CFO Carsten Bovenschen auf der Baustelle der Gigafactory von Akasol in Darmstadt: Coronabedingte Verzögerungen am Bau hätten das Hightech-Unternehmen in die Bredouille gebracht.

Akasol

10.07.20
CFO

„Wir können uns keine Pause leisten“

Viele Finanzchefs fahren in der Coronakrise auf Sicht. Akasol-CFO Carsten Bovenschen kann sich das nicht erlauben. Warum, erzählt er in seinem neuen Corona-Bericht.

„Bei Akasol lagen in den vergangenen Wochen Anspannung und Entspannung nah beieinander. Das Positive vorne weg: Unsere Lage beim Working Capital entspannt sich peu à peu! Das ist nicht nur unternehmerisch erfreulich, sondern auch für mich als CFO persönlich, schließlich trete ich jetzt meinen Sommerurlaub an.

In meinem vorherigen Bericht Mitte Mai hatte ich Ihnen erzählt, dass wir auch während des coronabedingten Lockdowns in Europa unsere Batteriesysteme für den Nutzfahrzeugmarkt ohne Unterbrechung weiter produziert haben – obwohl es in unseren Kundenwerken Blockpausen gab. Doch die Kunden hatten ihre für dieses Jahr bei Akasol avisierten Stückzahlen nicht revidiert, sondern größtenteils bestätigt.

Um unsere Produkte nach dem Wiederanlaufen der Kundenwerke zügig ausliefern zu können, haben wir weiter produziert. Denn wir wollen ein verlässlicher Partner sein, der die nach dem Ende der Krise zu erwartenden Nachholeffekte planmäßig bedienen kann.

Ende Mai war unser Lager dann tatsächlich gut gefüllt. Doch Anfang Juni kamen die Blockabrufe zurück, und der Juni wurde zum absatzstärksten Monat des Jahres. Auch wenn wir aktuell immer noch mehr Vorräte als üblich haben, schmelzen die Lagerbestände sukzessive ab, und die Liquidität in unserer Unternehmenskasse erholt sich. 

CFO Bovenschen will refinanzieren

Dennoch haben die Corona-Pausen bei unseren Kunden dazu geführt, dass im ersten Halbjahr fest eingeplante Cashflows ausgeblieben sind. Und parallel dazu stieg nicht nur das Working Capital, auch unser Investitionsprogramm lief weiter. Als CFO muss man in so einer Situation aufmerksam sein und auch vor besonderen Maßnahmen keine Scheu haben. Diese sehen vor, über Akasol ein Sicherheitsnetz aufzuspannen, um auf weitere mögliche Schließungen der Kundenwerke im Zuge einer zweiten Pandemiewelle vorbereitet zu sein – auch wenn wir natürlich hoffen, dass es dazu nicht kommen wird.

FINANCE-Köpfe

Carsten Bovenschen, Akasol AG

Im Jahr 1994 schließt Bovenschen sein Studium ab und beginnt seine berufliche Karriere als Assistent der Geschäftsleitung der BBmedica, 1995 wechselt er als Head of Controlling zum Logistikunternehmen Scansped, das heute zu Schenker gehört. Von Mai 2000 bis zum Erwerb der Anteile durch ITT Industries 2004 ist Bovenschen Finance Director bei dem börsennotierten Wassertechnologie-Unternehmen Wedeco, davon 16 Monate als CFO der US-Tochtergesellschaft.

Im April 2004 wechselt er als Bereichsleiter Konzernfinanzen zur Coveright Surfaces Holding, einem Spin-off der niederländischen Akzo Nobel. Von Mai 2007 bis Dezember 2010 ist er Finanzvorstand beim Solar-Maschinenbauer Roth & Rau. Ab Juni 2012 ist er CFO bei Solarwatt – zunächst  als Mitglied des Vorstands, nach dem Rechtsformwechsel im Januar 2013 als Geschäftsführer und Gesellschafter.

Im Januar 2018 tritt Bovenschen von seinem Posten als Finanzvorstand bei Solarwatt zurück. Ein Jahr später wird er CFO bei dem kurz zuvor an die Börse gegangenen Batterieproduzenten Akasol.

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Was wäre so ein Sicherheitsnetz für das Unternehmen? Gegebenenfalls eine auf bis zu zwei Jahre angelegte Back-up-Finanzierung, die unkompliziert zurückgeführt werden könnte. Auch wenn ich den KfW-Corona-Hilfen aufgrund der an sie geknüpften Bedingungen nicht ohne Skepsis gegenüber stehe, tendiere ich derzeit dazu, sie aufgrund der Haftungsfreistellung für unsere Hausbanken im Umfang von 80 Prozent auch für Akasol zu beantragen.  

„Ich will über Akasol ein Sicherheitsnetz aufspannen.“

Das erleichtert nicht nur die Verhandlungen mit den Banken, sondern lässt unseren alten Kreditspielraum bei diesen Instituten auch nach der Kreditaufnahme noch bestehen. Diesen benötigen wir, um gleichzeitig die Passivseite neu zu ordnen – eine Aufgabe, die ich ohnehin angehen wollte. Akasol hat derzeit verhältnismäßig viele kleine, bilaterale Finanzierungen im Einsatz – die typische „gewachsene Struktur“. Es ist an der Zeit, uns in dieser Hinsicht besser aufzustellen. Da unser Geschäft nun wieder anspringt, bin ich guter Dinge, dass wir hier bis zum Jahresende einen großen Schritt weiter sein werden.

Akasol-Gigafactory wächst

Die geplante Refinanzierung ist aber nicht das einzige Thema, welches bei uns gerade für positive Anspannung sorgt. Wir stehen auch kurz vor dem Abschluss beim Ausbau unserer Produktionskapazitäten – Akasol ist im Umzugsfieber! Der Bau unserer Gigafactory 1 im Südwesten von Darmstadt schreitet planmäßig voran, so dass die Verwaltung wie geplant im September das neue Headquarter beziehen wird. Bis dahin sollte auch der Rohbau der Fertigungshalle stehen, damit wir rasch damit beginnen können, die vollautomatisierten Produktionsanlagen einzubauen. Dann kann die Produktion starten!

Die Kapazitäten brauchen wir dringend, um den jetzigen Auftragsbestand von insgesamt 2 Milliarden Euro in den kommenden Jahren rechtzeitig abarbeiten zu können und damit unseren Lieferverpflichtungen nachzukommen. Coronabedingte Verzögerungen oder gar eine Pause beim Ausbau unserer Werke können wir uns deshalb nicht leisten.

Insgesamt investieren wir zwischen 2019 und 2021 den Großteil der Erlöse aus unserem Börsengang im Jahr 2018. In unserer neuen Gigafactory 1 produzieren wir bald Ultra-Hochenergie-Batteriesysteme der dritten Generationen für Nutzfahrzeuge wie Busse. Mit ihnen werden Reichweiten von bis zu 800 Kilometer möglich!

Augmented Reality für Akasols US-Werk

Die noch größere Herausforderung liegt aber in den USA. Wir sind gerade dabei, dort unsere Gigafactory 2 samt Verwaltung, Service und Vertrieb aufzubauen. Damit befinden wir uns ebenfalls auf der Zielgeraden. Unser US-Werk entsteht in Hazel Park im Großraum Detroit. Es muss sogar schon Ende August die Produktion aufnehmen.

Bei diesem Projekt haben wir es mit zwei ungeplanten Herausforderungen zu tun: den anhaltend hohen Infektionsraten in den USA und den damit verbundenen Einreisebeschränkungen. Auch unsere Spezialisten, die ursprünglich den Produktionsstart begleiten und die US-Kollegen dabei unterstützen sollten, die Fertigungsanlagen aufzubauen, dürfen nicht einreisen.

Jetzt haben wir einen digitalen Weg eingeschlagen: Wir schulen die Kollegen vor Ort mit Hilfe einer so genannten „Augmented Reality“. Sie arbeiten mit 3D-Videobrillen direkt an den Produktionsmaschinen, und in Darmstadt sitzen Experten, die das Geschehen in Hazel Park live auf ihren Monitoren verfolgen und bei der Einweisung in die richtige Handhabe der Anlagen „digital“ mit anpacken. Das ist eine richtige Herausforderung, aber wir als Team werden sie gut meistern! Schließlich erfordern besondere Zeiten auch besondere Maßnahmen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

In dieser Reihe begleiten wir mehrere CFOs auf ihrem Weg durch die Coronakrise. Sie berichten ganz persönlich von ihren Erlebnissen beim Kampf gegen die Folgen der Krise in ihren Unternehmen. Mit dabei sind die CFOs Carsten Bovenschen (Akasol), Ralf Brühöfner (Berentzen) und Matthias Zieschang (Fraport).

Zu ihren bisherigen Erfahrungsberichten geht es hier („Wie in einem dystopischen Film“), hier („Die Corona-Arbeit macht mich mürbe“), hier („Corona ist uns immer näher gekommen“) sowie hier („Alle haben den Ernst der Lage erkannt“) und hier („Bald ist endlich Urlaub“). Alle gesammelt finden Sie auf unserer Themenseite CFO in der Coronakrise.