in den letzten acht Monaten erfolgreich durch das Schutzschirmverfahren gesteuert und es gleichzeitig auf die neue wirtschaftliche Realität vorbereitet“, heißt es in der Mitteilung zur Personalie. Der Neuanfang wird nun aber ohne ihn stattfinden.

Vor seinem Engagement bei Esprit war Schmidt-Schultes als CFO beim Londoner Baustoffhersteller BMI Group tätig. Davor verantwortete er die Finanzen bei dem Immobiliendienstleister Apleona, dem Reifenhersteller Semperit sowie dem australischen Telekommunikationsunternehmen Telstra. Wohin es ihn nun zieht, ist nicht bekannt.

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