Mit welchen Fähigkeiten kann man derzeit als Finance-Bewerber besonders punkten?

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04.08.20
CFO

Worauf CFOs bei neuen Bewerbern achten

Was müssen Bewerber im Corporate-Finance-Bereich derzeit für Skills mitbringen? Sind durch Corona besondere Fähigkeiten in den Vordergrund getreten und spielt der Wohnort in Zeiten von Home Office überhaupt noch eine Rolle? FINANCE hat bei den CFOs nachgefragt.

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie hat sich die Situation für Finanzfachkräfte auf Jobsuche zuletzt deutlich verschlechtert. Wie der aktuelle Hays-Fachkräfteindex zeigt, ist die Anzahl der ausgeschrieben Stellen im zweiten Quartal dramatisch eingebrochen. Für Bewerber wird es demnach noch wichtiger, sich gut zu positionieren und die eigenen Stärken bestmöglich zu betonen. Doch mit welchen Fähigkeiten kann man denn derzeit besonders punkten?

Für Varta-CFO Steffen Munz gehören Cash- und Liquiditätsmanagement, Working Capital und ein breites Spektrum an Erfahrungen mit Finanzierungsinstrumenten aktuell zu den Muss-Kriterien im Corporate-Finance-Bereich. Zudem sollten Bewerber bereits Kreditverhandlungen mit Banken gemeistert haben – eine Fähigkeit, die in Krisenzeiten bei vielen Unternehmen gefragt sein dürfte. Auf der Kann-Seite stehen für den MDax-Finanzchef Kenntnisse von Systemen und Tools im Treasury-Bereich.

Neben der passenden Spezialisierung spielt aber auch der Karriereweg der Bewerber insgesamt eine Rolle. Wie gut passen sie zu dem Unternehmen und wie oft haben sie über den eigenen Tellerrand geschaut? Bei Nemetschek-Vorstandssprecher und CFOO Axel Kaufmann muss ein Kandidat beispielsweise neben Fachkompetenz und gutem Verständnis des Geschäftsmodells auch internationale Erfahrung und Persönlichkeit mitbringen. Auch Branchenerfahrung sei gern gesehen, aber kein Ausschlusskriterium.

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Dr. Axel Kaufmann, Nemetschek SE

Axel Kaufmann beginnt seine Karriere 1992 als Trainee bei der Deutschen Bank und promoviert berufsbegleitend. Vier Jahre später wechselt der Betriebswirt zu Siemens, wo er 2001 CFO eines Shared-Service-Bereichs im Großraum New York wird. 2004 kehrt Kaufmann nach Deutschland zurück. Dort zeichnet er zunächst für die kaufmännische Leitung einer Supply-Chain-Organisation innerhalb des Siemens-Konzerns verantwortlich. Anschließend wird er im Jahre 2005 kaufmännischer Leiter eines weltweit agierenden Software-Geschäftszweigs in der Konzernzentrale in München.

Nach elf Jahren im Siemens-Konzern zieht es Kaufmann 2007 erneut ins Ausland, er ist Teil der Startformation des Mergers mit der finnischen Nokia (heute: Nokia Networks) und operiert schwerpunktmäßig aus Helsinki. Bei dem deutsch-finnischen Joint Venture übernimmt Kaufmann zunächst die kaufmännische Leitung einer Business Unit, ein Jahr später überträgt man ihm alle vier Business Units, Kaufmann berichtet an den CFO. Im Jahr 2009 wechselt er aus dem Finanzbereich in die Konzernstrategie und übernimmt das Team der „Business Insights“ inklusive der globalen Markt- und Wettbewerbsanalyse.

Im Oktober 2010 erreicht Kaufmann dann die erste Führungsebene: Bei dem börsennotierten Familienunternehmen Koenig & Bauer in Würzburg übernimmt er den CFO-Posten. Als solcher ist Kaufmann für die Ressorts Finance, IT, Tax und Compliance zuständig. Später kommt noch das neu geschaffene Ressort Einkauf hinzu. 2011 wird der Finanzchef auch stellvertretender Vorstandschef bei dem in der Sanierung befindlichen Maschinenbauer.

Ende 2014 verabschiedet sich Kaufmann und nimmt ein Sabbatical, im Sommer 2015 wird sein Einstieg beim ebenfalls im SDax-notierten Groß- und Industrieküchenhersteller Rational bekannt. Dort beginnt er im Oktober 2015 und übernimmt binnen eines Quartals die Funktion des Finanzvorstands. Im Herbst 2019 kündigt er seinen Rückzug von Rational zum Jahresende an. Wenige Wochen später wird bekannt, wo es hinzieht: Er wird im Januar 2020 Vorstandssprecher und CFOO des Softwareentwicklers Nemetschek.

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Fachübergreifendes Denken gefragt

Auch Klaus Rudolph, Finanzvorstand beim Automobilzulieferer Swoboda, ist neben dem fachlichen Know-how besonders die Persönlichkeit wichtig: „Kommunikationsfähigkeit, Authentizität, Verlässlichkeit, Neugier, Loyalität, soziale Kompetenz und Teamfähigkeit“, zählt er als Muss-Skills auf. Als Kann-Kriterien sieht er Mehrsprachigkeit, Auslandserfahrung, Gewandtheit im Projektmanagement und Mobilität. Auch Detailwissen sei immer gefragt: „Bei den Führungskräften setzt man verstärkt auf Generalisten, während bei der Fachkarriere mehr Spezialisten gesucht werden.“ Junge Bewerber für das Controlling sollten bereits die Themen Digitalisierung und Business Intelligence verstärkt auf ihrer Agenda stehen haben, lässt Rudolf wissen.

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Klaus J. Rudolph, Swoboda Technologies

Im Rahmen seines Studiums zum Diplom-Volkswirt arbeitet Rudolph im Bereich Rechnungswesen bei Boehringer Ingelheim und in verschiedenen Funktionen bei Playa Hoteles S.A. in Spanien und Frankreich (unter anderem als Assistent des CFO). Nach seinem Studium steigt Klaus J. Rudolph 1995 direkt bei Boehringer Ingelheim ein, wo er die nächsten 15 Jahre verschiedene nationale und internationale Positionen im Finanzbereich bekleidet.

Unter anderem ist er wesentlich an der Einführung des Wertmanagement auf Konzern- und Länderebene beteiligt und  als Abteilungsleiter Planning and Control in Brasilien sowie als CFO in Portugal tätig. In beiden Funktionen trägt er wesentlich dazu bei, die Unternehmen erfolgreich  durch herausfordernde Marktbedingungen zu führen. Ab 2008 geht er im Auftrag des Pharmakonzerns als CFO UK & Ireland, Member of the Board und Company Secretary nach London.

Anfang 2011 wechselt Rudolph die Branche und wird CFO bei Saint-Gobain Oberland AG, einem Hersteller von Verpackungsglas. 2012 übernimmt er als Vorsitzender der Geschäftsführung zusätzlich zu seiner CFO Aufgabe die Maschinenbausparte (GPS) der Gruppe und leitet dort wesentliche Veränderungen am Geschäftsmodell ein. Ab 2014 unterliegt auch das Energiemanagement seiner Verantwortung. Im Januar 2016 verlässt Rudolph Saint-Gobain Oberland.

Im Februar 2016 übernimmt Klaus Rudolph die Position als Finanzchef bei dem Caravanhersteller Erwin Hymer.

Im Januar 2019 tritt Klaus Rudolph die Stelle des Kaufmännischen Geschäftsführers (CFO) bei der Swoboda Gruppe an und verantwortet dort die Bereiche Finanzen, Controlling, Einkauf und Informatik.

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Hoffmann-CFO Annette Stieve, die spätestens im Oktober als Finanzchefin beim SDax-notierten Industriekonzern Norma anfängt, erwartet von ihren Bewerbern cross-funktionales, unternehmerisches und fachbereichübergreifendes Denken, sowie einen ständigen Optimierungswillen. „Finance-Leute müssen Service-Dienstleister, aber auch permanente Antriebsfedern des Gesamtunternehmens sein“, sagt die erfahrene Finanzmanagerin. Die eigene Rollenauffassung dürfe nicht die eines reinen Reporters und Datensammlers, sondern die eines Gestalters und Analytikers sein.

Welche Fähigkeiten wegen Corona wichtiger werden

Die derzeitige Ausnahmesituation hat den Fokus auf gewisse Skills nochmal verändert, wie die Finanzexperten berichten. „Sicherlich treten zur jetzigen Zeit Cash-, Treasury- und Controlling-Themen in den Vordergrund“, sagt Annette Stieve. Zukunftsszenarien zu erstellen und modellieren zu können, sei ebenso wichtig wie belastbare Forecasts anzufertigen. Auch für Steffen Munz steht derzeit die Szenario-Planung ganz klar oben auf der Qualifikationsliste. Daneben sind Belastbarkeit und das Arbeiten im Krisenmodus gefordert. Für Nemetschek-CFOO Axel Kaufmann sind hingegen Kommunikation und Flexibilität die beiden derzeit stärker gefragten Attribute.

Eine Einschätzung die der selbstständige Interim-CFO Sven Schneider teilt. Durch den steigenden Home-Office-Anteil sei die Fähigkeit der Schnittstellenkommunikation und das Denken in übergreifenden Prozessen deutlich wichtiger geworden. „Wer arbeitet was zu, und wie und wann wird mein Input benötigt und verarbeitet?“ Diese Fragen müssen sauber geklärt werden.

Das habe nicht überall immer gut geklappt: „In meiner Wahrnehmung sind während Corona die Schwächen einzelner Mitarbeiter und Führungskräfte stärker sichtbar geworden, während in Präsenzzeiten diese Schwächen durch kurze Kommunikationswege mit Kollegen ausgeglichen werden konnten“, meint Schneider, der bei verschiedenen Industrieunternehmen wie Chemetall oder dem Kunststoffspezialisten Schlemmer tätig war.

Muss der Bewerber vor Ort sein?

Grundsätzlich sind sich die Finanzmanager aber einig, dass sich das Arbeiten im Home-Office bewährt habe und auch nach Covid-19 stärker genutzt werden dürfte. Über das zukünftige Ausmaß gibt es jedoch unterschiedlich Meinungen. So berichten Personaldienstleister wie Robert Half bereits über eine aufgelockerte Standortpflicht dank der erfolgreichen Heimarbeit. Auch Headhunter und CFO-Veteran Paul Taaffe kann bereits über Beispiele berichten: „Wir haben ein neues Interim-Projekt in Bremen und dort arbeiten Leute von Frankfurt aus zu und fliegen lediglich zu wichtigen Meetings dorthin.“ Auch bei den Festanstellungen könne er sich dies, abhängig vom Job-Typ, durchaus vorstellen. Allerdings würden sich die meisten Firmen immer noch wohler fühlen, wenn der Kandidat nicht ganz so weit weg wohnen würde.

Für Axel Kaufmann und Annette Stieve käme lediglich eine Mischform zwischen flexiblem Arbeitsplatz und Büroalltag in Frage. „Weder Mitarbeiter noch Unternehmen sehen ein 100-prozentiges Home Office als ideal an“, gibt Stieve ihre Erfahrung wieder. Die Antworten der CFOs zeigen deutlich: Die Akzeptanz für Home Office steigt, aber Bewerber sollten sich nicht darauf einstellen, dass in den Finanzabteilungen deutscher Unternehmen grundsätzlich keine Präsenzpflicht mehr gilt.

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Steffen Munz, Varta AG

Steffen Munz startet 2004 nach dem Studium als Consultant bei der Strategieberatung Roland Berger. Der Wechsel in die Industrie erfolgt 2008 als Leiter Group Controlling beim Medizinproduktehersteller Hartmann.

2011 vergrößert er seinen Verantwortungsbereich und wird bei dem Medizinproduktehersteller zum Divisional CFO. 2014 wechselt Munz als Segment-CFO zum US-Industriekonzern Gardner Denver, ein Portfolio-Unternehmen der Private Equity-Gesellschaft KKR. 2018 wird Munz Finanzvorstand (Group CFO) beim Batteriehersteller Varta.

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Varta-Finanzchef Munz lässt sich für FINANCE zumindest auf ein Planspiel ein und unterscheidet dabei ganz klar zwischen den Finanzabteilungen. „Einer transaktionalen Tätigkeit, also standardisierte, repetitive Prozesse wie beispielsweise in der Kreditoren- und Debitorenbuchhaltung, kann jemand bei guter digitaler IT-Infrastruktur auch vom Home Office aus nachgehen.“ Anders sehe es hingegen im Controlling aus, wo mehr Interaktion notwendig sei und daher aus seiner Sicht eine Vor-Ort-Präsent erforderlich sei.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

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