Der Maschinenbauer Francotyp-Postalia bekommt mit Martin Geisel einen neuen CFO.

Francotyp-Postalia

12.01.21
CFO

Francotyp präsentiert Günther-Nachfolger

Nach gewonnenem Machtkampf baut Neu-Chef Carsten Lind den Vorstand von Francotyp-Postalia um: Digitalchef Sven Meise geht, ein neuer CFO kommt.

Der Machtkampf aus dem vergangenen Jahr zieht weitere personelle Konsequenzen bei Francotyp-Postalia (FP) nach sich: Nun verlässt auch Digital- und Operations-Chef Sven Meise den Berliner Maschinenbauer. Er hatte sich bis zuletzt an die Seite von Ex-CEO und CFO Rüdiger Andreas Günther gestellt, der auf Betreiben des Großaktionärs Rolf Elgeti hin im November abberufen worden war. 

Meise war sechs Jahre lang Vorstand bei FP und unter anderem für das Softwaregeschäft verantwortlich. Dieses konnte die Wachstumserwartungen der Gesellschafter in den vergangenen Jahren jedoch nicht erfüllen. Auch infolgedessen hievte der Aufsichtsrat im vergangenen Jahr den Dänen Carsten Lind, einen Mann mit Private-Equity-Vergangenheit, in einer kuriosen Aktion als designierten CEO in den Vorstand – und das schon zu einem Zeitpunkt, zu dem der damalige Chef Günther noch verbissen um sein Amt kämpfte.  

FINANCE-Köpfe

Rüdiger Andreas Günther, Francotyp-Postalia Holding AG

1985 startet Günther seine berufliche Laufbahn als Investmentbanker und Country Manager bei der Continental Bank of Chicago. Ab 1988 zunächst als Bereichsleiter, später dann als Leiter des Zentralbereichs Finanzen von Metro setzt Günther Schwerpunkte in der Akquisitionsfinanzierung. Weitere Schwerpunkte sind die Etablierung des Finanz-Controllings, einer Risk-Management-Funktion und eines MIS-Systems für Finanzrisiken.

Bei dem Landmaschinenhersteller Claas durchläuft Günther ab 1993 verschiedene Managementfunktionen bis zum CFO und wird später auch noch Sprecher der Geschäftsführung. Mit der Übernahme von Renault Agriculture initiiert Günther den internationalen Geschäftsaufbau der Claas Gruppe und finanziert den Wachstumskurs mit innovativen Finanzierungsinstrumenten.

2007 geht Günther als CFO und Arbeitsdirektor zu dem Dax-Konzern Infineon. Dort baut er unter anderem eine Defense-Strategie gegen Hedgefonds und unfreundliche Investoren auf. Im Jahre 2008 wird er als CFO in den Vorstand von Arcandor berufen, um einen Sanierungsplan zu erarbeiten, der die Verselbstständigung der verschiedenen Unternehmensteile Thomas Cook, Karstadt und Quelle zum Ziel hat.

Im April 2012 wird Günther CFO des Technologiekonzerns Jenoptik, wo er die ERP-Struktur des Unternehmens mit Hilfe eines neuen SAP-Systems modernisiert. Das Projekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren und ein Budget von über 20 Millionen Euro. Günther verlässt Jenoptik im März 2015 und übernimmt im Januar 2016 den Vorstandsvorsitz bei dem Frankiermaschinenhersteller Francotyp-Postalia. Wie bereits sein Vorgänger übernimmt er dort gleichzeitig auch die Leitung des Finanzressorts. Im November 2020 unterliegt er in einem Machtkampf mit dem Großaktionär Rolf Elgeti und kehrt dem Berliner Unternehmen den Rücken.
   

zum Profil

Neu-CFO Martin Geisel kommt von ISS

Der nun initiierte Vorstandsumbau führt aber nicht nur zum Abschied von COO Meise, sondern auch dazu, dass Francotyp-Postalia erstmals seit vielen Jahren wieder einen dezidierten CFO in den Vorstand beruft. Der erfahrene Finanzer Günther – unter anderem Ex-CFO von Jenoptik und Claas – hatte von Anfang 2016 bis Ende 2020 die Finanzabteilung zusätzlich zu seinen Aufgaben als Vorstandschef mit geleitet.

Neuer CFO des Maschinenbauers wird nun Martin Geisel. Der 1960 geborene Diplom-Kaufmann war die vergangenen elf Jahre Finanzchef bei ISS Facility Services, einem Gebäudedienstleister mit Sitz in Düsseldorf, der über 12.000 Mitarbeiter beschäftigt und eine Tochter des dänischen ISS-Konzerns ist. Davor war Geisel zwölf Jahre lang Finanzmanager bei dem US-amerikanischen Mischkonzern Danaher, der ihn während dieser Zeit unter anderem als Finanzchef zu dem Mittelständler Leica Microsystems entsandt hatte.

Börse blickt skeptisch auf Francotyp

Eine von Geisels Hauptaufgaben dürfte es sein, den Ruf von Francotyp-Postalia am Kapitalmarkt wieder aufzubessern. Das Renommée hat erkennbar unter der konfliktreichen und undurchsichtigen Ablösung von Ex-Chef Günther gelitten. Während die Börsen in den zurückliegenden drei Jahren neue Rekordmarken erreichten und viele Aktienkurse sich längst wieder von dem Corona-Einbruch erholt haben, bewegt sich die FP-Aktie seit Jahren in einem hartnäckigen Seitwärtstrend mit leichter Abwärtstendenz. 

Zudem hat Neu-CEO Lind organisatorische und strategische Veränderungen angekündigt: Er will Francotyp-Postalia effizienter machen, die Kosten drücken und gleichzeitig den Umsatzanteil des Softwaregeschäfts aufbauen. Im Umfeld des Unternehmens und seiner Aktionäre kursiert zudem die These, dass der Ex-Finanzinvestor Lind planen könnte, den FP-Konzern zu zerschlagen und entweder die Zukunftsgeschäftsfelder rund um Software und IoT oder das Cashflow-starke, aber unter Druck stehende Stammgeschäft mit Frankiermaschinen zu verkaufen.
 
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de