Die Katze im Homeoffice kann auch Vorteile haben. So kann man trotz Homeoffice Karriere in der Finanzabteilung machen.

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29.06.21
CFO

So macht man Finanzkarriere aus dem Homeoffice

Keine Präsenz vor Ort, keine Karrierechancen mehr in der Finanzabteilung? Zwei Recruiter geben Tipps, wie man auch Remote die Karriere im Finanzbereich vorantreiben kann.

Früher war Homeoffice in der Welt der Finanzabteilung fast nur Projektarbeitern und externen Beratern vorbehalten. Das hat sich durch Corona schlagartig geändert. „Der erste Lockdown hat Mitarbeiter und Führungskräfte vor große Herausforderungen gestellt“, erinnert sich Marcus Lindmayer, der als Bereichsleiter Finance bei Hays viele Karriereaspiranten betreut.

Karriere im Home Office ist möglich

Jetzt, mehr als ein Jahr später, ist Homeoffice in den meisten Unternehmen üblich. Das bedeutet: Auch Karrieren und Talente müssen remote entwickelt werden. Lindmayer sieht darin keine großen Hinderungsgründe, trotzdem den Karriereturbo zu zünden: „Sichtbarkeit, Präsenz und Kommunikation sind auch in Zeiten von Homeoffice möglich. Viele Mitarbeiter der Finanzabteilung, etwa im Controlling  oder im Treasury, sind im Homeoffice ebenfalls zu starken Leistungen aufgefahren.“

Doch Lindmayers Kollegin Katharina Hain, Senior Department Managerin bei Hays, formuliert auch eine Bedingung: „Um so weit zu kommen, muss erstmal eine neue Arbeitsstruktur im Homeoffice gefunden und etabliert werden.“ Dabei müsse es gar nicht der abgeschlossene Raum in der Wohnung oder das Anlegen der Krawatte für Video-Calls sein. „Wenn die gleiche Produktivität wie sonst im Büro erreicht werden soll, spielt auch Achtsamkeit eine entscheidende Rolle. Dazu gehört vor allem das Einhalten regelmäßiger Pausen.“

Wenn diese Vorrausetzungen gegeben seien, und die Mitarbeitenden ein gutes Selbstmanagement praktizieren, kämen Priorisierung und Strukturierung – wie man sie aus der Arbeit im Büro gewohnt ist – von ganz alleine, meint Hain. Und dann könne man auch vor dem Chef glänzen.

Eine wichtige Beobachtung haben die beiden Manager nach mehr als einem Jahr Homeoffice schon gemacht: „Die Ergebnisorientierung rückt viel mehr in den Vordergrund.“ Im Büro spielten Erscheinungsbild und die soziale Komponente eine größere Rolle, im Homeoffice hingegen eher die Arbeitsgeschwindigkeit und die Fähigkeit, eigenverantwortlich zu arbeiten. „Die Vorgesetzten können Arbeit dadurch wesentlich ergebnisorientierter bewerten“, sagt Karriereexperte Lindmayer.

Bei aller Ergebnisorientierung darf man – wenn man Karriereambitionen hat – die Kommunikation mit den Vorgesetzten freilich nicht vernachlässigen. Was ist die Erwartungshaltung an mich? Welche Schritte muss ich machen, um im Unternehmen aufzusteigen? Diese Fragen sind genauso wichtig wie eh und je.

Präsenz zeigen auch im Homeoffice

Vorteil Homeoffice: „Es gibt Entwicklungen, die dafür sorgen, dass Mitarbeiter trotz Remote-Work definitiv Initiative und Präsenz zeigen können“, macht Lindmayer Mut – und nennt einige Beispiele: So sei während Corona die Anzahl sogenannter Ad-hoc-Aufgaben stark angestiegen, also Aufgaben, die ereignisspezifisch abgearbeitet werden müssen. Berichte zu Einsparpotentialen, Liquidität sowie Zwischenbilanzen sind seit Ausbruch der Pandemie besonders gefragt.

Leistung sei hier natürlich das beste Mittel, aber wiederum auch nur ein Teil des großen Ganzen, sagt Katharina Hain. „Das PPP: Progress, Plans, Problems ist hier das Stichwort. Als Mitarbeiter kann man beispielsweise über einen bestimmten Arbeitszeitraum hinweg die eigene Leistung individuell Revue passieren lassen und der Führungskraft von Erfolgen, Problemen und Plänen berichten, die sich währenddessen eingestellt haben.“

So ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ein regelmäßiger Austausch zu diesen entscheidenden Punkten kann ohne Weiteres zur Grundlage eines persönlichen Entwicklungsplans werden. Und mit erkennbaren Fortschritten zeigen Mitarbeiter automatisch regelmäßig Präsenz bei ihren Vorgesetzten.

Schwieriger geworden ist das Agieren auf einer gemeinsamen persönlichen Ebene zwischen Chefs und Mitarbeitern. Aber auch hier gilt es, aus den coronabedingten Nachteilen das Beste zu machen: „Remote-Work kann auch persönliche Nähe schaffen“, meint Lindmayer. „Wenn die Katze beim Vorgesetzten über die Tastatur läuft oder das Kind in den Raum hinein kommt, lernen sich Kollegen plötzlich von einer ganz anderen Seite kennen.“ Auch die Führungskraft noch nach Feierabend erreichen zu wollen, sei unter Homeoffice-Bedingungen manchmal wichtig, wenn Mitarbeiter mit schwierigen Themen konfrontiert sind, fügt Hain hinzu.

So finden Führungskräfte remote die besten Talente

Andersherum, also Talente zu entdecken und zu fördern, ist das Arbeiten in der Remote-Welt leichter, meinen die beiden Experten: „Das klappt nach unserer Beobachtung in den meisten Firmen ganz gut“. Sie geben Vorgesetzten Tipps, ihre Mitarbeiter nicht nur selbst zu beurteilen, sondern auch Einschätzungen von anderen Projektmitarbeitern einzuholen, die einen anderen Blickwinkel als sie selbst haben. Oft können Gleichgestellte auch die sozialen Kompetenzen eines Kollegen besser beurteilen als die Vorgesetzten.

Und auf diese kommt es an, schließlich ist Homeoffice in weitaus stärkerem Maße Vertrauensarbeit als das Arbeiten Seite an Seite im Büro. „Je größer das gegenseitige Vertrauen zwischen Führungskraft und Mitarbeiter, desto besser ist das für die Ergebnisqualität“, sagt Hain.

„Je größer das gegenseitige Vertrauen zwischen Führungskraft und Mitarbeiter, desto besser ist das für die Ergebnisqualität.“

Katharina Hain, Senior Department Managerin bei Hays

„Um das Team im Homeoffice richtig zu motivieren, sollten Führungskräfte von ihren Mitarbeitern aber nur das verlangen, was sie selbst auch vorleben, getreu dem Motto ‘leading by example‘“. Denn nur dann sei ein authentischer Führungsstil, auf dem ein Vertrauensverhältnis aufzubauen ist, möglich. Ihr Rat: Klare Ziele definieren und sich regelmäßig darüber austauschen.

Remote-Work ist Wettbewerbsvorteil

Weiterhin im Notfallmodus zu verharren und auf die schnelle Rückkehr des Büroalltags zu setzen, hat sich hingegen überlebt. Anders als zu Beginn der Pandemie gedacht, ist Remote Work keine kurzzeitige Notlösung – es wird bleiben. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung mit dieser neuen Form des Arbeitens: Remote-Work ist Wettbewerbsvorteil. „Viele Unternehmen denken gerade darüber nach, wie sie das System Homeoffice und Präsenzkulturen integrieren können“, erzählt Lindmayer. Längst nicht alle Angestellten wollen ohne weiteres in die „alte Welt“ der täglichen Büroarbeit zurückkehren.

Wer eine starke Präferenz für das Homeoffice entwickelt hat, dem geben Hain und Lindmayer einen Karrieretipp: Unternehmen geben vermehrt Jobanzeigen auf, in denen ein bestimmter Zeitanteil als Möglichkeit zur Remote-Work angegeben und auch versprochen wird. Das hilft ihnen bei der Differenzierung zum Wettbewerb. Solche Anzeigen können ein Hinweis darauf sein, dass bei diesen Unternehmen auch gute Remote-Karrierechancen bestehen.

Auch Führungskräfte können dies nutzen, um ihren Talent-Pool zu vergrößern: Der Suchradius für Stellenausschreibungen kann signifikant erweitert werden. Aber für beide Seiten hat das auch Grenzen: „Es ist illusorisch anzunehmen, als Arbeitnehmer ein Häuschen in Brandenburg zu wollen und nur einmal im Monat ins Büro nach Berlin zu fahren“, warnt Lindmayer. Zumindest Führungskarrieren ließen sich so heute noch nicht machen.

jan.schuermann[at]finance-magazin.de 

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